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14.12.2018, Jamal Tuschick

Das neue Album von G.Rag & Die Landlergschwister. Von Franz Dobler

Aus einem anderen Bayern

Franz Dobler

Die von den Christsozialen in Bayern angeführte Rechtsfront hätte in diesem Jahr ein paar schwere Tiefschläge eingesteckt, wenn es eine Gerechtigkeit gäbe. Ein Jubiläum nach dem anderen hätte diese Leute aus ihrem Angst-vor-Überfremdung-Wahn herausholen können, wenn sie noch zu einem anderen Gedanken fähig wären: 100 Jahre Revolution, 80 Jahre Achternbusch, 70 Jahre Ringsgwandl.

Auch das Jubiläum 25 Jahre Gutfeeling Records passt in diese Kategorie kultureller Erste-Hilfe-Maßnahmen. Als Do It Yourself-Projekt gegründet, ist das Label heute eine feste Bank in der Münchner Label-Szene, die mit Alien Transistor, Echokammer, Schamoni Records oder dem altehrwürdigen Trikont ausgezeichnet dasteht. Typisch für Gutfeeling ist, dass man mit den Genannten immer wieder zusammenarbeitet. Ein wichtiges Signal im oberkapitalistischen München.

Als G.Rag & Die Landlergschwister beim Festival von Gutfeeling Records, deren Basis sie mit den anderen Formationen um Mr. G.Rag bilden, an einem späten Nachmittag Ende Juni im Biergarten des Münchner Feierwerks loslegten, um eine heiße Nacht anzufeuern, stand ich zum ersten Mal im Rücken der Kapelle, genau hinter den beiden Schlagzeugern Doc Patcheko und Zelig. Endlich einmal im Zentrum des Orkans sozusagen.

Aus dieser mächtigen Doppel-Batterie schienen zwei Schlangen von Gschwistern herauszuwachsen, die in einem Halbkreis eng neben- und hintereinander und sich gegenüber saßen: Was für ein wilder Haufen. Eine 16-köpfige Bande mit viel Blech, die nicht nur alte und neue, sondern auch krachende und wehmütige Musik auf dem Kasten hat, nicht nur mit einer rohen Energie, sondern auch mit einem großen Herz aufspielt, und nicht nur zum Tanzen, sondern auch zum Denken animiert.

Während ich mich mit ihrem fünften Album „Neue Stadt“ beschäftige, muss ich also zwangsläufig daran denken, dass wir in Bayern jetzt diese immer stärker werdende Rechtsfront im Kreuz haben, die alles schlägt, was einem an reaktionären bayerischen Tendenzen schon immer auf die Nerven gehen konnte. Oder wie es Gschwister-Klarinettistin Birgit Schmelz kürzlich im Zeit-Magazin formulierte, „es wird immer schlimmer“ mit „christsozialen Heimatfantasien“ und anderem Schmarren.

Dieses Thema hier reinzunehmen ist unvermeidlich, weil G.Rag & Die Landlergschwister einerseits eine zutiefst bayerische und kenntnisreich verwurzelte Band sind, sich andererseits um Reinhaltung von Tradition nichts scheren, weil es ihnen um eine Fortsetzung geht, die ihre persönlichen Erfahrungen von Punk bis Jazz einschließt, und sie dabei so international sind, wie man es sich fast nicht erträumen könnte. Von den Wellen mit meist belanglosen Neue-Bayernheimat-Sounds seit über zehn Jahren meilenweit entfernt,  stehen sie herausragend massiv für ein anderes Bayern, und während die nationalbavaristische Polit-Führung mit Begriffen wie „Asyltouristen“ auf mieseste Art Hetze und eine Grenzverdichtung betreibt, die nichts anderes als eine Mauer ergibt, bauen die Gschwister weiterhin Brücken in die halbe Welt.

Sie benötigen wie üblich nicht viel Text, um ihre Haltung klarzustellen; der Albumtitel ist symbolhaft und die wenigen Worte des Titelsongs  „Wir bauen eine neue Stadt“ von Palais Schaumburg („Gibst du mir Steine, geb ich dir Sand“) haben heute eine neu aufgeladene, größere Bedeutung als 1981. Ihre Haltung spiegelt sich vor allem in der Musik selbst, in der Interpretation, im Style, in der Auswahl. Schon auf dem Cover ein Berg von  Signalen: Mexican, Cumbia, Rocksteady, NoWave, Disco, Landler sowieso und viele „Roots“. Ebenfalls gegen kulturelle Reinheitsgebote ihre Vorliebe für Bastard-Begriffe, diesmal ist es ein „Surfer Zwiefacher“.

Sie düsen nicht wie Musiktouristen durch die Welt, sondern suchen Verschwisterungen in Zeit und Raum: Im Mexikanischen hört man das Echo deutscher Auswanderer, die jamaikanischen Ska-Rhythmen passen zum Marching-Bayern-Brass, ein moderner Klassiker vom LCD Soundsystem wird (wie zuvor schon Kraftwerk und DAF) in den Groove und Sound der Kapelle eingeschmolzen, nicht weil man es nötig hätte, damit anzugeben, sondern weil´s geht, wenn man´s dermaßen gut draufhat wie sie. Man kann die funky New Orleans-Straßenkapellen assoziieren oder (Achtung, deutsche Geschichte, Baby!) das Sogenannte Linksradikale Blasorchester, und wenn einem der emphatische Free Jazz von Albert Ayler mit den aufblitzenden Kinder-, Kirchen-, Zirkus- und Folksongs einfällt, steht auch gleich der Säulenheilige der Gschwister dabei, Countrysänger Hank Williams, den sie auf jedem Album covern, diesmal „Mansion on the Hill“, trotz Megaphon-Verfremdung purer Soul und wieder betörend gesungen von Manu Rzytki alias Relle Büst oder Parasyte Woman.

Wenn es auch nichts schadet, so muss man doch gar nichts wissen, um mit den Gschwistern abzugehen und mitzufühlen. Von ihnen kommen allgemein verständliche Aussagen zum Konzept: „Es muss entweder ins Bierzelt oder ins Wirtshaus passen“ und „wenn’s da nicht reinpasst, stimmt irgendwas nicht.“ Ein Wirtshaus, in dem sie spielen, kann nicht ganz schlecht sein, und eine neue Stadt könnte auch ein paar neue Wirtshäuser vertragen. Schilder mit der Aufschrift Auch Asyltouristen Welcome! wären ein gutes Zeichen. Sonst könnte es noch so weit kommen, dass spätere Generationen G.Rag & Die Landlergschwister hören und nicht glauben können, dass es in Bayern auch sowas Gutes gegeben hat.

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