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07.12.2018, Jamal Tuschick

Janet Uyer erinnert sich - Sie stammt aus einer christlich-arabischen, an der Grenze zu Syrien im türkischen Mesopotamien ursprünglich beheimateten Familie, die sich in Jahrhunderten nie der Notwendigkeit einer Assimilation im Geist der türkisch-muslimischen Mehrheit ausgesetzt sah; bis zu dem Armenier Genozid um 1915, der auch viele nicht-armenische Christen erfasste. Doch erst in Deutschland, wo diese kulturelle Auffaltung keinen Resonanzraum hat, wurde die Familie türkisch, um für das deutsche Umfeld begreifbar zu sein. Im Geleit der Türkisierung ergab sich die Absurdität, dass Johannas Familie, den christlichen Namen zum Trotz, muslimisch gelesen wurde; natürlich nur von Deutschen, die Türken hielten Abstand.

So geht Migration. Sie führt von einem Missverständnis zum nächsten.

Janet Uyer

Was zuvor geschah.

Johanna soll verheiratet werden. Der Bräutigam erscheint zur Brautschau. Obwohl in Deutschland aufgewachsen, schickt sich Johanna in ihr Schicksal. Sie ist die Tochter einer früh verwitweten, an den Traditionen ihrer ersten Heimat festhaltenden Schneiderin, die sich ihre Töchter zwar als Akademikerinnen wünscht, nicht aber als eigenständige Persönlichkeiten. Diese interessante Spaltung erzeugt ein weitreichendes Spannungsfeld. Einerseits fördert die Mutter die Entfaltungswünsche und -kompetenzen der Töchter, andererseits hält sie sie in einem engen Rahmen. Das schafft eine Laborkonstellation zu der Frage: Wie funktioniert Bildung ohne Freiheit?

Ach so, der Bräutigam kommt aus dem Heimatdorf von Johannas Familie. Er will auf dem Hochzeitsweg das Aufenthaltsrecht in Deutschland erwerben. Er ist Mechaniker … Johanna hat viel mehr zu bieten als er.  

So geht es weiter.

Daniel sah aus wie ein italienischer Kinogangster. Ich empfand ein schizophrenes Vergnügen daran, für ihn so akzeptabel zu sein. Bei der Begrüßung hatte er diskret meine Körpergröße an den Zollstock seiner eigenen gehalten und war mit den ca. fünf Zentimetern Differenz zu seinem Vorteil sichtlich zufrieden gewesen.

Meine Schwester servierte den Kaffee, mein vorlauter Bruder Noah erzählte, dass ich Taekwondo trainierte.

Antrenman yapmak.

Damals war Taekwondo so etwas wie ein adoptierter Nationalsport in der Türkei und in den türkischen Gemeinden Europas. Mein koreanischer Lehrer, ein Wunder der Unfähigkeit, soweit es Fremdsprachen betraf, beherrschte mehr türkische Wendungen als deutsche. Meister Lee verehrte gleichwohl alles Deutsche, er predigte die deutschen Tugenden auf seine Weise. In den Tagen vor Heiligabend hatten wir einen industriell illuminierten Weihnachtsbaum im Dojang. Deutsch verständlich zu sprechen, überstieg aber seine Möglichkeiten. Ich erledigte Lees Schriftkram und er zeigte sich in meiner Gegenwart stolz wie ein Vater.

Meister Lee organisierte Freiräume für mich und meine Schwester. Sein simpler Anstrich war ein Segen. Lee erschien meiner Mutter so sehr über jeden Zweifel erhaben, gerade wegen der migrantischen Lecks und Turbos, er fuhr Porsche und ging barfuß einkaufen, um die Sohlen im Zustand der Abhärtung zu erhalten, dass sie ihn als Garanten der Jungfräulichkeit ihrer Töchter erachtete. Sie und Lee hatten viel gemeinsam, eine klösterliche Perspektive und Geltungsdrang als besonders irre Kombi nicht zuletzt.

