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30.11.2018, Jamal Tuschick

Janet Uyar erinnert sich - Erst der Bruch mit der Herkunftsfamilie, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die Versöhnung mit der eigenen Geschichte, bringt Klarheit und versöhnt Johanna schließlich mit ihrem biografischen Ursprung, angefangen bei einem Urgroßvater, der 1915 die Vertreibung - und den Todesmarsch in der syrischen Wüste überlebte, dem als armenischer Genozid ein historisches Schattendasein beschieden ist. Die Auswirkungen des Völkermords wirken bis heute nach.

Die neue Freiheit

Janet Uyar

Weil das in der Überschrift angesprochen wurde, wir sind keine Armenier. Wir, dass heißt, meine Vorfahren sind damals mit den Armeniern in einen Topf geworfen worden, weil die meisten Armenier auch Christen sind. Solange das Osmanische Reich Bestandskraft und eben eine ganz andere Reichweite hatte, als der Nachfolgestaat, war ethnische und religiöse Diversität kein Thema. Das änderte sich unter den Jungtürken Anfang des XX. Jahrhunderts. Wir waren weit davon entfernt Türken zu sein und das war Jahrhunderte vollkommen egal gewesen, weil man von Kolonisierten nicht erwartet, dass sie so sind wie man selbst. Wir lebten einfach nur auf türkischem Territorium, redeten da Arabisch und fühlten uns mit Muslimen, egal ob arabisch oder türkisch, weniger verbunden als mit irgendwelchen ethnisch und kulturell anders als wir gestrickten Christen. In Duisburg war das nicht mehr so, weil uns die deutschen Christen überhaupt nicht gottesfürchtig vorkamen. Ich verlor schließlich selbst meine Gottesfurcht.

In meiner Jugend kamen die religiösen Zuschreibungen nicht automatisch. Man sieht jemanden, denkt Türke und verbindet das mit dem Islam. Trotzdem glaubten alle, die mich nicht gut kannten, ich sei Muslima - eine türkische Muslima. Das hat abgefärbt. Ich bin in Deutschland zur Türkin geworden und meiner Mutter ist das auch passiert. Alles andere wäre zu kompliziert gewesen.

Von Vera und Gerlinde, Tante Helgas Töchtern, lieh ich mir die Bravo, die meist vier Wochen alt war. Früher rückten die Schwestern die Zeitschrift selten heraus, außer ich übernahm ihren wöchentlichen Spüldienst - den sie von Tante Helga als einzige Aufgabe auferlegt bekamen - gegen eine zwei Wochen alte Bravo! Manchmal fischte ich mit einer Pinzette eine Münze aus dem grünen Plastikelefanten, den Mutter unter ihrer Matratze versteckte. Dann kaufte ich mir die neuste Bravo und verbarg sie unter meinem Bett.

Was zuvor geschah.

Die in Deutschland herangewachsene Erzählerin Johanna soll mit einem Mann aus dem Dorf ihrer Mutter verheiratet werden. Mutter und Tochter verhandeln die Sache zwischen Tür und Angel. Scham regiert beide. Johanna will keinen Mann mit türkischem Ehrenkodex, der eine Aufenthaltsgenehmigung heiratet und in erster Linie die Interessen seiner Herkunftsfamilie wahrnimmt. Sie möchte die Liebe mit einem Deutschen auf Augenhöhe kennenlernen.

So geht es weiter.

„Wie gut kennst du seine Familie?“, fragte ich Mutter. Ich kannte ohnehin all die Leute nicht, von denen Mutter ständig sprach.

„Er hat einen guten Beruf, er ist Mechaniker.“

Das war eindeutig eine ausweichende Antwort.

„Wie? Er hat nicht studiert?“, fragte ich scherzhaft.

Mutter wünschte sich Männer mit Hochschulabschluss für mich und meine jüngere Schwester Marie.

„Nein“, sagte sie, den Spott ignorierend.

Sie erzählte wieder, dass Daniel aus Glaubensgründen Asyl suchte. Die Anwälte sahen aber keine Chance für die Antragsbewilligung, weshalb man ihm zu einer Heirat geraten hatte. Während Mutter redete, stahl ich mich in einem Tagtraum davon. Ich wollte weg aus Duisburg – und zwar auf Händen getragen von einem Mann, der sich mit mir unterhielt; den meine Meinung interessierte. Das war schon ganz schon verwegen und abwegig für ein Mädchen wie mich.

