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28.11.2018, Jamal Tuschick

Amos Mokadi - Engel in der Kuppel - 5. Folge

Die Königswürde von Jerusalem

Was zuvor geschah.

Sie haben es fast geschafft. Berta und Erich sehen die antike Hafenstadt Jaffa am Horizont – historisch die Kapitale von Kanaan. So was weiß der bildungsbürgerliche Nachwuchs aus Frankfurt am Main. Die geborenen Gymnasiasten sind auf der Flucht vor den Nazis. Sie wurden einer zionistischen Jugendgruppe untergejubelt. Mit ihren Elfenbeinturmansichten bremsen sie den praxisbezogenen Schwung der Aktivist*innen, die in Palästina einen Kibbuz nach vorn bringen wollen.

Geschichte wird gemacht.

Erich, der Abgehängte, denkt bei Jaffa an Derketo – der Hauptgöttin von Askalon – an Phönizier, Makkabäer, Hasmonäer, Römer. Die Stadt war christlich unter Konstantin, muslimisch unter Omar und wieder christlich nach dem Willen eines Gottfried von Bouillon – dem Verzichter auf die Königswürde von Jerusalem.

Erich taugt nicht zum Pionier. Er ist ein Weltflüchtiger, der mit der Weltgeschichte renommieren würde, ließe man ihn denn. Er wird aber links liegengelassen. Die Begleitumstände einer unbequemen Überfahrt (auf dem Frachter Galila) haben das großbürgerlich-intellektuelle Paar gespalten, es wie mit einem Keil auseinandergetrieben. Berta und Erich hatten sich so viel versprochen; sie wollten aneinander ihre Unschuld verlieren. Nun muss Erich auf dem Achterdeck zwischen Kisten, Bauholz und Tauen zusehen, wie ein Raubvogel Bertas ganze Aufmerksamkeit mühelos gewinnt.

Ja, der scharfgeschnittene Pole Issachar gleicht einem Habicht in seiner gleichgültigen Präzision. Er ist schon fast dreißig, also beinah doppelt so alt wie die jüngsten Flüchtlinge. Er ist schrecklich hager, militant fettlos und er stinkt nach Stall. Issachar obliegt die Sorge für die holländischen Spitzenbullen, die als Stammväter einer Zucht der Zukunft Israels dienen sollen. Issachar will die Stiere mit arabischen Rindern kreuzen und so die „hebräische Kuh“ als weltweit ergiebigste Milchlieferantin erzeugen.

Erich macht sich nichts aus Genetik. Sind sie, ist er den einschlägigen Protzereien der Nazis nur entkommen, um im Namen des Zionismus mit weiteren genetischen Experimenten im Geleit eines rassischen Überlegenheitsdenkens konfrontiert zu werden? …

Issachars Vision kennt die Angst nicht, etwas könne zu beschwerlich oder zu gefährlich sein. Seine Entschlossenheit erniedrigt Erich und raubt ihm das männliche Selbstbewusstsein. Er hat Issachar nichts entgegenzusetzen. 

Da schaltet sich Gruppenführer Menachem Schwarz ein. Er schneidet Issachar das Wort ab und ruft herrisch aus:

„Hört zu.“

So geht es weiter.

Menachem sang: „Oh mein Kamel, du Wüstenschiff, mein bester Freund, bringt mir Sifsif.“

Sifsif ist ein Kies, der an den nördlichen Stränden von Eretz Israel abgebaut und auf Kamelen ins Landesinnere zu Bauzwecken transportiert wird. (In der Gegenwart von 193x.)

Die Melodie riss alle mit und bald stimmte die ganze Gruppe ein, selbst Erich verweigerte sich nicht. Er musste irgendwie klarkommen und würde vielleicht auch eine andere Berta finden, mit der sich das Unglück kleinhalten ließ.

An dieser Stelle verliert der Erzähler wieder das Interesse an dem matten Mann. Mokadi unterscheidet nicht zwischen Introspektion und dem omnipotenten Text eines Allwissenden.

