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17.12.2018, Jamal Tuschick

Die Autorin hat für das Mainlabor das 15. Kapitel ihres ersten Romans „Die Reise zum ersten Kuss – Eine Kosovarin in Kreuzberg“ poliert - Und wir freuen uns, nun die Droge Arta in kleinen Dosen abgeben zu können. 4. Folge

Angst vor der Abschiebung

Arta Ramadani

Die Reise zum ersten Kuss

Salim ist untergetaucht und ich bin mir sicher, nach ein paar Wochen werden

wir ihn irgendwo wiedersehen. Vielleicht ist das für ihn besser so.

Hier hätte er doch immer Angst haben müssen, abgeschoben zu

werden.“

Ich sprang ihr bei.

„Mädels, Schluss jetzt. Wir können es in Moment nicht ändern

und zicken hier rum. Mann! Wir hatten gestern so ein schönes

Erlebnis, lasst uns das einfach noch ein bisschen feiern. Habt

ihr die Kostüme von Madonna gesehen? Und was für schöne

Tänzer sie dabeihatte?“

Thilara ließ sich aber nicht bremsen und ging so gar nicht auf

meinem Kommentar ein: „Du hast doch auch keine Papiere, Bleta.

Tauchst du jetzt auch bald unter und lebst illegal mit Salim

zusammen? Du weißt, wo er ist“, sagte sie provozierend.

Bleta war fassungslos: „Sag mal spinnst du, was fällt dir ein, so

mit mir zu reden? Kümmer dich um deine eigenen Sachen! Du

nervst!“

Thilara schnappte ihre Tasche und ging zornig. Als sie durch

die Tür ging, flog sie wie eine Fee. Ihre Haare flatterten. Ich hatte

das Gefühl, sie würde jetzt abheben. Ich lief ihr nach, aber sie

wollte auch mit mir nicht reden.

„Ich habe dir doch nichts getan“, schrie ich hinterher „Warte!“

Ich konnte nichts tun. So kam ich wieder zu den Mädels zurück.

Ich war auch wie erstarrt und wusste gar nicht, wohin mit

mir.

Helena war das Ganze zu viel. Sie machte so große Augen, dass

ich das Gefühl hatte, sie könnten jederzeit platzen.

Bleta zuckte mit den Schultern und sagte: „Kann ich ja nicht

wissen, dass sie so darauf reagiert. Echt eine blöde Kuh.“

Helena schenkte sich noch Tee ein und sagte: „Du hättest sie ja

nicht gleich rausschmeißen müssen.“

„Ja sie ist doch rausgerannt! Ich lass mich doch nicht so blöd

von der anmachen.“

Arta Ramadani hat eine unmittelbar einleuchtende Art, sich mitzuteilen. Die Schriftstellerin und ZDF-Redakteurin kämpft für eine faire Welt. Sie stammt aus einer Familie von Widerstandskämpfern. Ein Urgroßvater wurde wegen einer militant abweichenden Auffassung von den Staatszielen standrechtlich erschossen. Ein Großvater und der Vater gingen für ihre Überzeugungen ins Gefängnis.

„Meine Familie hat mit vielen Traditionen gebrochen“, sagt die Autorin an einem Sommernachmittag vor der Berliner Volksbühne. Sie beschreibt ihren Vater als Rebellen, stark in seinen Überzeugungen und sanft in ihren Darstellungen. Er habe auch der Tochter beigebracht, auf eine sanfte Weise energisch zu sein. Ramadanis Formulierung flippt: „Soft tough zu sein.“

Und dann wechselte sie das Thema: „Hört mal, Mädels, lasst

die. An meinem Geburtstag nächste Woche will mich mit euch

ausgehen. Vielleicht hat sich bis dahin auch Thilara beruhigt. Sie

kann mit, wenn sie will. Ich werde 17 und möchte das feiern.

Es gibt eine Motto-Party, die von MTV in der Stadt organisiert

wird. Dort will ich mit euch mit. Sucht euch ein Kostüm aus und

kommt alle mit.“

Wir alle fanden, dass das eine super Idee sei. Und schon wieder

gingen wir zusammen auf die nächste Party. Ich überlegte, Bleta

zu fragen, ob ich Daniel auf die Party mitnehmen dürfte, aber

dieser Mädels-Abend erschien mir unpassend dafür. Ich musste

das in einer ruhigen Minute machen. Wenn wir alleine waren.

Seit dem Madonna-Konzert hatte ich Daniel nicht mehr gesehen.

Auch an dem Abend verabschiedeten wir uns eher schnell.

Fast verlegen. Wir hatten keine Möglichkeit, über den Kuss zu

reden. Auch sonst hatte ich bisher mit niemandem über den Kuss

geredet. Ich hatte zwar bei Bleta nach dem Konzert übernachtet,

aber Salims Verschwinden überschattete alles, so dass ich das mit

meinem ersten Kuss erstmal für mich behielt.

 

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