MenuMENU

zurück zu Main Labor

29.11.2018, Jamal Tuschick

Janet Uyar erinnert sich - Ihre Erinnerungen schließen den Leser*innen Türen zu einer kaum bekannten Welt auf. Der geografische Ausgangspunkt ist ein Dorf im Süden der Türkei - nahe der syrischen Grenze. Dort gibt es eine Minderheit, die schlicht „die Christen in den Olivenhainen“ genannt wird. Diese Minderheit ist griechisch-orthodox, sie separiert sich auch sprachlich. Die Leute sprechen Arabisch. Ihren ethnischen Ursprung vermuten sie aber in Griechenland. Sie bilden eine geschlossene Gesellschaft, in der seit Jahrhunderten gültige Traditionen strikt den Alltag regeln.

Janet Uyar

„Willst du heiraten?“, fragte Mutter so beiläufig als sei ihr meine Antwort egal. Heiraten? Ich wollte mehr Freiheiten genießen: Ausgehen, ohne die Begleitung meines jüngeren Bruders. Ich wollte einen Freund haben, ohne als Hure abgestempelt zu werden.

„Ich kann’s nicht fassen“, schnaubte Mutter, „Tante Dahiba denkt tatsächlich, du bleibst sitzen, wenn ich dich nicht bald verheirate.“

Ich hatte ihr unlängst verraten, dass ich einen deutschen Freund haben wollte.

„Das sind doch auch Christen, die Deutschen“, sagte ich, um sie zu provozieren.

„Die sind anders als wir“, antwortete sie erbost, „deutsche Leute haben mehr Angst vor der Polizei als vor Gott!“

Janet Uyars Erinnerungen schließen dem Leser Türen zu einer kaum bekannten Welt auf. Der geografische Ausgangspunkt ist ein Dorf im Süden der Türkei - nahe der syrischen Grenze. Dort gibt es eine Minderheit, die schlicht „die Christen in den Olivenhainen“ genannt wird. Diese Minderheit ist griechisch-orthodox, sie separiert sich auch sprachlich. Die Leute sprechen Arabisch. Ihren ethnischen Ursprung vermuten sie aber in Griechenland. Sie bilden eine geschlossene Gesellschaft, in der seit Jahrhunderten gültige Traditionen strikt den Alltag regeln.   

Für Mutter waren „die deutschen Leute“ keine Christen. Sie kannten keine Moral. Wer weiß, was ein Deutscher mit ihrer Tochter anstellen würde? Unsere Nachbarin Helga, die ich Tante Helga nannte, diente ihr als abschreckendes Beispiel.

„Guck dir Tante Helga an, der Mann hat sie mit zwei Kindern sitzen lassen. Und jetzt? Jetzt lebt sie allein mit den Kindern. Und als ob das noch nicht genug wäre, hat sie auch noch einen Geliebten, der bei ihr ein und aus geht.“

Dass Helga ihren Mann verlassen hatte und nicht umgekehrt, behielt ich lieber für mich.

„Nein“, sagte Mutter bestimmt, „ich gebe dich lieber einem aus der Heimat, da weiß man wenigstens, was auf einen zukommt!“

„Ich bin keine Ware, die man geben kann“, konterte ich und dehnte bewusst das Wort ‚geben’.Mutter verdrehte die Augen und holte tief Luft, um etwas zu sagen.

„Und wenn ich mir meinen Mann selbst aussuche?“, kam ich ihr zuvor.

„Du bist verrückt“, warf meine Mutter entsetzt ein. „Du bist viel zu jung und naiv, um den richtigen Mann zu finden!“

„Ach ja, aber fürs Heiraten bin ich nicht zu jung! Du hast dir doch Papa auch selbst ausgesucht!“

„Das ist etwas anderes, wir lebten in einem Dorf, da kannte jeder jeden.“

Patriarchalisch ist die Ordnung bis ins Kleinste. Ehen werden innerhalb der Gemeinschaft geschlossen. Die kulturelle Absonderung reicht so weit, dass man bereits die gleichfalls christlichen Armenier in der Nachbarschaft als andersartig wahrnimmt. Davon erzählt die Autorin auf die lebhafteste Weise. Mitunter schleicht sich magischer Realismus ein. Doch bleiben die Darstellungen konkret, Janet Uyar schildert eine Familiengeschichte mit dem Impetus des Unerhörten. Der Tod des Ernährers zerreißt die Bande. Die fünfjährige Johanna kommt mit ihrem Bruder ins Waisenhaus, die jüngeren Kinder bleiben zunächst bei den Großeltern. Die junge Witwe geht 1966 als Arbeitsmigrantin nach Deutschland. Erst nach Jahren der Trennung findet die Familie in Deutschland wieder zusammen. Die Mutter bleibt in der Spur ihrer Erziehung. Angst und Fremdheit bestimmen ihren Alltag. Auch ihre Kinder sollen die Traditionen und Normen der ursprünglichen Heimat höher schätzen als Einflüsse der deutschen Gegenwart.

„Wo habt ihr euch kennengelernt?“, fragte ich.

„In der Kirchengemeinde.“

„Und warum darf ich nicht in die Kirche zum Volleyballspielen?“

„Das sind Mamonen, wir kennen diese Religion nicht.“

„Mormonen“, verbesserte ich. „Die dürfen auch keinen Sex vor der Ehe haben.“

„Du sollst dieses Wort nicht benutzen!“

„Ja, gut. Warum darf ich nicht alleine zum Volleyball, aber mein kleiner Bruder alleine zum Fußball?“, bohrte ich weiter.

„Gott, das habe ich dir schon tausend Mal gesagt, er ist ein Junge!“, rief sie entnervt.

„Binich kein Mensch? Nur weil ich ein Mädchen bin und Brüste und eine Sch…?“

Weiter kam ich nicht, Mutters Hand erwischte meinen Mund, noch bevor ich mich ducken konnte. Die Ohrfeige tat nicht weh, Mutter konnte mir nicht wehtun, aber ich erschrak.

 

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen