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09.12.2018, Jamal Tuschick

Janet Uyar erinnert sich - Salomon schickte Amira zu Elisa in die Lehre. Das war er seiner Tochter schuldig. Als einziges seiner Kinder hatte sie nicht die Schule besucht und ihre Arbeitskraft ganz in den Dienst der Familie gestellt. So sollte sie wenigstens einen Beruf haben und mit der neuesten Technik arbeiten können. Alle waren stolz auf die Singer Nähmaschine, die meine Mutter nach dem Ende ihrer Ausbildung kaufte. Einen Monat verbrachte sie bei einem Onkel in Antakya, um mit der Maschine vertraut zu werden. Bei Elisa hatte sie mit einer Kurbelmaschine gearbeitet. Jetzt lernte sie, an einer modernen Maschine zu nähen. Sie kehrte nach Yayladağ zurück und verstand es schon, Brautkleider anzufertigen. Hochzeiten waren das einzig Großartige in Yayladağ. Selbst arme Leute ließen sich für Hochzeiten …

Janet Uyer

In einem Konvoi rauschten wir von Duisburg nach Frankfurt. Die Hochzeitsfeier fand im Tanzsaal eines Restaurants am Main statt. Das Restaurant hieß „Zur schönen Aussicht“. Der Wirt, ein Libanese, hatte sich auf orientalische Hochzeiten spezialisiert.

Es wurde getanzt und gegessen. Ich hatte das Gefühl, eine Marionette zu sein. Ich tat, was von mir erwartet wurde. Ich setzte eine traurige Miene auf, weil ich von zu Hause wegging. Mutter beklagte lauthals meinen Fortgang. Ich wusste aber, wie froh sie war, mich unbeschädigt einem Mann übergeben zu haben. Ihre Ehre war gerettet. Das war ein Meilenstein in ihrem Leben. Wie es mir ging, spielte keine Rolle.

Das Repertoire stand fest. Nur das Personal wechselte. Jetzt war ich an der Reihe, eine unglückliche Ehefrau zu werden, die keinen Grund hatte, sich zu beschweren. Ich gehörte der Umma, der Gemeinschaft. Ein Ausschluss aus dieser Gemeinschaft bedeutete Schande.

Nach der Feier fuhren wir zu einem Hotel im Frankfurter Speckgürtel. Vor dem trostlosen Betonkasten zog mein Onkel Mihail Daniel zur Seite und sprach beschwörend auf ihn ein. Daniel nickte ergeben die großen Sprecharie ab, auch er war unfrei, nur bei Weitem nicht so unfrei wie ich.

Die Familie hatte sich nicht lumpen lassen und eine Suite gemietet. Jetzt durften Daniel und ich privat sein.  

Ich war konfus. Wie verhielt sich eine Frau in der ersten Nacht? Was wollte ich? Was durfte ich? Niemand hatte mir Anweisungen gegeben. Mein Wissen stammte aus Kitschromanen.  

Der Mann war der Aktive, die Frau die Passive, die beglückt wurde.

Daniel war einfühlsam, er küsste mich auch an den intimen Stellen. Durfte ich zeigen, dass mir das gefiel? Dass ich Lust empfand? Die Worte meiner Mutter dröhnten mir in den Ohren: Das ist ayp - unanständig.

Nach dem Frühstück fuhren wir zu unserem neuen Heim, einer kleinen Altbauwohnung ohne Bad und Heizung, die einer Cousine von Daniel gehörte. Dort warteten bereits meine Mutter und meine Schwiegereltern auf uns, die extra zur Hochzeit aus der Türkei angereist waren. Als wir die Wohnung betraten, sahen uns alle mit freudiger Erwartung an. Daniel küsste meiner Mutter die Hand als Zeichen der Dankbarkeit, dass sie ihm eine ehrbare Jungfrau zur Frau gegeben hatte. Daniel war miit den alten Gepflogenheiten viel vertrauter als ich. Zugleich spielte er beinah offensichtlich Komödie. 

Als wir allein waren, fragte ich, ob er mich auch geheiratet hätte, wenn ich keine Jungfrau mehr gewesen wäre.

„Ja“, antwortete er einfach. Ich glaubte ihm sogar.

Trotzdem fragte ich: „Warum?“

Daniel erklärte, dass ihm meine Jungfräulichkeit nichts bedeutete, weil er gelernt hatte, nichts zu erwarten. Ich mochte Daniel, weil er seine Überlegenheit nicht ausspielte und sich nicht hinter Konventionen verschanzte. Er gab meinem Wunsch nach Vertraulichkeit Raum.

In den großen Fragen war Daniel unkonventionell. Ich sage das, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Uns nutzten seine Großherzigkeit und Weitsicht wenig im Alltag. Die Gemeinschaftsregeln pressten Frauen und Männer in ihre Rollen und hielten sie da fest. Und, um bei der Wahrheit zu bleiben, ich spielte mit und kehrte die Folgsame heraus. Nicht zu selten veranlasste ich Daniel dazu, sich traditionell aufzuführen. In der absoluten Anpassung lag die größte Freiheit, die es ungestörten Träumens.

Natürlich gab es für mich als Ehefrau keinen Sport mehr. Dem Abitur folgte auch kein Studium. Ich fiel zurück auf das Niveau meiner Mutter. Alle Bildungsvorsprünge und Freiheitsgewinne wurden von der normativen Kraft des Faktischen kassiert.  

