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29.11.2018, Jamal Tuschick

Die stille Krise der Menschenrechte – Ein Beitrag von Moustapha Diallo

Moustapha Diallo, fotografiert von Christiana Diallo-Morick

Moustapha Diallo ist Literaturwissenschaftler, Publizist und Übersetzer. Er studierte Germanistik in Senegal, Österreich, Deutschland und Frankreich. Er wurde in Frankreich 1996 mit der Arbeit Exotisme et conscience culturelle dans l’oeuvre d’Ingeborg Bachmann („Wahrnehmung und Darstellung des Fremden im Werk Ingeborg Bachmanns“). 2008 bis 2011 war er Lehrbeauftragter am Germanistik-Institut der Universität Paderborn und Deutschlehrer am Ludwig-Erhard-Berufskolleg Münster. Seine Veröffentlichungen beschäftigen sich mit den Themen Interkulturalität, Postkoloniale Studien, Afrika in der deutschen Literatur sowie Deutschunterricht und Germanistik auf dem afrikanischen Kontinent. Er ist Herausgeber des Buchs Visionäre Afrikas (Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2014).

Der Beitrag erschien zuerst hier. Er gehört zu dem von Kristina Milz und Anja Tuckermann herausgegebenen Band Todesursache: Flucht.

Als es wieder einmal um die Diskussion über Flüchtlinge ging, sagte ein Bekannter zu mir: „Du bist unser Anwalt hier. Sag ihnen, was sie mit uns machen.“ In solchen Situationen komme ich mir ziemlich privilegiert vor. (Das passiert nicht so oft in Europa.)

Als Privilegierter über Unterprivilegierte zu schreiben, funktioniert nur, wenn man die Perspektive wechselt, also die Welt mit den Augen der Betroffenen betrachtet. Deshalb möchte ich mit einer Geschichte beginnen, die für viele Geschichten von Flucht aus Afrika steht. Sie ist Gegenstand eines Romanprojektes, an dem ein Freund arbeitet. Es ist die Geschichte eines kleinen Dorfes in meiner Heimat, Senegal.

Vor fünf Jahren taten sich 48 Jugendliche und junge Männer zusammen und beschlossen, ein Boot zu bauen. Sie kamen alle aus demselben Fischerdorf am Atlantik und wollten sich nicht auf die einschlägigen Seelenverkäufer verlassen. Nach monatelanger Arbeit stachen sie in See, Richtung Spanien. Am Strand war das ganze Dorf versammelt, denn jede Familie hatte mindestens ein Mitglied unter der Besatzung. Das Boot kam in Europa nie an. In dem Dorf wurde kein Fest mehr gefeiert: keine Hochzeit, keine Taufe, nichts, was Anlass zur Freude ist. Es ist ein traumatisiertes Dorf.

Interessanter als die Frage, was sie in Europa wollten, ist die Frage, wie sie auf die Idee kamen: Warum dieser kollektive Aufbruch?

Einige Jahre zuvor hatte die EU Fangrechte für senegalesische Gewässer gekauft. Was das für die einheimischen Fischer bedeutet, kann man an folgenden Zahlen sehen: Der Fang eines europäischen Schiffes entspricht dem, was ein senegalesischer Fischer fängt, wenn er jeden Tag mit seinem Boot rausfährt, und das 55 Jahre lang. Die Existenzgrundlage ganzer Dörfer wurde mit diesem Abkommen zerstört. Ähnliches erleben die lokalen Bauern und Viehzüchter.

Würden die europäischen Entscheidungsträger ihre Politik ändern, wenn sie wüssten, welche Folgen sie hat? Das fragte ich mich, als der Autor mir von seinen Motiven erzählte. Denn er sagte: „Ich möchte diese Geschichte erzählen, damit die Europäer verstehen, warum die afrikanische Jugend ihr Leben aufs Spiel setzt.“

Angesichts der Stellungnahmen europäischer Entscheidungsträger ist zu bezweifeln, dass ihre Kenntnis der Folgen ihrer Politik etwas ändern würde. Denn seit Jahrzehnten arbeiten europäische Regierungen an der Konsolidierung der Festung Europa. Mancher Politiker schreckt dabei nicht einmal vor menschenverachtenden Stellungnahmen zurück. So gab der frühere Innenminister Friedrich die Losung aus, „problematische Menschenströme aus fremden Kulturen [zu] verhindern“. In den 1990er Jahren warnte der bayerische Ministerpräsident Stoiber vor einer „Durchrassung der deutschen Gesellschaft“. Bekanntlich wurde das Grundrecht auf Asyl, das aus den Erfahrungen der Unmenschlichkeit im vergangenen Jahrhundert entstand, zu dieser Zeit praktisch abgeschafft.

