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09.12.2018, Jamal Tuschick

Hetzer/Vogel/Piekar

Unter der Generalanzeige „Lyrik als Modus“ begann gestern eine neue Veranstaltungsreihe des Verlagshauses Berlin in der Berliner Z-Bar.

Von links: Andrea Schmidt, Anna Hetzer, Mikael Vogel, Martin Piekar, Jo Frank

„Widerstand“ lautete die Devise des Abends. Eine Form des Widerstands, so Verleger Jo Frank, sei das Feiern. Feiern ließ sich die „qualitative Verbesserung der Welt“ in den Gedichten von Anna Hetzer, Mikael Vogel und Martin Piekar. Vogel präsentierte „Denkräume für ausgestorbene Tiere“. Er leistet Widerstand gegen das Vergessen verschwundener Arten in seinem lyrischen Anti-Bestiarium „Dodos auf der Flucht“.

Gibt man Dodo und Vogel Google ein, stößt man noch lange nicht auf einen Dichter, der Tierpoetik politisch findet. Vogel fährt die Blutspur ab, die der Mensch auf der Erde im Zuge seiner Expansion hinterließ - über die Ausrottung des Dodos bis zur Massentierhaltung. Er schildert den Killer par excellence als melancholischen Archivar von Verwüstungsartefakten aus heimischer Produktion. Vogel spricht eine Doppelgesichtigkeit an; er nimmt sich nicht aus. Er sucht erst gar nicht nach einem Balkon der Vereinzelung. Er weiß, als Affe und Affen, die an den Stäben ihres Primatenstatus rütteln, gelänge ihm auf dem Weg der Selbstentnahme ohnehin wenig. Man gehört zur Saubande, ist Omnivore voller Mitgefühl, solange satt man ist, aber gemessen am Terror der Erdgeschichte und ihrer himmlischen Schwestern bleibt einem nur die Einsicht, als Schadensstifter vom Kosmos gar nicht wahrgenommen zu werden.

Kein Anschluss unter dieser Nummer.

Verlegerin Andrea Schmidt freute sich, Anna Hetzer vorstellen zu dürfen, die das kulturelle Reservoir der Anekdoten nicht zuletzt prüft.

„Im Zeitalter von Drohnen sind Wolken (als lyrische Gegenstände) etwas anderes geworden.“ Anna Hetzer

Drohnen entlassen Wolken aus dem Kitscharrest.

Taucht man Anekdoten in nationale Schwere gewinnt man Mythen. Ich finde in der Umgebung dieser Bemerkung die Formulierung: den Körper schon vor dem Tod abgeworfen. Offenbar hat jemand seinen Körper schon vor dem Tod abgeworfen. Das Weitere ist mir entfallen. Hetzer sagte aus, dass sie sich vom hermetischen Schreiben abgeseilt habe hin zum unverschämten Schreiben. Auch hier nimmt ein Prozess der Selbstbefreiung in der Wortwahl Fahrt auf. Hetzer präzisierte nämlich, sie bewege sich weg vom beschämten Schreiben.

Zurzeit bevorratet sich die Dichterin mit Neologismen.  

Zu Ehren des gerade verstorbenen Paulus Böhmer trug Piekar ein Gedicht von Paulus Böhmer vor. Er warf auch die Frage auf:

„Braucht man einen Feind für Widerstand?“

Piekar kritisierte den unkritischen Gebrauch von Innen & Außen als notorischen Gegensatz. Er sagte: „Ich kann mein Leben leben, aber das macht die Außenwelt nicht ungeschehen.“

Piekar nannte die Genauigkeit des Selbsts eine Produktionsvoraussetzung, während Vogel implizit widersprach: „Klare Verhältnisse müssen unterwandert werden.“

Es gäbe, so Vogel, keine akzeptable Grenze, die einfach mitgeliefert werden könnte – nach der Devise: hier hören wir auf. Sie verlassen den sowjetischen Sektor. Nein, hier fanden wir an – Widerstand zu leisten - gegen die Sprache und mit ihr.

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