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29.11.2018, Jamal Tuschick

Amos Mokadi - Engel in der Kuppel 6. Folge

Neue und alte Jischuw

Was zuvor geschah.

Die Kibbuzveteranen Judith und Asher Pommeranz verlieren ihren einzigen Sohn, Jonah, in einer Auseinandersetzung, die Amos Mokadi zwar mit einem Krieg in Verbindung bringt, sie in seinem Roman aber nicht näher bezeichnet. Es könnte sich um einen irregulären, von der Geschichtsschreibung übersehenen Zusammenstoß gehandelt haben. Wahrscheinlicher ist, dass Mokadi den Krieg von 1967 im Sinn hatte. Damals zog sich ein Todesstreifen durch Jerusalem, Israel war in einer desolaten Verfassung. Nasser sperrte am 22. Mai die Straße von Tiran für die israelische Schifffahrt. Drei arabische Armeen fassten ihre Truppen an den Grenzen zu Israel zusammen. Israel konterte mit einem Präventivschlag, rasierte die ägyptische Luftwaffe und schuf dann Fakten, Fakten, Fakten. Alles, worüber heute noch Klage geführt wird, passierte Schlag auf Schlag. Israelische Truppen okkupierten den Sinai, den Gazastreifen, die Golanhöhen und Ostjerusalem. Fallschirmjäger sprengten sich vor bis zur Klagemauer. Da hatte seit 1949 kein Jude mehr gestanden.

Auch in Judiths Aufzeichnungen findet man nichts Verdeutlichendes. Ich halte mich an Mokadis blasse Darstellung; offensichtlich wollte er in diesem Fall keinen Helden zeichnen. Im Grunde übergeht er Jonah. Er dient nur dem Fortgang der Geschichte als Zeugender und zwar im Zusammenspiel mit einer minderjährigen Deutschen, die sich bald nach der Entbindung von Jonah II. sowie dem Tod von Jonah I. auf Nimmerwiedersehen aus dem Staub macht. Die Großeltern werden so noch mal zu Eltern, das ist wohl der nicht ganz einfach zu verstehende Witz dieser narrativen Doppelvolte.

Mokadi erzählt vieles nicht. Er übergeht die Radikalität der Anfänge, den „Kommunardentraum vom Ich zum Wir“ (Heiner Müller). In dem Kibbuz, den Judith und Asher mitaufgebaut haben, war die Kindererziehung zentralisiert. Nach Beschlüssen, die Judith und Asher mittrugen, wurden die Kibbuzniks von Geburt an in einem Kinderhaus von Erzieherinnen betreut. Davon ist man abgekommen. Zum ersten Mal haben Judith und Asher ein Kind von ihrem Fleisch um sich.

Die zweite Ladung steckt in der nicht jüdischen Mutter. Eine jüdische Mutter macht den Juden im Unterschied zu einem jüdischen Vater, der diese Macht nicht hat. Doch niemand bestreitet Jonah das Jüdischsein.   

Judith und Asher waren schon zehn Jahren verheiratet gewesen, bevor sie ihren Sohn bekamen. Der fällt mit zwanzig. Folglich sind dreißig Jahren seit der Einwanderung von Judith und Asher vergangen.

Nicht mehr als fünfhunderttausend Juden leben 1933 in Deutschland, davon mehr als ein Fünftel in Berlin. Bis zum Krieg exiliert die Hälfte. Sechzigtausend flüchten nach Palästina, wo der Neue Jischuw gegen Widerstände der Traditionalisten, die ihre (orientalisierte) Lebensweise von säkularisierten Migranten bedroht sieht, die Einwanderung forciert. Auch in Palästina gibt es Juden, die auf unorthodoxe Diasporajuden keinen Wert legen.

Judith und Asher kommen in den 1930er Jahren als Berta und Erich (die Namen verweisen auf eine Assimilation, die nicht honoriert wurde) in einer zionistischen Jugendgruppe (der sie aufgepfropft worden waren) nach Palästina.

Mokadi erzählt das langatmig und klischeehaft als Initiations- und Abenteuergeschichte. Das großbürgerlich verwöhnte, musisch kompetente, handwerklich unbeholfene Liebes- und Flüchtlingspaar erlebt eine Zeit der Entfremdung und findet wieder zusammen in nicht erzählten Prozessen. Es tauscht die Maßstäbe der Kindheit und Jugend gegen die Kibbuzordnung ein; den Eifer sozialer Konvertiten beweisend. Berta und Erich lösen sich in einer zionistischen Gemeinschaft von ihrem bürgerlichen Fleisch und wachsen als Judith und Asher in den Stamm der Überlebenden. Sie wurzeln in der Luft – mit einer geschwärzten Vergangenheit. Der Tod des Sohnes ist das Blutopfer, das Leben des Enkels die Rendite der Israel erwiesenen Treue.

Judith und Asher erleben eine Kulturrevolution weit weg von koscherem Sex, auch das gibt es, mit offenen Ehen, fremderzogenen Kindern und noch mehr Entprivatisierungen. Schließlich gehören Judith und Asher zu den führenden Kibbuzköpfen, natürlich in aller Bescheidenheit.  

