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13.12.2018, Jamal Tuschick

In Christine Cynns und Joshua Oppenheimers Dokumentation „The Act of Killing“ erinnern sich Massenmörder an gute Zeiten.

Massenmord als Volkssport

Anwar Congo tritt als Altmeister eines beschwipsten Lebensstils auf. Er spielt die Rolle seines Lebens. Anwar rauscht auf wie ein wahnsinniger Schwan.

Der Greis swingt. Erst tänzeln, dann töten – Leichten Herzens zu handeln, erscheint ihm in jedem Fall angebracht, auch wenn Mord im Spiel ist. Anwar war Schwarzmarkt-Magnat in Medan, als General Suharto in Indonesien die Macht an sich zog. Im Gefolge des Generals beteiligte sich Anwar 1965/66 an einem Genozid, der in maßgeblichen Kreisen seiner Gesellschaft bis heute als patriotische Maßnahme verstanden wird.Anwar verbreitet sich in Gegenwart weiterer Todesschwadroneure. Die Veteranen nannten sich „Hackmesser“, als sie auf Menschenjagd gingen. „Musim Parang“ – Saison der Hackmesser – das war Massenmord als Volkssport. Umgebracht wurden Chinesen und Kommunisten so wie alle vom Verfolgungsfuror erfassten Vermeintlichen.

Dänemark 2012, Regie: Christine Cynn, Joshua Oppenheimer 

In Christine Cynns und Joshua Oppenheimers Dokumentation „The Act of Killing“ prahlen Mörder. Sie zelebrieren ihren Sadismus als mythische Sache. Keine Frage, dass die Gewalt von ihnen ausging. Einer sagt, als Zeitungsmann sei es seine Aufgabe gewesen, den Hass auf Kommunisten in der Bevölkerung zu schüren. Einer teilt die Fälschungen der „Geständnisse“ als Selbstverständlichkeit mit. Ein Taxifahrer stellt nüchtern fest: „Der Sieger schreibt die Geschichte. – Und ich bin ein Sieger.“

Die Herrschaften lassen sich die Folterverletzungen ihrer Opfer auf die Visagen schminken. Sie nehmen ein Dorf auseinander und spielen Vergewaltigung. In echt sei das „der Himmel auf Erden“ gewesen.

An manchen Tagen kam jeder Chinese auf seinen Wegen unters Messer, erinnert sich Anwar. Er spielt nach, wie Geständnisse erpresst wurden. Über den Dächern seiner Stadt demonstriert er den tödlichen Umgang mit einer Schlinge. Man habe experimentiert und aus Mafiafilmen gelernt, nachdem zunächst zu viel Blut geflossen sei.

Mit Freunden genießt er Travestie und Chichi. Man sieht ihn angeln und lachen und Kindern begeistert Angst einjagen. Er verbreitet sich über seine Liebe zum amerikanischen Kino. Immer wieder stellt er fest: „Ich bin ein freier Mann“. Der Freiheitsbegriff ist eine Kinogangstervokabel. Eine Gesellschaft brauche Gangster, heißt es bei Gelegenheit. Der Nachwuchs der Suharto-Milizen kann sich auf den indonesischen Vizepräsidenten verlassen. „The Act of Killing“ zeigt eine Jugend-Organisation in Aufmarsch- und Einschwörungsszenen als Gehirnwaschanlage.

Ursprünglich wollte Oppenheimer die Lebensbedingungen von Arbeitern auf Sumatra dokumentieren. Doch war niemand bereit, sich zu äußern. Der Regisseur erkannte, dass er es mit Eingeschüchterten zu tun hatte. Erst als Oppenheimer die immer noch Angst verbreitenden Kommunistenkiller einlud, mitzuspielen, gingen in Indonesien die Türen auf. Die kinoverrückten Veteranen sahen sich schon in Hollywood, ihre Rollen schmückten sie gewaltig aus. Ihre Leidenschaft für Ausstattungen in den Farben des blutenden Kitschs und ihre theatralischen Temperamente lassen „The Act of Killing“ manchmal aussehen wie Colonel Walter E. Kurtz’ Dschungelreich der Anti-Zivilisation in „Apocalypse Now“.

Doch schließlich fällt Anwar aus seiner Rolle. Gespenster sieht er schon länger, nun kommen zu den bedrängenden Geistern der Ermordeten Selbstekel und -zweifel dazu. Am Ende des Films packt ihn eine Würgereiz an der Gurgel. „The Act of Killing“ guckt sich bestimmt keiner zwei Mal an.

 

 

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