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28.11.2018, Jamal Tuschick

Die Verstecke in uns - Bemerkungen zur neuen "Jalta"

Fear and loathing in der postnationalsozialistischen Gegenwart

Nun liegt sie auf meinem Schreibtisch, die vierte Ausgabe der Zeitschrift „Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart“. Gleich der erste Beitrag richtet sich nicht allein an Leser*innen, vielleicht viel mehr sogar an Verbündete. Ich entbinde die Verbündeten von der Verpflichtung, sich als Zitat rahmen zu lassen. Die unversöhnlichen Interventionen, mit denen Max Czollek Deutschlands Zukunft verbindet, wirken sich am besten ohne Anführungszeichen aus. Man schickt nichts mehr voraus. Es wurden genug Grußadressen versendet. Nun informiert die intelligente Konfrontation.

Die Ausgabe versammelt zwölf Aufsätze unter der Verbindlichkeit „Gegenwartsbewältigung“ zu der Frage: „Wie wirkt die Vergangenheit in die Gegenwart hinein?“ Die Texte bilden eine Opposition gegen Schlussstrichforderungen. Sie demontieren die Konstruktionen rund um das „negative Gedächtnis“ als angeblich infamer Belastung einer durch Leistungen schuldfrei gewordenen Gesellschaft, die mit der „Auschwitzkeule“ in Duldungsstarre gehalten wird.

Ich überfliege die ersten Texte, finde keine Ankerpunkte. Verwehtes Interesse. Dann stoße ich auf den Satz: „Das bedeutet, dass auch wir, die Dritte und Vierte Generation, die Verstecke unserer Großeltern physisch in uns tragen.“

In „Ein Plädoyer für die Sichtbarkeit“ erzählt Ina Rosenthal wie sie zu ihrem Namen gekommen ist. Der Name liefert eine Spur zu dem Potsdamer Versteck, in dem Rosenthals Urgroßmutter das Dritte Reich überlebte. Ein Dachgeschoß bot dem Überleben einen schmalen Raum. Die Absonderung in Todesgefahr, der Arrest, die Zelle … formen sich in der Autorin nach und steuern Prozesse.

Man bleibt eine Verfolgte, auch wenn die Verfolgung eingestellt wurde.

Wahrscheinlich arbeiten die Ermächtigungsturbinen in dem jüdisch-deutschen Aufstandskontext so mächtig, weil die transgenerationelle Weitergabe der Flucht- und Angstprodukte mächtig eingeschränkt werden muss. Das ist ein Wettbewerb der Bilder nicht zuletzt.

Astrid Messerschmidt beschreibt den Status quo als „postnationalsozialistische Gegenwart“, in der vermutlich auf weiten Flächen die nationalsozialistischen Verbrechen nicht einmal mehr geleugnet werden müssen, um in der völkischen Deutung nichtig zu erscheinen. Eine neovölkische Geschichtsschreibung holt die verfemten Positionen zurück ins Sagbare, oft unter Berufung auf europäische Standpunkte. Dann steht an der Stelle von deutsch weiß.

Messerschmidt zeigt wie Begriffe selbsttätig (in uns) arbeiten. Die Kritik an den herrschenden Verhältnissen als Ausweis des richtigen Bewusstseins bei gleichzeitiger Verweigerung persönlicher Schuld („Abwehr- und Relativierungsbedürfnisse“) erreicht man zum Beispiel mit postkolonialen Frankierungen. Nach Messerschmidt überlagert der postkoloniale Diskurs die Virulenz des Faschismus als in den Täternachkommen fortlebende Kraft, die paradoxe „Selbstbilder der Überlegenheit“ stiftet. Man verteilt das Schlechte auf Hitler und die Migranten und zieht so einen bizarren Mehrwert aus den großväterlichen Verbrechen. Auf solchen Kursen lässt es sich gar nicht vermeiden, in der Gegenwart obenauf zu sein und da zu bleiben. Das ist jedoch nur deshalb möglich, weil es eine postnationalsozialistische Grundierung gibt. Wer Niederlage anstatt Befreiung denkt, der begreift auch Verantwortung als Schulderbe falsch. Messerschmidt schließt mit der Feststellung: „Die meisten Deutschen vermissten nach 1945 ihre deportierten Nachbarn nicht.“

In der Logik des Jetzt führt das zu der Frage: Was haben wir vom Holocaust? Im Sinne von: Wozu taugt uns der Islam?

Die nachfolgende Geschichte von Kübra Gümüşay zeigt deutlich den Hauptunterschied zwischen der migrantischen und der deutsch-jüdischen Perspektive. Für die Einwanderer*innen und ihre Nachkommen bleibt Deutschland die aufnehmende Gesellschaft, deren Makler Enttäuschung und Scham organisieren können. Man denkt über Heimat nach, praktiziert diverse Schreibweisen wie „Heymat“ und fragt sich, was es bedeutet, seit vierzig Jahren irgendwo in Deutschland zu sein. Das markiert exakt den konzeptionellen Unterschied zwischen Integration und Des-Integration (Czollek). Anders gefragt: Wie wirken wir auf die Gesellschaft - Indem wir ihre Normen übererfüllen oder indem wir ihre Normen verändern?

Unter der Überschrift „Empathische Solidarität“ meldet Deniz Utlu, dass sich die Mehrheitsgesellschaft in einem Selbstgespräch befindet, wenn es darum geht zu klären, wer zu Deutschland gehört und wer nicht. Sie nutzt alles für ihre Zwecke und kann sich in einem Atemzug offen und national nennen. Das ist soziale Mechanik. Alle Minderheiten sind in der Verdrängung. Das heißt, sie haben die falschen Informationen. Utlu weist nach, dass Ermächtigung als Avantgardestandpunkt nahezu wertlos ist. So wie sich eine Minderheit der Mehrheit für Malerei interessiert, ohne mit dieser Vorliebe in die Isolation zu geraten, so muss eine ethnische Differenz strukturell als Mehrheitsmerkmal gelesen werden. Die Beteiligung läuft über Anpassung. Der Zusammenschluss von Marginalisierten sollte nach den Beteiligungserwartungen in Sportvereinen stattfinden. Unter dieser Voraussetzung ist Anpassung Widerstand. Utlu zitiert Gökce Yurdakul, die das Verfahren als „aktive Integrationsstrategie“ deklariert. Yurdakuls Integrationsstrategie und Czolleks Des-Integration koinzidieren.

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