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11.12.2018, Jamal Tuschick

Amos Mokadi - Engel in der Kuppel 8. Folge

Der getanzte Laotse

Halbnackt überqueren Sigal und Jonah die Straße, um im Meer abzukühlen. Das Meer rauscht Tag und Nacht unter dem Spielplatz ihrer Liebe, „dem Teerdach der Freundschaft“, wie sie es nun sozialistisch-prosaisch nennen. Nach dem Bad spülen sie das Salz von ihren Körpern und fallen übereinander her.

Sie bewältigen mühelos Prüfungsberge.

Es gibt für sie nichts Schlimmeres als die Stunden ohneeinander, abgesehen vom Mensafraß. Sie ignorieren die Nachrichten, hören nicht hin, wenn Rina erzählt, dass die Palästinenser ihre eigenen Leute lynchen, Bürgermeister und Polizisten, die als Kollaborateure der Straßenjustiz zum Opfer fallen, während Boy George und George Michael den Soundtrack zum historischen Augenblick liefern. Händler, die ihre Geschäfte nicht schließen wollen, wann immer die Hamas mit einem Generalstreik ihre Forderungen untermauert, überleben nicht immer die Ermahnungen der Aktivisten. Jonah ist so oversexed, dass er Sigals rothaarige, grünäugige und sommersprossige Busenfreundin einbaut in seinen Klapperkasten des Glücks. Den anderen geht es genauso. Alle sind von der Rolle und so geflutet und überströmt von Liebe und absolut breit von körpereigenen Opiaten. Bestimmte biblische Szenen begreifen sie jetzt – das Gruppenorgiastische und die Vorsprünge gemeinschaftlicher Liebe gegenüber Vereinzelung und Gewalt. Es gelingt ihnen in phantastischen Schachzügen der Wahrnehmung, die allgegenwärtige Gewalt kaum noch zu sehen und zu spüren.

Natürlich steckt auch in Liebe Gewalt so wie in der Ignoranz der Glücklichen Gewalt steckt. Zum Teufel mit der genderorientierten hebräischen Sprache. Wir sind in den Lumpen unserer Altvorderen in dieses Land gekommen, um frei zu werden. Wir gehören uns, ein Volk in Ekstase, warum denn nicht. Wer glaubt, mit Worten etwas verstehen zu können, der irrt. Es geht um Universalien jenseits der Erklärungen, um den getanzten Laotse.

Sie pauken und singen „Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und mit deiner Halsketten einer“ frei nach dem Hohelied, morgens um zwei Uhr in einem Pub und über einem Bier, nachdem sie für eine Prüfung gelernt haben und bevor sie sie sehr erfolgreich absolvieren. Trotzdem wird Liebe gemacht so wie im Englischen. Man liebt sich nicht, begehrt sich nicht, mag sich nicht. Man macht vulgo fickt.  

Zum Leben hat Jonah die Armeerente und ein Stipendium, außerdem Geld von den Großeltern, den alten deutschen Kibbuzbauern und Großmeistern des Verzichts, die in der Luft wurzeln und bis zur Lebensmüdigkeit schwerfällig geworden sind. Judith Pomeranz, geborene Berta Schmidt, eine höhere Tochter im verspäteten Wilhelminischen Geist assimilierter Monarchisten jüdischer Provenienz, bis die Nazis kamen und ihr das Deutschsein und alle Bürgerlichkeit nahmen und der Zeitgeist zur palästinensischen Diaspora riet. Auf der Überfahrt ging Berta durch die zionistische Schule des Bullenbändigers Issachar, der einen Stall voll holländischer Stiere in das Gelobte Land schmuggelte und Berta einen Weg wies, weiterzuleben. Sie begriff nun den Abfall vom Glauben ihrer Vorgänger und ihre deutschen Hoffnungen als schwere Schuld, so wie das schiere Überleben sie mit Schuld belud. Berta strotzte vor Schuld. Die Schuld erlaubte ihr, sich selbst abzuschalten und wie ein Automat zu funktionieren. Sie gründete mit anderen Enthusiasten des Schmerzes einen Kibbuz, verdarb sich in der Landwirtschaft und gebar einen Sohn, der am Tag der Geburt seines Sohnes im Sechstagekrieg fiel. Die Gebärende war eine Deutsche auf der Durchreise. Jonah blieb zu seinem Glück bei den Großeltern.

Er traf diese Mutter nie. Jonah gab ihr als Kind eine mythische Gestalt von flüchtiger Erscheinung. Er wird immer noch zum Schöpfer, wenn er an sie denkt.

Sigal lebt von Jonah. Die Bereitschaft ihrer ausgeflippten Eltern, beide Ingenieure, die Tochter zu unterstützen, ist theoretisch. Das sind auch begeisterungsfähige Leute. 

Morgen mehr.

 

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