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12.12.2018, Jamal Tuschick

„Früher wollten wir mit Büchern die Revolution einläuten, heute kämpfe ich um das Überleben im Einzelhandel.“

Jörg Braunsdorf

Vom „Wir“ im hessisch-ländlichen Kollektiv zum urbanen „Ich“ des Berliner Buchhändlers als Einzelkämpfer vollzieht sich exemplarisch für eine Generation die Biografie des 1959 in Sinn bei Wetzlar geborenen Jörg Braunsdorf. Vor acht Jahren eröffnete Braunsdorf die Tucholsky Buchhandlung in der Straße gleichen Namens. Die Anschrift war für die Namensgebung nicht entscheidend, Braunsdorf hätte auch bei einer Anschrift Unter den Linden Tucholsky zum Paten gemacht. Er will, dass aus acht Jahren dreißig werden – dreißig Jahre reger Geschäftstätigkeit mit „Buy Local“-Engagement, raumgreifenden Belustigungen für Kinder, inklusive einer Lesehölle – und jeder Menge Lesungen, manchmal bis morgens um eins.

Braunsdorf ist ein süchtiger Leser, zuletzt faszinierte ihn Lisa Kränzlers im Verbrecher Verlag erschienener Roman „Nachhinein“ so sehr, dass er eher mit seiner Müdigkeit Schluss zu machen bereit war als mit der Lektüre. Während der Buchhändler aus Leidenschaft die Schote publikumswirksam verbreitet, verkauft er linkerhand Helmut Kuhns „Gehwegschäden“ einer Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung als „den besten Berlin-Roman im historischen Augenblick.“

Die Kollegin belädt sich wie in Trance mit Titeln, gleich muss sie wieder nach Brüssel: „Der Flieger geht um vier.“ Es findet das übliche Geht-Berlin-noch-und-wie-geht-Berlin-Kurz- & Kotzgespräch, offenbar kann man nicht einfach in der Gegend wohnen und gut ist. 

Schon klar, diese Buchhandlung liegt prima in Mitte und in Mitte läuft der Hase so und so. Braunsdorf macht einen kleinen Rummel auf den Allgemeinplätzen, da hat jemand seinen Platz im Leben gefunden auf der Flur zwischen Fußballbegeisterung, abgeklärtem Linksradikalismus und Bock auf Bier. Seinen Anfang nahm das alles und noch mehr im Wetzlarer Kinderbuchladen „Rote Zora“, in Hessen einst weltberühmt. Büchners „Krieg den Palästen“ stand als Ansage über der Ladentür, wie gesagt, damals dachte nicht nur Braunsdorf: die Revolution träfe demnächst aus der Zukunft ein. 1980 ging Braunsdorf nach Hamburg, um bei den Alten Herrn von St. Pauli mitzuspielen. Nebenbei leitete er den „Arche“-Verlagsvertrieb, es kam dann auch Köln noch als Station hinzu. Das 21. Jahrhundert brach für Braunsdorf in Berlin an, im Lichthof des Auswärtigen Amtes zog er seine erste Buchhandlung in der Hauptstadt auf.

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