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14.12.2018, Jamal Tuschick

Cüneyt Kaya zeigt, was Ummah bedeutet.

Zwischen Krimi und Lehrstunde

„UMMAH – Unter Freunden“ ist eine Herausforderung. Der Film entstand ohne öffentliche Förderungen als eine Tat aus Leidenschaft – nach einer Idee und in der Regie von Cüneyt Kaya. Der Berliner aus dem Wedding wählte Neukölln zum Schauplatz einer Geschichte, die vor allem von Gesichtern, Gesten und Angelegenheiten der Migration erzählt wird. Dabei dreht sich ihr narrativer Kern um den deutschen Verfassungsschützer Daniel. Frederick Lau spielt ihn wie einen, der sich selbst verloren gegangen ist. Er zeigt einen Traumatisierten, dem von jetzt auf gleich sämtliche Gewissheiten abhanden gekommen sind. Daniel scheint nie ganz bei sich. In Neukölln taucht er sowohl unter als auch auf. Hinter ihm liegen zwei tote Kombattanten, die erste Szene badet in ihrem Blut. Ihre Überzeugungen lieferten Hass & Heß, das überliefern Runen auf der Haut. Unklar bleibt, ob Daniels Nähe zu ihnen bis zum Showdown am Rhein ausschließlich amtlich war.

BRD 2013, Regie: Cüneyt Kaya

Zwar lädt Kayas Film den Verfassungsschutz mit dem sogenannten nationalen Widerstand nicht zum Engtanz ein, doch stellt er deutlich die Frage, wer hier Wurst und was bloß Pelle ist. Wird unterwandert oder unterstützt? Jedenfalls ragen die Garantenhälse des Rechtsstaats im Film zweifelhaft aus ihren Krägen. Das kontert eine Perspektive der Mehrheitsgesellschaft, die im Einwanderer den Feind erkennt. „UMMAH – Unter Freunden“ ist dagegen ein groß angelegter Einwand.

Der Ausgebrannte bezieht in Neukölln eine konspirative Wohnung. Sie sieht aus wie verdroschen. Der Bruch als Bude bietet Daniels desolatem Zustand eine ideale Kulisse. Um seinem Behagen einen Anlauf zu gönnen, schlägt er ein paar Nägel ein – und holt sich für fünfzig Euro einen fossilen Fernseher bei dem als Elektro-Trödler getarnten Weisen Abbas. Abbas gibt die Galionsfigur im Film. Kaya betraut ihn mit monumentaler Liebenswürdigkeit, er macht aus Abbas einen Jesus unserer Tage. Kida Khodr Ramadan hat Statur und Format genug, um seiner Über-Ich-Figur auch noch mit etwas Ratlosigkeit und drolligen Neigungen zu dienen. Er nimmt Daniel zu seinem Gefolge. Zumal versöhnt er ihn mit dem resolut auftretenden Jamal. Den spült Burak Yigit in seinem vollkommen abgespeckten Spiel aus dem Rinnstein Realität. Er bringt einen Dutzendtyp akkurat als Dutzendtyp und plötzlich sieht man eine Allerweltsnase glänzen. Abbas nimmt seinem kleinen Bruder die Drogen weg und erzieht Daniel, indem er ihn das Gift zum Gully bringen lässt. Er lehrt den Freund aus der anderen Kultur, dass man auf einer islamischen Hochzeit nicht mit Sekt anstößt – die Hochzeit im Film ist übrigens echt. Er unterweist ihn in Shisha-Kunde und erklärt beiläufig, wie Merhamet – Barmherzigkeit – geht und was Ummah – Gemeinschaft – bedeutet. Er bringt Daniel den Druck aus Verständnislosigkeit bei, unter dem die muslimische Migration über die Kiezbühnen geht. In der Zwischenzeit bearbeiten die Kumpels vom Verfassungsschutz den Kollegen auf Abwegen. Doch reicht das nicht einmal mehr für einen Loyalitätskonflikt. Daniel hat seine Freunde und seinen Frieden gefunden: in einer türkisch-arabisch-muslimischen Gemeinschaft – durchaus mit abweisenden Kanten. In ihren Grenzen ist Platz für eine kleine Liebesgeschichte. Sie erscheint eingeflochten, um dem grandiosen Schlussakt Plausibilität zu verpassen. Mona Pirzad flirtet und streitet als Dina mit Daniel, er kann ihr nicht richtig folgen. 

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