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28.11.2018, Jamal Tuschick

Ismael ist vier, als er eine Fünfzehnjährige aus den Augen verliert, die er für seine Schwester hielt, bevor ihm gesagt wurde, dass sie ihn zur Welt gebracht hat. Lucía Puenzos Roman „Die man nicht sieht“ entfaltet schon auf den ersten Seiten eine starke Sogwirkung.

Unsichtbare Mengen

Lucía Puenzo

Der Bahnhof Once de Septiembre, kurz Once, an der Plaza Misere in Buenos Aires ist zurzeit der Lebensmittelpunkt von Ajo. Der Sechsjährige vereint in seinem Repertoire ein halbes Dutzend bewundernswerter Fähigkeiten zwischen Trapezakrobatik, Äquilibristik und Bergsteigerartistik. Er geht Wände hoch wie Spiderman. Gemeinsam mit seiner pubertierenden Schwester Enana und deren Gefährten Ismael steigt Ajo in Häuser der Wohlhabenden ein. Das Trio handelt im Auftrag des korrupten Wachmannes Guida. Es entnimmt den Haushalten „unsichtbare Mengen“. Die Straßenkinder (mit den erwachsenen Augen) sind Spezialisten für Phantomdiebstähle. Geschädigte erkennen erst im Verlauf von Monaten ihre Verluste, ohne sie eindeutig einer Straftat zuordnen zu können.

„In der Regel mussten die Hausangestellten die Geschichte ausbaden, es gab Verdächtigungen, Anschuldigungen und Kündigungen.“  

Guida vermietet sein bestes Gespann. Die jungen Argentinier*innen überqueren illegal den Silberfluss, um mit ihren Talenten in Uruguay die Vermögen erwachsener Hehler zu vergrößern.  

Lucía Puenzo, „Die man nicht sieht“, Roman, aus dem argentinischen Spanisch von Anja Lutter, Wagenbach, 203 Seiten, 20,-

Der Roman entfaltet schon auf den ersten Seiten eine starke Sog- und Rauschwirkung. Ich habe „Die man nicht sieht“ in einem Rutsch gelesen. Puenzo entwickelt Charaktere an den Erwartungen vorbei. Ismael war jünger als „das Äffchen“ Ajo im Jetzt des Geschehens, als er ein Mädchen aus den Augen verlor, das er für seine Schwester gehalten hatte, bevor sich herausstellte, dass sie mit elf seine Mutter geworden war. Ismael wohnt zwar nirgendwo, nimmt aber Schauspielunterricht. Vom Kino fasziniert ist er, seit er als Neunjähriger einen Job ergattern konnte, bei dem er einen Filmvorführer entlastete und im Gegenzug im Kino schlafen durfte. Er ernährte sich von aufgeklaubten Popcorn- und abgekratzten Kaugummiresten. Er lebte wie ein Marder in der Stadt.

Eine Erinnerung an den Geruch der abtrünnigen Schwester-Mutter ist alles, was Ismael mit einer Familie verbindet. Manchmal steigt der Geruch in ihm auf, wenn er mit Enana schläft und sie in den Stadien Schwester, Mutter und Fremde ihm herleitet, dass es ihm unmöglich ist, etwas zu begreifen.

Sex ist leichter zu haben als Nahrung. Buenos Aires stellt sich dem Trio als gefährliche Wildnis dar. Straßenkinder werden totgeschlagen. Besorgte Bürger finanzieren Rollkommandos, um sich der Plage der Blagen zu entledigen.

In Uruguay läuft alles aus dem Ruder.  

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