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11.12.2018, Jamal Tuschick

My Beautiful Country - Die Brücke am Ibar geht unter die Haut

Zrinka Cvitešić

Das Leben am Ibar scheint in Rohbauten steckengeblieben zu sein. Es gleicht einer Arbeit, die nicht zu Ende gebracht wurde. Das Leben: eine Arbeit, die liegengeblieben ist. Entweder sind die Häuser alt und fertig oder neu und unfertig. Die Maurer frisst der Krieg. Nachts bombardiert die Nato das Gemeinwesen mit Uranmunition – Kosovo 1999, es herrscht Krieg.

Die Kinder spielen mit Projektil-Splittern, die Nato dementiert Radioaktivität. Auf der einen Seite der Ibar patrouilliert die Befreiungsarmee des Kosovo, auf der anderen Seite stehen Serben im Dienst der jugoslawischen Streitkräfte. Danica (Zrinka Cvitešić) lebt mit ihren Söhnen Vlado (Andrija Nikčević) und Danilo (Miloš Mesarović) in einem serbischen Grenzflecken. Täglich poliert sie den Grabstein ihres Gatten. Ihr Selbstgespräch gibt Danica als Dialog mit einem Toten aus. Die Konversation hat eine erotische Dimension. Die Witwe wäre gern lustig.

Der Volksmund stinkt nach übler Nachrede. Die Tochter einer Serbin und eines Albaners wird als „Bastard“ beschimpft, ihrer Mutter verwehrt man Schutz in Bombennächten. Die kleine Nachbarin bleibt trotzdem Danilos beste Freundin und ein Nabel zur Welt. Der Junge ist verstummt. Alle Versuche, ihn zum Sprechen zu bringen, scheitern. Sein älterer Bruder verweigert den Unterricht, er orientiert sich an einem stillen Angler (Slavko Štimac). Ohne Aufwand unterhält dieser Verfechter der ruhigen Gangart eine Trinkgelegenheit am Ibar. Weit weg von größeren Gesten besetzt er eine Leerstelle in Vlados Leben.

Normalerweise erkenne ich einen guten Film daran, dass ich auf die Bösen schießen will. Man muss bis in die Haarspitzen borniert sein, um in Michaela Kezeles Allegorie „My Beautiful Country - Die Brücke am Ibar“ diese Unterscheidung treffen zu können. Die Regisseurin hat eine serbische Mutter und einen kroatischen Vater, die jugoslawische Spaltung ist auch ein Riss in ihrer Biografie.

Der Film vereinfacht nicht. Er verzichtet weitgehend auf dramatische Darstellungen. Kellerbilder und ein torpedierter Panzer, viel mehr gibt es nicht zu sehen von „Operation Allied Force“.

Danica verflucht mit anderen Frauen die Nato, sie akzeptiert die Segregation der Völker bis zu dem Tag, da ein angeschossener Albaner (Mišel Matičević ) Zuflucht in ihrem Haus sucht. Sie pflegt den Feind. Vlado beschwert sich: „Warum hast du ihm Papas Schlafanzug gegeben?“

Danica und Ramiz erfüllen die Bedingungen der verbotenen Liebe. Er ist ängstlicher als sie. Sie spornt ihn an: „Eines war mein Mann nie: ein Feigling.“

Eine Greisin denunziert das Paar. Ramiz sieht sich zur Flucht gezwungen. Doch will man sich wiedersehen – und sollten alle Stricke reißen, dann in Paris an seinem Geburtstag. Auch Danilo gibt seine Liebe nicht auf, er folgt der kleinen, vom Spielen im Krieg krank gewordenen Nachbarin in ein albanisches Krankenhaus.

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