Jemand verlangte, nachdem das Lied geendet:  

„Genosse Menachem, erkläre uns nun, wie das Familienleben im Kibbuz aussieht? Wie weit geht in dieser Beziehung das kollektive Teilungsprinzip? Und bitte, verheimliche uns nichts, wir wollen die Wahrheit erfahren.“

Alle Augen richteten sich auf Menachem, der das sehr genoss. Er warf sich in die Brust und imitierte einmal wieder unbewusst Stalin. 

„Unsere Kollektive setzen sich mit allen gemeinschaftlichen und persönlichen Bedürfnissen auseinander. Der Punkt, den die Genossin gerade angesprochen hat, wird im ganzen Land diskutiert. Ich kenne drei ehemalige Paare, die jetzt in Dreierbeziehungen leben. Natürlich akzeptieren nicht alle diese Praxis; manche rümpfen die Nase, aber andere – was euch wundern mag – beneiden die Polygamen um den Mut, sich zu ihren Idealen zu bekennen. Wie sich das weiterentwickelt, wissen wir natürlich nicht.“

Diesmal blieb der Beifall aus. Die Herzen der jungen Pioniere schlugen höher zu romantischen Zweisamkeitsempfindungen. Da waren sich ohne Ausnahme alle einig.  

Endlich an Land und gleich im Kampf gegen Neophyten

Berta, die Judith genannt wurde, suchte stets die schwersten Arbeiten im Kibbuz. Bald übernahm sie Verantwortung für das Gemüsefeld. Im Morgengrauen zog sie die ältesten Shorts an, die ihr in der Kleiderkammer zugeteilt worden waren, verließ ihr Familienzelt und ging aufs Feld, um Hundszahngras aus dem Sumpf zu rupfen. Das extrem hartnäckige Unkraut war als gebietsfremde Art erst nach 1492 (dem Jahr der „Entdeckung“ Amerikas) ins Gelobte Land gelangt und extrem invasiv.

Der Erzähler springt in die Zukunft und überrascht mit der umgebungslosen Mitteilung, dass Berta nicht mit dem virilen Issachar eine Familie gegründet hat, sondern mit ihrem laschen Jugendfreund Erich, der ja, wie wir uns erinnern, schon mal komplett abgemeldet war.

Zehn arbeitsreiche Jahre verstrichen wie ein Tag, ehe Erich, nun Asher, und Judith, ihre „private Familieneinheit“ erweiterten. Jonah, ihr einziges Kind, wurde geboren. Zwanzig Jahre später fiel Jonah in einem der Kriege, in denen Israelis ihre Heimstätten verteidigten. Das Schicksal wollte es, dass Jonahs Freundin, eine sechzehnjährige deutsche Volontärin, von ihm rechtzeitig schwanger geworden war. Kurz nach dem Ende des Krieges, in dem sein Vater gefallen war, kam Jonah II. zur Welt und bald darauf verließ seine deutsche Mutter den Säugling und verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Jonah wuchs unter der liebevollen Aufsicht seiner trauernden Großeltern als aufgeweckter Israeli und geborener Anführer auf. Niemand fragte nach seiner Herkunft oder spielte darauf an, dass er in ungewöhnlichen Verhältnissen geboren worden war. Jonah war nicht nur intelligent, sondern auch der beste Freund, den man sich denken konnte, und darauf kam es an.

Nun schaltet Mokadi den grammatischen Turbo der Gegenwartsform ein, die Einwanderung ist Schnee von gestern. Aus Berta und Erich wurden Jonahs Großeltern, die Kibbuz-Veteranen Judith und Asher Pommeranz. 

Flammenzungen umspielen den Scheithaufen und verbreiten eine harzige Luft. Die Zungen versinken bläulich und lodern gleich wieder auf, verflechten sich zu gelben Wirbeln. Kinder sitzen um das Lagerfeuer auf einer Lichtung, die von Kiefern gesäumt wird. Wir sehen sie auf einem der Manaseeh-Hügel, die das Jesreel-Tal überragen. Wikipedia sagt: „Die Jesreelebene oder Marj Ibn ʿAmer, ist eine Ebene in Nordisrael zwischen den Bergen Galiläas und Samarias. Oft wird die Ebene einfach nur haEmek genannt, in der Bibel kommt auch die Bezeichnung Tal Esdrelon vor.“

Morgen mehr.

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