Zum sozialen Rahmen der Geschichte

Die Mutter bleibt in der Spur ihrer Erziehung. Angst und Fremdheit bestimmen ihren Alltag in Duisburg. Auch ihre Kinder sollen die Traditionen und Normen der ursprünglichen Heimat höher schätzen als Einflüsse der deutschen Gegenwart. Die älteste Tochter reagiert auf mütterliche Forderungen vorderhand mit extremer Anpassung und der Bereitschaft zur Übererfüllung sämtlicher Erwartungen. Fragen nach der Identität, nach dem vielseitigen Anderssein, bleiben sowieso unbeantwortet. Die innere Zerrissenheit zwischen Anpassung und Selbstbestimmung findet kein Forum der gestaltenden Betrachtung. Johanna steht allein mit ihrer Fremdheit, den Schuldgefühlen und der schmerzhaften Distanz zur Mutter sowie zu ihren Verwandten in der Türkei. Ein Muster prägt sich ihr ein, dass sie gegenüber den eigenen Kindern in eine Wiederholungsfalle treiben wird. Janet Uyar gewinnt Erzählkraft in Johannas verzweifelter Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Aufgewachsen in dem Glauben, nicht dazuzugehören, weder zu den Türken noch zu den Arabern noch zu den Griechen und auch nicht zu den Deutschen, fragt sich die Heldin: Wer bin ich?

Wer sind wir?

Ist die Heimat der Mutter auch meine Heimat?

Ist alles Schicksal oder hat man sein Leben nicht doch selbst in der Hand?

Johanna geht einen Weg der Selbstbestimmung. Das selbstbestimmte Leben, ein Leben ohne Doppelmoral hat seinen Preis. Johanna erlebt Ausgrenzung in der eigenen Familie. Sie steht nicht mehr im Schutz der Gemeinschaft. Furcht und tiefe Einsamkeit sind Folgen. Aber auch eine neue Freiheit. Diese Freiheit macht Angst. Johanna lernt, sie auszuhalten. Erst der Bruch mit der Herkunftsfamilie, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die Versöhnung mit der eigenen Geschichte, bringt Klarheit und versöhnt Johanna schließlich mit ihrem biografischen Ursprung, angefangen bei einem Urgroßvater, der 1915 die Vertreibung und den Todesmarsch in die syrische Wüste überlebte, dem als armenischer Genozid ein historisches Schattendasein beschieden ist. Die Auswirkungen des Völkermords wirken bis heute nach.

„Die Eltern sind sehr anständige Leute“, wiederholte sich meine Mutter. Eben noch hatte sie das Thema übergangen. Vielleicht aus taktischen Erwägungen. Wir arbeiteten zusammen im Haushalt. Meine Mutter hielt sich an der Arbeit fest. Sie war nun schon so lange Witwe … andere Frauen in ihrer Lage hatten sich noch mal mit Männern zusammengetan. Sie hatten oft nur noch lose Verbindungen zu ihren Geschwisterfamilien und mussten damit leben, dass über sie anders getratscht wurde als über den soliden Rest.

„Ich kenne Daniels Vater, mit ihm war ich bei der Baumwollernte in Adana.“

„Wie alt warst du da?“

„Acht“, antwortete sie und zündete sich eine Zigarette an.

„Du kriegst Lungenkrebs“, fuhr ich sie an. Seit mein Bruder Jakob vor zwei Jahren gestorben war, rauchte Mutter wie ein Schlot.

„Ich mache keine Lungenzüge“, sie blies den Rauch übertrieben lange aus. „Daniel trinkt nicht, verspielt sein Geld nicht und in seiner Familie prügelt keiner seine Frau.“

Für meine Mutter waren das wichtige Kriterien.

Eine Woche später erschien Daniels Sippe zur Brautschau. Aus dem Fenster beobachtete ich wie Daniel sich vor dem Außenspiegel eines Mercedes sein pomadisiertes Haar kämmte. Er sah so gut aus wie ein italienischer Kinogangster. Ich fing an, mich an ihn zu gewöhnen.

 

 


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