Mokadi lässt offen, in welchem Jahr Berta und Erich an Bord des Frachters Galila gehen. Gewiss geschieht dies nicht vor 1937 und nicht nach 1939. In diesem Zeitraum verlassen 151.000 Juden Deutschland, davon deutlich mehr als die Hälfte erst im letzten Augenblick. Aus einer Altersangabe im Text ergibt sich, dass die Pommeranz‘ zum Zeitpunkt der Geburt des heiligen Enkels in ihren mittelspäten Vierzigern stecken.  

So geht es weiter.

Entscheidende Prozesse im Leben einer bürgerlichen Person finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit und manchmal regelrecht im Verborgenen statt. Jonah kannte aber keine Privatsphäre, auch wenn der kollektivistische Maximalismus im Kibbuz seit der Kindheit seines Vaters zurückgefahren worden war. Jonahs Kindheit und Jugend vollzog sich in einem Glaskasten der lärmenden Fürsorge und Aufmerksamkeit, überstrahlt von der israelischen Sonne. Alle sahen, wie sich Lili Pulvermacher in ihn verliebte und er sich in sie. Alle kommentierten den hochtrabenden Briefwechsel. Alle sahen, wie Jonah in der Schulbibliothek Wörter nachschlug … Lili schrieb etwas von einem atavistischen Ritual. Unter dem Stichwort „atavistisch“ fand Jonah, der für die Pflege der Arbeitspferde auf der Kinderfarm verantwortlich war und den Müllwagen, den der Schreiner Jochanan Schütz für den Kibbuz gezimmert hatte, eine Sehenswürdigkeit, die Flügeltüren öffneten und schlossen sich selbsttätig, der Mechanismus wurde mit einer Handbremse betätigt, mit dem Wallach Zur bewegte, dass es in Afrika lange gewöhnlich war, den Mädchen das Jungfernhäutchen zu durchbohren, sobald sie das zwölfte Lebensjahr erreicht hatten. Lili steigerte sich bis zur Sublimierung eines masochistischen Penetrationsaktes, der Müllwagen wurde nur auf der Route von der Küche zur Müllkippe benutzt. Die Kippe lag in einem toten Winkel zwischen dem Kibbuz und einem toten Dorf. Der Transport musste mit dem Ökologen Chaim abgestimmt werden. Der Anblick des aufgegebenen Dorfes löste in Jonah Westernstimmungen aus.

„Lieber mein Tod als der deine, Bruder“, war keine hohle Phrase.

Jonah, Eitan, Gadi, Usi und Ehud empfanden so. Sie waren stets zusammen gewesen und als einmal ein Lehrer, die besonderen Umstände von Jonahs Herkunft von der Klasse besprechen lassen wollte, hatte ihn der noch nicht dreizehnjährige Ehud fuchsteufelswild in die Schranken gewiesen und die Popelfresser aka Blutsbrüder hatten aus ihrer uneingeschränkten Solidarität und bodenlosen Unsicherheit ein Sperrfeuer des Trotzes gemacht. Jonah war einer von ihnen - und jeder Junge brauchte eine Einheit, die ihm den Rücken freihielt und für ihn auch dann einstand, wenn er Mist gebaut hatte.

Sie waren Sabras, echte Israelis, Tiefgangverweigerer unter freudianisch geschulten Wehrbauer*innen.

Scheiß auf deine Träume. Das Unbewusste war eine nerdige Erfindung. Man musste nicht krampfhaft in sich hineinhören und herummisten, fand Jonah.

Usi, Gadi, Eitan und Ehud nickten alles ab, was Jonah zu seinem Standpunkt oder zu einem Gruppenstandpunkt erklärte. Er hatte immer Recht. Aber das war nicht das Wichtigste. Das Wichtigste war, sich aufeinander verlassen zu können. Nach dem ersten Monat in der Armee war schon klar, dass keine militärische Richtlinie die fünf Musketiere trennen konnte. Sie hielten getreu der Palmach-Devise „Triebe, Hiebe und Liebe“ zusammen wie Pech und Schwefel – bis Usi, Gadi, Eitan in einem Begegnungsgefecht aus dem Leben gerissen wurden, während Jonah und Ehud auf verschiedenen Offizierslehrgängen waren.

„Lieber mein Tod als der deine, Bruder.“ 

Eitan, Gadi und Usi waren tot so wie dieser, wie hieß er noch, Bronislaw, den Jonah nicht identifizieren konnte, nicht weil der Russe zerfetzter gewesen wäre als die anderen – alle waren verkohlt, zerrissen, blutüberströmt - sondern weil er ihn nicht kannte. Seine Freunde hatten angekündigt, den Russen mit nach Hause bringen. Auch die Leiche einer Araberin und die Leiche ihres Kindes musste Jonah im Militärkrankenhaus identifizieren. Er hatte sie sterben lassen. Jonah wusste nun, dass sich so ein Scheiß wie das Unbewusste nicht abschalten ließ. Er wusste bereits eine Menge mehr. Nichts davon wollte er Dr. Uri Kalinski verraten.

P.S.

Alle redeten von nichts anderem und kamen, um ihn zu trösten, ihn, nicht seine Großeltern mit ihren verstummten Gesichtern, der Krieg war ihnen hinterhergestiegen, die Opfer von Flucht und Vertreibung waren nie mehr zur Ruhe gekommen, seit sie in Hamburg an Bord des Frachters Galila gegangen waren. Die Telefone hörten nicht auf zu klingeln, alle redeten und redeten. Alle, außer Lili, die Jonah aus ihrem Leben gestrichen hatte.    

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