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15.12.2018, Jamal Tuschick

Die Autorin hat für das Mainlabor das 15. Kapitel ihres ersten Romans poliert - Und wir freuen uns, nun die Droge Arta in kleinen Dosen abgeben zu können. 3. Folge

Arta Ramadani

Die Reise zum ersten Kuss

 „Aber ihr habt euch doch grad gesehen, du hast dort gestern

Nacht sogar übernachtet, da willst du schon wieder hin?“, wunderte

sich meine Mutter.

„Ich will sie zu Salim befragen. Vielleicht weiß sie was“, sagte

ich.

Und weg war ich.

In der Sozialwohnung von Bleta war die Hölle los. Seit Salim

verschwunden war, waren die Menschen aus der Sozialbehörde

nicht auszuhalten. Sein Betreuer, ein großer und dünner Mann

fragte sogar mich aus und wollte wissen, ob ich ihn gesehen hätte.

Salim war noch nicht 18, so dass sein Betreuer sein Verschwinden

genau verstehen wollte.

Bei Bleta in der Wohnung waren auch alle nervös. Es ging

nach wie vor das Gerücht um, mehr albanische Familien würden

nach Mazedonien abgeschoben werden, da es dort nicht mehr

gefährlich sei.

Bletas Eltern, die ich nie vorhergesehen hatte, stritten sich, ich

schnappte nur ein paar Wörter auf: „Vielleicht nach Schweden

oder Finnland ... so lange wir hier sind, ist es einfacher. Das ist

doch kein Leben ... Kinder werden immer größer. Was ... haben

sie hier?“, sagte Bletas Mutter besorgt. Sie sah ein bisschen aus

wie Frau Schmidt, nur war sie größer und hatte blondes Haar,

genau wie Bleta.

Er erwiderte genervt: „Ob Schweden oder Deutschland, ist

doch alles das gleiche. Wir bleiben hier und warten ab. Wir haben

vielleicht Glück und werden doch nicht abgeschoben“, sagte ihr

Vater. Er war auch ein großer Mann, hatte pechschwarzes Haar

und trug eine Goldkette mit einem Anhänger. Der Anhänger war

ein doppelköpfiger Adler.

Bletas Eltern beachteten mich nicht. Ich sagte zwar Hallo, aber

es schien sie nicht zu interessieren.

*

 

Bleta hatte ein paar Gläser auf ein Tablett gestellt und schenkte

ein. Ich hatte ein paar Erdnüsse mitgebracht. Sie machte die Tür

zu ihrem Zimmer zu.

Noch immer kam ich gar nicht dazu, Bleta zu erzählen, dass

ich Daniel geküsst hatte und wir die deutschen Papiere bekamen.

Da hier so viel los war, schwieg ich lieber. Außerdem hatte ich

mal wieder ein schlechtes Gewissen. Ich war nicht mal ein Jahr in

Deutschland und mein Leben verlief viel besser als das von Bleta,

die schon seit Jahren hier lebte.

In der Zwischenzeit kamen auch noch Thilara und Helena. Wir

alle wollten wissen, was mit Salim geschah und waren traurig darüber,

dass er einfach verschwand, ohne ein Wort zu sagen. Er muss

sehr verzweifelt gewesen sein. Über das Madonna-Konzert sprachen

wir wenig. Fast gar nicht. Alle Blicke richteten sich auf Bleta.

„Warum hast du nix gesagt, dass er verschwindet“, sagte Thilara

zu Bleta. Plötzlich sprach sie im perfekten Hochdeutsch, so als

wäre sie plötzlich ein ganz anderer Mensch.

Die beiden konnten sich nicht so gut leiden. Ich glaube, Thilara

war auf Bletas blonde Haare neidisch. Unterschiedlicher hätten

sie ja aber auch nicht sein können.

„Weil ich es ihm versprochen habe“, verteidigte sich Bleta

schulterzuckend.

„Ich wette, du weißt, wo er sich versteckt. Du weißt doch auch

sonst immer alles?“, sagte Thilara.

Bleta war genervt: „Was ist dein Problem, warum sorgst du

dich um ihn? Du kennst ihn doch gar nicht – und jetzt spielst du

die Mutter Theresa hier?“

Thilara schoss zurück: „Mit deiner möchtegern-coolen Art

kannst du höchstens eine Schildkröte beeindrucken.“

Helena ging endlich dazwischen: „Kommt Mädels, das hat

keinen Sinn. Was ist das für eine blöde Diskussion. Salim ist untergetaucht

und ich bin mir sicher, nach ein paar Wochen werden

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