Die Motoren von Einwanderer*innen erzeugen mitunter seltsame Geräusche. Natürlich gibt es für sie keine Anpassung ohne Nutzen. Sie haben keine sentimentalen Motive in ihren Beziehungen zu der aufnehmenden Gesellschaft. Daniel wollte eine Aufenthaltsgenehmigung und in Deutschland Geld für seine Eltern und Geschwister verdienen. Lee wollte Porsche fahren, Bier in ordentlichen Pilsstuben, geführt von resoluten Wirtinnen, trinken, und in einer schieferschwarz-basaltgrauen Terrasseneinheit voller Glanzkieshalden unter Deutschen leben. Polizei – CDU – Straßenverkehrsordnung und Abitur (für seine Kinder): so ging die soziale Gleichung. Lee fuhr gut damit. Die türkischen Muskelverbrecher und echten Unterweltler fanden keine Anker in Lees Sphäre. Lee konnte man mit einer Pistole nicht erschrecken. Er verließ sich nicht auf seine Techniken, sondern auf die Gesetzeslage. Einmal erzählte er mir, dass er jahrelang geheimdienstlich observiert worden war. Er lachte über die Stümper, die ihm bis nach Capri und Pompei nachgestiegen seien. Sein kuriosester Schüler war ein Kioskbetreiber, der Unterhosen mit Tigermustern trug, es bis zum Vizeweltmeister im Bruchtest gebracht hatte, und geistig zu den Ärmsten zählte. Wie sein Meister ging er oft barfuß, er wallfahrte auf Lees Spuren und verstand nichts. Man musste sich vor ihm in Acht nehmen. 

Als Daniel sich anschickte, mein Ehemann zu werden, war ich längst Danträgerin. Noah warnte seinen künftigen Schwager vor mir. Parierte er nicht, bekam mein Bruder das nämlich zu spüren. Ich war ihm gegenüber ungerecht, so wie er es unter anderen Umständen mir gegenüber gewesen wäre. Es herrschte das geschwisterliche Faustrecht, nur anders interpretiert als in den meisten Migrantenfamilien. Wir hatten (in gewisser Weise) ein Matriarchat, Mutter versuchte, es vor Daniel zu verbergen.

Zwei Dinge hatte ich mir von Mutter erkämpft: Den Führerschein mit „Du brauchst dann nicht mehr die Einkäufe nach Hause zu schleppen, ich kutschiere dich überall hin“ und Taekwondo mit den Worten, „es dient zur Verteidigung meiner Ehre“.

Beim Abschied, als alle schon vorausgegangen waren, blieb Tante Dahiba auf der Treppe zurück und fragte mich, ob mir Daniel gefallen habe. Ich antwortete unbedacht. Meine Mutter schimpfte später.

„Man sagt doch nicht sofort ja, die … werden denken, wir hätten nur auf sie gewartet.“

„Was hätte ich denn sagen sollen?“, fragte ich ratlos.

„’Ich will es mir überlegen’, so antwortet ein gut erzogenes Mädchen!“

„Und warum hast du mich nicht gut erzogen? Woher soll ich das denn wissen?“ Ich knallte die Kinderzimmertür hinter mir zu.

„Warum willst du einen Mann heiraten, den du nicht kennst?“ fragte meine Schwester Marie.

„Ich will hier weg, siehst du nicht, dass wir wie Gefangene gehalten werden? Für uns Mädchen ist doch Heiraten der einzige Weg, um keine Schande über Mutter zu bringen.“

„Mutter macht sich halt Sorgen, sie ist allein“, mischte sich Noah ein.

„Du kannst ihn heiraten, aber mach bloß keine Kinder“, riet mir Marie.

Ich verstand nicht.

„Du heiratest ihn und dann lässt du dich wieder scheiden, dann ist wenigstens der Ruf gewahrt, dass du als Jungfrau in die Ehe gegangen bist. Danach kannst du mit jedem Mann ins Bett gehen, den du dir aussuchst.“

Ich staunte über Maries Raffinesse. Ich war nicht so schlau.

Vier Wochen nach der Brautschau, fand die Verlobung im kleinen Kreis statt. Dabei waren Daniels Cousinen und ihre Männer, sein Cousin mit Frau, Tante Dahiba und ihre Familie aus Frankfurt und unser kleiner Bekanntenkreis aus Duisburg. Keine Musik, kein Tanz, keine Rede. Daniel und ich saßen auf Stühlen nebeneinander. Ich trug ein langes, orangefarbenes Kleid mit einem glitzernden Gürtel. Die naturglatten Haare waren mit einer Dauerwelle gekräuselt. Daniel saß die Veranstaltung im grauen Anzug ab. Er war beim Friseur gewesen und geschoren worden wie ein Schaf. Er sah bei Weitem nicht so kühn aus, wie ich es gern gehabt hätte.  

Mir war kalt, vielleicht wegen der Aufregung. Meine Schwester stellte die Elektroheizung aus dem Kinderzimmer hinter uns und drehte auf. Ich bibberte am ganzen Körper und legte meine nackten Unterarme auf die Heizung, augenblicklich schrie ich auf. Meine Unterarme waren knallrot und die Haut warf Blasen. Daniel rannte mit mir in die Küche und fragte nach Tomatenmark, um die verbrannte Stelle damit zu behandeln.

„Zahnpasta drauf!“ hörte ich jemanden rufen.

„Nein, einfach kaltes Wasser drüber“, rief Noah.

