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10.12.2018, Jamal Tuschick

Amos Mokadi - Engel in der Kuppel 7. Folge

 

Jonah spricht über die Liebe im Tonfall eines ungebildeten Schwärmers. Ich könnte darüber hinweggehen und der Nachwelt das ganze Geseufze und die in Schmachtsoße verkochende Brunst vorenthalten. Wir schreiben das Jahr der ersten Intifada. Man spricht vom Krieg der Steine und über den Aufstieg der Hamas. Wir reden über Ahmad Jassin, der das Charisma hat, Jassir Arafat in den Schatten zu stellen, und jetzt kommst du Null und fängst von Sigals sekundären Geschlechtsmerkmalen an. Jonahs beste Freunde sind gefallen, die Sandkastenbuddys aus dem Kibbuz der Deutschen werden nie wieder hinter Jonah herdackeln, Jonah fühlt sich selbst wie ein Mörder. Sigal will ihm seine Schuldgefühle nehmen. Das ist ihr Kick. Jonah schwafelt: „Die Spitze ihrer Brüste schnellen unter meiner Zunge hervor, während meine bebende Hand über ihren straffen weißen Bauch gleitet, hin zu dem schwarzen, gleichschenkligen Dreieck, das auf eine vom Satan erschaffene Schatzkammer weist und das alles im Mondschein, auf einem geteerten Dach, das dank eines von Freunden bereitgelegten Schlüssels zugänglich war, auf einer Steppdecke, die unsere verschlungenen Körper und unsere Seufzer auffängt, während sich fernes Meeresrauschen mit den Geräuschen des Verkehrs zu einer Symphonie vereint, die nur manchmal von ungeduldigem Hupen durchbrochen wird.“

Die Szene spielt in Haifa, falls das jemanden interessiert. Sigals beste Freundin Rina unterhält sich drei Dächer weiter mit Issachar. Jemand spielt Gitarre, alle fühlen sich gut. Issachars Großvater ist ein Nationalheld. Er hat das erste israelische Zuchtprogramm gestartet. Er wird als Vater der hebräischen Kuh verehrt, einer Kreuzung zwischen holländischen und arabischen Rindern.

Mit Opfermut, Bescheidenheit und Gemeinschaftssinn hatten die Veteranen der Mandatszeit und Mitbegründer*innen des Staates Israel ihren Teil zum Gelingen beigetragen, nun erwarteten die hochgradig verbrauchten Tattergreise von ihren Enkeln womöglich eine noch größere Hingabe. Schließlich hatten die jungen Leute auch viel mehr, woran sie glauben konnten. Sie hatten lebende Vorfahren, brauchbare Pässe und Panzer und einen verlässlichen Feind, der Zusammenhalt erzwang.

Das Überleben war ein alltäglich gewordenes Wunder. 

Kehren wir zu Jonah und Sigal zurück: „Von der Ebene des Bauches tastet sich meine Hand zu dem Zauber glatter Rundungen, gefolgt von meinen Lippen, die von den Brüsten zum Mund, zu den Elfenbeinzähnen, zu zierlichen Ohrläppchen wandern, während sich in den unteren Gefilden ein glühender, stampfender Kolben in einen bebenden Hügel bohrt, gleitet, stößt, fordert und aufschreit, die Grenzen zwischen den verflochtenen Körpern sind durchbrochen, fortgespült von ihrem Schweiß … als gäbe es wirklich keine Grenzen, als könnten wir immer so weitermachen, bis der  Mond verblasst, als seien wir niemandem etwas schuldig außer unseren hungrigen Körpern, die gewichtslos schweben und doch immer wieder als geballte Masse zueinander hinstreben.“

Sie haben es so gewollt. Für den Spätzünder Jonah ist es das erste Mal, und auch das entspricht Sigals Erwartungen. In der Universität muss sich das Paar notgedrungen trennen, doch können die beiden die Finger nicht voneinander lassen. Sie stehlen sich zueinander, tauchen nach einer Note haschend auf und versprechen sich Erregung bei der allernächsten Gelegenheit.

Seelisch sind sie aneinandergebunden. Sie stecken in einem angenehmen Gefängnis, doch gibt es Verzerrungen. Die Eifersucht sucht ihre Gegner. Rina will auch mal an dem linkischen Kriegshelden Jonah schnuppern. Es gibt keine Position außerhalb des Wettbewerbs. Liebe bedeutet nicht, schwach sein zu können, ohne Stärke zu provozieren, so wie es Adorno gerne gehabt hätte.

Liebe ist eine Droge im Handel. Noch erreicht Jonah zufriedenstellende Höhepunkte im Austausch mit Sigal. Manchmal lesen sie einander aus Romanen vor oder rezitieren Gedichte, während sie im Bett oder auf dem Dach liegen und die Überfülle der Schöpfung ihre Hirne vernebelt.

Wie klapprig und kläglich und bald abgenudelt sie jetzt schon sind, könnten sie leicht erkennen, würden sie ihre Großeltern als Ihresgleichen begreifen. Das tun sie nicht. Sie fühlen sich herausgehoben und von Sternenstaub bronziert.

Auch Issachar fühlt sich einzigartig, sobald er allein und lautlos den Mond anheulen kann.

Morgen mehr.

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