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19.12.2018, Jamal Tuschick

Der Film wurde ohne Budget, mit zwölf Beteiligten an elf Tagen in Almaty, vormals Alma-Ata, gedreht.

Nagima

Die Republik Kasachstan teilt ihren verwalteten Waisen „die Identität der biologischen Eltern“ mit, sobald die Zöglinge volljährig sind. Dies geschehe unter allen Umständen, erklärte mir einst die Regisseurin Zhanna Issabayeva. „Es geschieht auch dann, wenn die Eltern im Gefängnis sitzen.“

„Nagima“ erzählt von einer Waisen, der Titel nennt ihren Namen. Nagima erfährt, dass ihre Mutter ohne sie eine Familie gegründet hat. Diese Entwertung steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Dina Tukubayeva spielt Nagima, sie scheint mit der stummen Rolle identisch. So gering wirkt der Abstand zwischen ihrer Darstellung im Film und dem Berlinale-Auftritt. Die Regisseurin springt ein. Issabayeva spricht von „extremer Schüchternheit“ der Schauspielerin.

Tukubayeva hat selbst eine Kinderheimkarriere hinter sich. Dem Publikum zeigt sie eine Traumatisierte. Nagima bewegt sich wie unter Wasser. Stumm bietet sie allen möglichen Widrigkeiten eine Stirn aus Trotz. Ich glaube, sie täuscht Widerstandskraft vor.

Nagima arbeitet als Küchenhelferin. Sie packt ein, was auf den Tellern zurückkommt – ein Abfallmensch zum Anschreien.

Sie haust Busstunden entfernt von ihrem Arbeitsplatz. Der Film wurde ohne Budget, mit zwölf Beteiligten an elf Tagen in Almaty, vormals Alma-Ata, gedreht. Er dokumentiert Szenen einer Millionenstadt. Die Slums sind weitläufig, sie fressen sich in eine Prärie. Verkehrsgeräusche reißen die Ohren auf. Die Akustik kracht wie ein Auffahrunfall – Aufnahmen mit dem Handtelefon.

Nagima nimmt wenig wahr, stets steht sie so da, als sei ihr Stillstehen befohlen worden. Zuhause ist sie in einem Verschlag. Den teilt sie mit ihrer hochschwangeren „Schwester“ Anya (Mariya Nezhentseva). Die „Schwestern“ kennen sich aus dem Heim ihrer Kindheit und Jugend. Anyas Schwangerschaft verläuft katastrophal. Als Illegale kann sie nicht zum Arzt. Nagima versorgt sie mit ihren Abfällen und geschnorrten Sachen, doch Anya ist nicht mehr zu helfen. Sie stirbt bei der Geburt einer Tochter. Nagima verliert mit Anya die einzige Bindung. Sie sucht ihre Mutter auf, eine bäurische Person, die sie nie zuvor bewusst gesehen hat, und wird abgewiesen. Die Frau jagt das Mädchen fort. Nagimas biografische Tragik nimmt überhand, während der Film seine Sprache verliert.

Nagima überredet den Einzelhändler ihres Vertrauens zu einer Liebeserklärung. Sie möchte überzeugend angelogen werden. Jemand soll sagen, dass er sie liebt. Der Kaufmann lässt sich hinreißen, doch zuvor fragt er, ob Nagima auf den Kopf gefallen sei.

Das passt: Da bewegt sich ein vor den Kopf gestoßener Mensch in einer Blase der Einsamkeit. Nagima kapert die Tochter der toten Anya, um ihrem Liebeshunger einen Gegenstand zu bieten. Ich erzähle nicht, wie „Nagima“ weitergeht. Ich finde die Geschichte erschütternd einfallslos und wie mit einem Presslufthammer erzählt.

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