Daniel hielt mir den Arm, während ich kaltes Wasser über die Verbrennung laufen ließ. Plötzlich war ich die reine Tusse.

Drei Monate später fuhren Daniel und ich zum Generalkonsulat nach Essen, um die nötigen Papiere für unsere standesamtliche Heirat zu beantragen. Anschließend saßen wir in einer Eisdiele.

„Ich liebe dich nicht“, sagte ich aus heiterem Himmel.

Woher nahm ich den Mut, das zu sagen?

Ich weiß heute nicht mehr, ob ich den Wunsch verspürte, Daniel aus der Haut fahren zu sehen und ihn dahin zu kriegen, wo ich meinen Bruder oft hatte. Ich wäre bestimmt nicht unglücklich gewesen, hätte Daniel die Verlobung gelöst.

Doch Daniel liebte mich so wenig wie ich ihn. Ich war für ihn nur Mittel zum Zweck. Was ich empfand, war egal. Was er empfand auch.

„Ich habe so viele Rückschläge in meinem Leben erlitten“, sagte er höflich. „Noch ein Schlag mehr, spielt keine Rolle?“

Das hatte Daniel aus dem Kino. Weder er noch ich hatten eigene Sätze für unsere Gefühle zur Verfügung. Die Einsicht rührte mich. Spontan legte ich meine Hand in seine, feucht und heiß waren unsere Hände. Daniels Finger waren kurz, die Nägel schwarz von Maschinenöl.

Daniel war mit elf aus seinem Dorf, das er übrigens penetrant unser Zuhause nannte, weil meine Mutter daherkam und ich da noch geboren worden war, nach Antakya gebracht und bei einem Onkel in die Lehre gegeben worden.

„Direkt nach der Grundschule?“ fragte ich.

„Ja, ich habe dann bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr Automechaniker gelernt.“  

„Das Fleisch gehört dir, die Knochen mir“, sagte mein Vater beim Abschied zum Meister – ein Freibrief für tägliche Schläge.  

Ich ging nicht darauf ein, Schläge kannte ich nur zu gut. Deshalb sagte ich: „Du hast immerhin etwas gelernt.“

„Na ja, das ist nicht vergleichbar mit einer Lehre in Deutschland. Die ersten drei Jahre guckst du nur zu, von morgens bis abends, schleppst Teile, putzt Autos, servierst Tee und bist der Laufbursche für die privaten Angelegenheiten deines Chefs.“

„Hast du keine Berufsschule besucht?“

„Es gab nur praktische Arbeit.“

„Und deine Eltern, haben sie dich besucht?“

„Ja, alle zwei Monate haben sie meinem Chef einen Korb voller Orangen gebracht.“

„Deinem Chef?“

„Sie haben selbst nicht viel. Wir sind sechs Kinder und ich bin der Älteste. Also muss ich zum Haushalt etwas beitragen.“

„Hast du denn Geld verdient?“

„Wo denkst du hin? Ich habe eine Lehre bekommen, das war Lohn genug. Aber wenigstens hatten meine Eltern ein Kind weniger, das sie versorgen mussten.“

Die Hochzeit

Ich heiratete 1980 an einem schwülen Herbsttag. Die griechisch-orthodoxe Kirche war brechend voll. Ich badete in meinem Schweiß. Ich fühlte mich unsäglich. Bis zu diesem Tag hatte ich vor allem Daniels Unterlegenheit wahrgenommen, nun schwante mir, dass ihn die Eheschließung aus der Kammer unseres gemeinsamen Elends entlassen würde. Ich, die Deutsche mit Abitur, Führerschein, Goethekenntnissen und zweitem Dan ITF-Taekwondo, war dabei, meine bürgerlichen Freiheiten einem Mann auszuliefern, der mir nicht das Wasser reichen konnte.

Der Pope schwenkte mit weißen Rosen geschmückte Kränze über unsere Köpfe und fragte mich, ob ich diesen Mann heiraten wolle. Dann folgten wir dem Popen, wir schritten im Kreis. Jemand rief mir zu: „Jano, tritt ihm auf den Fuß!“ Ich erkannte mit Verzögerung die Stimme meiner Mutter, obwohl sie die Einzige war, die mich „Jano“ nannte. Es hieß, derjenige, der als Erster während der Hochzeitszeremonie dem anderen auf den Fuß trat, würde in der Ehe die Oberhand gewinnen. Schon trat Daniel mir leicht auf den Fuß und lächelte verträumt. Ich war verwirrt, er wendete rasch den Blick ab. Noch war die Falle nicht ganz geschlossen.

Der Geistliche sah sich wegen des Gelächters der Gäste dazu veranlasst, uns mit einem Blick zu rügen. Ich blickte beschämt zu Boden und kannte mich nicht mehr.

Morgen mehr.

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