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16.12.2018, Jamal Tuschick

Meine Erinnerungen an Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino verschickte Postkarten. Ich bekam drei, förmlich abgefasst und deutlich hinter den Zuneigungsbeweisen zurückbleibend, mit denen er mich selten beglückte. Einmal bedankte er sich für ein gelungenes Porträt und zweimal schlug er mir etwas ab. Stets hatte ich den Kommunikationsweg über den Verlag gewählt, so dass der persönliche Charakter der Absagen Genazinos Bedürfnissen entnommen war. Mich lässt die Erinnerung daran an Peter Suhrkamp denken, der kurz vor seinem Tod noch einmal von Frankfurt nach Berlin fuhr, um die Ablehnung von Uwe Johnsons (postum publiziertem) Debüt gemeinsam mit dem Enttäuschten zu formulieren. So verkehrt man nicht mehr.

Zum ersten Mal erlebte ich Genazino Mitte der Achtziger in einer längst verschwundenen nordhessischen Kleinstadtbuchhandlung. Mich legitimierte ein Auftrag der Hessisch-Niedersächsischen-Allgemeinen, ich bestürmte Genazino. Meine Begeisterung für seine Prosa hing mit meinen Vorstellungen von seinem Leben zusammen. Ich unterstellte ihm ein ideales Schriftstellerleben in Frankfurt am Main.

Die Begeisterung sollte ihn einnehmen. So bestechlich war er nicht. Genazino entzog sich und frönte einer Leidenschaft für weibliche Gesellschaft. Ich könnte heute noch die Buchhändlerin beschreiben, die seiner Zugänglichkeit entgegenkam. Ich müsste aber die Umgebung in einem Sittenbild darstellen, für das es keine Umgebung mehr gibt. Mit den Räumen sind die Rituale verschwunden. Jedenfalls wusste ich von da an, dass dieser nie sehr energisch und gewandt wirkende Mann ein waches Auge für den erotischen Betrieb hatte und die von ihm beschriebene und mit ihm personalisierte Lächerlichkeit der Liebe als literarische Verwandlung und Verwertung eine kaum beachtete soziale Stämmigkeit noch einmal anders verbarg.

Es gab ein paar Jahre, in denen Genazino und ich ins Gespräch kamen, wann immer wir uns auf der Straße begegneten. Ich erinnere einen Abend in Bergen, wo nach einem öffentlichen Gespräch eben auch mit Genazino plötzlich Gemütlichkeit aufkam und einer sich ans Klavier setzte. Genazino beteiligte sich nicht an der Privatisierung der Verhältnisse. Der schwere Mannheimer war nicht zu bewegen zwischen Klaus Reichert, Reinhard Kaiser und Karlheinz Braun. Selbst mit seinesgleichen, den geachteten Kollegen, wurde er nicht warm.

Genazino war ein provinzieller Städter, einer der den Tauben nachsah und sich manchmal verriet als Sohn von Leuten, die im Wirtschaftswunderdeutschland von keinem Aufschwung erfasst worden waren. Mit seinen Helden teilte er die Armutsangst. Die Wohnung im Nordend fand ich karg ohne eine Signatur des Willens. Um ihn herum wohnte man aufwendig, die Toskana heranholend im Gargantua-Geist von Klaus Trebes nicht zuletzt. Genazino hatte mit diesem Programm nichts zu tun. Er hielt sich mit einem Halteschild auf der Rohrbachstraße auf. Er erwähnte ein anachronistisches Geschäft in der Siedlung Bornheimer Hang.   

Irgendwann erlaubte ich mir die Bemerkung: „Jetzt haben Sie es geschafft.“

Er widersprach, ohne zu zögern: „Wann hat man es denn geschafft?“

Ich glaube, Genazino fand sich nie ausreichend versichert gegen die Wechselfälle des Lebens. Gewiss war er kein Flaneur, obwohl man ihn immer wieder so markierte.

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