Wie gesagt, meine Mutter hatte als kleines Mädchen und Aufsicht über die jüngsten Geschwister aus Versehen ihren Bruder Rasim umgebracht. Zumindest stellte sich der Vorgang ihr so dar. Tatsächlich war der Tod des Bruders ein Kollateralschaden.

Amira steckte dem anders nicht zu beruhigenden Baby eine trockene Feige in den Mund. Rasim verstummte augenblicklich und lutschte ein Weilchen wie an einem Schnuller an der Feige. Die Feige glitt aus Amiras Hand in Rasims Rachen. Rasim lief erst rot, dann blau an. Amira schrie nach ihren Eltern, die auf dem Weg nach Hause waren und sie hörten. Ihre Mutter Marie erreichte Rasim zuerst und begriff sofort. Sie beutelte ihren einzigen Sohn wie einen toten Hasen an den Füssen, bevor sie ihn auf ihren Oberschenkeln ablegte. Amiras Vater Salomon kam dazu und begann unverzüglich, auf die Saumselige einzudreschen.

„Ich werde sie umbringen, diese Seytani - Satanin, sie wollte meinen Erstgeborenen töten“, schrie Salomon, der Rasim als Erlösung vom Fluch der Töchter begriff. Seine Frau warf sich mit dem Baby auf Amira und wurde bis zur Bewusstlosigkeit mitverdroschen. Als sie wieder zu sich kam, fehlte ihr ein Zahn. Rasim war tot.

Ein Jahr später wurde Mihail geboren und im Jahr darauf Georg, der nicht lange auf der Welt blieb. Marie wusch den toten Säugling, wickelte ihn in ein weißes Tuch, machte ein Kreuz auf seine kleine Stirn und sprach leise ein Gebet. Dann übergab sie das Bündel Amira.

„Bring ihn zu deinem Großvater“, murmelte Marie.

Voller Ehrfurcht und mit zitternden Händen nahm Amira ihren toten Bruder in den Arm. Ein Großvater wohnte in der Nähe des Friedhofs. Bevor er den Säugling in der Erde neben dem Grab seines Großonkels begrub, legte Opa Hanna ihm Olivenzweige unter das Köpfchen und sang auf Arabisch ein paar Zeilen aus der Bibel, während er sich bekreuzigte. Er bat den Großonkel im Nachbargrab gut auf seinen Enkel aufzupassen.

Amira empfand auch Schuld am Tod dieses Bruders. Sie war verflucht. 

Salomon war in Adana bei der Baumwollernte. Erst nach zwei Wochen erreichte ihn die Nachricht vom Tod dieses Sohnes. Er blieb in Adana und arbeitete manisch weiter. Er arbeitete auch nachts, so sehr fürchtete er seine Träume. Er blieb weg, bis die Saison zu Ende war. Er ließ seine Frau allein mit der Trauer um den Sohn. Es gab keinen Trost mehr.

Als Amira acht wurde, befand ihr Vater, da sie ohnehin nicht zur Kinderhüterin taugte, dass es Zeit war, sie zur Baumwollernte nach Adana mitzunehmen, damit sie wenigstens zum Familieneinkommen etwas beisteuerte. Mouna, Salomons Mutter, war inzwischen zu alt, um auf den Feldern zu arbeiten, sie musste nun die Kinder hüten, den Haushalt versorgen und kochen.

Mit zehn Jahren wollte ihr Vater Amira in die neu gebaute Schule von Yayladağ schicken, in der zum ersten Mal Türkisch und nicht Arabisch unterrichtet wurde. Mouna verhinderte das: „Sie ist ein Mädchen, wozu soll Amira lesen und schreiben lernen?“

„Sie soll wenigstens rechnen können“, antwortete Salomon.

„Und wer soll deine Kinder hüten? Ich bin eine alte Frau, deine Frau ist schwach und du schuftest den ganzen Tag.“

Marie schwieg aus Angst vor der Schwiegermutter.

„Gut“, sagte Salomon halb erleichtert, halb resigniert, „ich wasche meine Hände in Unschuld. Ihr habt das später Amira gegenüber zu verantworten.“

Amira ging weiterhin auf die Felder und gab ihren kläglichen Lohn zu Hause ab. Der Baumwollernte folgte die Apfelernte. Sobald sie zu Hause war, ging Amira ihrer Mutter zur Hand. Alle ihre Geschwister durften die Grundschule besuchen, sogar ihre beiden jüngeren Schwestern Nasra und Yasmina. Mihail und ihr jüngster Bruder Abdullah gingen auf das Lise, die Oberstufe. Sie sollten schließlich sogar in Istanbul studieren.

Amira litt darunter, dass ihr das Bildungsminimum verwehrt wurde und grollte deshalb ihrem Vater. Doch Salomon wehrte alle Vorwürfe ab. Er tat, was er konnte. Als seine älteste Tochter in die Pubertät kam, gab er sie zur Schneiderin Elisa in die Lehre. Zwei Jahre lernte Amira bei Elisa. Sie eignete sich nicht nur das Schneidern an, sondern auch Sticken, Stopfen und Stricken. Nach wenigen Monaten nähte sie bereits leichte Kleidung für die Familie: Unterhosen aus Baumwolle, Pyjamas und geblümte Röcke mit Gummizug. Mit sechzehn Jahren verlangte sie eine eigene Nähmaschine.

„Die musst du dir verdienen“, sagte Salomon.

Er nahm Amira ein letztes Mal zur Baumwollernte mit. Sie arbeitete einen Monat, den Lohn investierte sie in eine Singer Nähmaschine mit Fußantrieb.

Morgen mehr.

 

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