In seinem Roman Eldorado behandelt der französische Schriftsteller Laurent Gaudé die europäische Antwort auf die Flüchtlingsfrage, indem er die Entwicklung eines italienischen Marinekommandanten schildert, der seit vielen Jahren afrikanische Flüchtlinge vor Lampedusa jagt.

„Weißt du, was sie uns in der Kommandantenschule sagten?“, fragte Salvatore Piracci mit einer angewiderten Grimasse. Der alte Mann schüttelte den Kopf.

„Sie sagten uns, wir seien da, um die Tore der Zitadelle zu bewachen. Sie sind der Schutzwall Europas. Das sagten sie. Es ist ein Krieg, meine Herren. Geben Sie sich keiner Täuschung hin. Es gibt zwar weder Schüsse noch Bombardierungen, aber es ist Krieg, und Sie stehen an vorderster Front. Sie dürfen sich nicht überrennen lassen. Die Stellung muss gehalten werden. Sie werden immer zahlreicher, und die Festung Europa braucht Sie.“

In den letzten Jahren sind die Hemmungen vor rassistischen Äußerungen spürbar gesunken. Rechtspopulisten sind im Aufwind. Es sind deutliche Zeichen für eine Stimmung, die Afrikaner zweifellos am stärksten zu spüren bekommen. Nicht zufällig ist von den Antragstellern bewilligter Asylbescheide nur jeder tausendste ein Afrikaner.

Gegen diese Haltung zu Afrika richtet sich die Geschichte des traumatisierten Dorfes, und den Versuch, das Bewusstsein für diese Fehlentwicklungen zu wecken, unternehmen immer mehr Betroffene. Es sind Wortmeldungen aus den Rändern der privilegierten Gesellschaften, die auf ein zentrales Problem hinweisen: die „stille Krise der Menschenrechte“, wie der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan es nannte, oder konkreter: die krankhaften Züge der Weltgesellschaft.

Ein Buch darüber heißt Der Traum vom Leben. Es ist der Bericht eines deutschen Journalisten über die Odyssee afrikanischer Flüchtlinge. In diesem Buch erzählen Betroffene von ihren Erlebnissen, ihren Motiven und ihren Wünschen. Sie äußern sich auch zur Haltung Europas und stellen viele Fragen. So fragt die 23-jährige Joy, die zur Prostitution gezwungen wurde: „Glaubt tatsächlich irgendjemand in Europa, dass auch nur ein Afrikaner seinen Kontinent verlassen würde, wenn er nicht müsste?“

Die interessanteste Begegnung des Journalisten ist die mit einer Gruppe von Flüchtlingen im algerisch-marokkanischen Grenzgebiet. In einem Canyon haben sich 160 Leidensgefährten zusammengetan und einen provisorischen Staat gegründet. Sie nennen ihn The Valley, das Tal.

„Die meisten kommen aus Ghana und die anderen aus Mali, Senegal, Gambia, Kamerun, Nigeria, Kongo, Burkina Faso und Elfenbeinküste. Sie hausen in Hütten aus Pappe … The Valley hat einen Fußballplatz, zwar löchrig und holprig, aber mit zwei Toren; es hat einen Präsidenten, eine Polizei, ein Gefängnis, Soldaten, ein Sekretariat, einen Justiz- und einen Verteidigungsminister, eine Leibwache für die, die hinausgeschickt werden, um Wasser zu holen.“

In diesem Tal der Verzweifelten haben die Leute wieder ein bisschen Würde und eine Aufgabe. Im Gespräch mit dem Journalisten und seiner Begleitung erzählt der Präsident:

„Weggegangen bin ich, weil ich das Visum, das ich beantragt hatte, nicht bekam – ich wollte mein Leben trotzdem selbst planen, wollte etwas erreichen. Ich bin Computeringenieur und Video- und Fototechniker. Wenn ich Arbeitsmaterial und auch nur winzige Aufträge gehabt hätte, wäre ich geblieben, aber es gab nichts. Gar nichts. Und ich wollte einen Ort erreichen, wo ich überleben kann. Ist das zu viel verlangt? Wo ich arbeiten und ein bisschen Geld verdienen kann. Das ist doch nicht größenwahnsinnig, oder?“

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