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21.12.2018, Jamal Tuschick

Jetzt werden die Termine rar, an denen ich als Kiebitz teilnehmen kann. Die besinnliche Zeit rückt auf. Sie fühlt sich immer noch so an, wie in meinen Göttinger Jahren, als auch die größten Heizer sich anschickten, am zwanzigsten oder einundzwanzigsten Dezember heimzufahren, um nicht nur Weihnachten bei der Familie zu verbringen. Nach der Bescherung traf man sich dann wieder in einem öffentlichen Raum und versicherte sich seiner Autonomie. Ich treibe durch Berlin und beobachte meine spielenden Schatten.

Seelenartefakte I.

Literatur entsteht in einer Öffnung. Das Unbewusste nimmt Kontakt mit kooperativen Instanzen der Autor*innen auf. Der Prozess organisiert eine Vergesellschaftung individueller Konfliktbewältigung. Er schafft und suggeriert Erinnerungsfundamente. Man glaubt, von etwas Unverrückbarem ausgegangen zu sein, wenn man sich darauf beruft. Die literarische Produktion der Nachkriegszeit ist ein Reservoir des kollektiven Gedächtnisses – als einer Veräußerlichung des kollektiven Unbewussten. Ihre retrospektive Aufnahme gleicht einer archäologischen Tätigkeit. Man gräbt Seelenartefakte aus. Man partizipiert an privilegierten Zugängen zu Informationsströmen, die nun vereist sind.

Jetzt werden die Termine rar, an denen ich als Kiebitz teilnehmen kann. Die besinnliche Zeit rückt auf. Sie fühlt sich immer noch so an, wie in meinen Göttinger Jahren, als auch die größten Heizer sich anschickten, am zwanzigsten oder einundzwanzigsten Dezember heimzufahren, um nicht nur Weihnachten bei der Familie zu verbringen. Nach der Bescherung traf man sich dann wieder in einem öffentlichen Raum und versicherte sich seiner Autonomie. Ich treibe durch Berlin und beobachte meine spielenden Schatten. (Ich habe viel mehr als einen.) Ich lese gerade Feridun Zaimoglus „Isabel“ noch einmal.

„Gärungsprozesse und Ortsbegehungen“ brachten Zaimoglu den Text. „Ich irrte durch Berlin“, führte er aus. Er nannte das Recherche. Bestimmt war immer Nacht und jeder Gang führte über die Jannowitzbrücke. In der Spree trieben die Bagatellen und an den Ufern paarten sich Ratten mit Tauben.

Isabel trennt sich und zieht aus der Wohnung eines Vermögenden in eine Platte am Alexanderplatz. Bruch und Plunder, das kennt jeder. Wenn die Wohngemeinschaftszeit abgelaufen ist und die Schauspielerin über vierzig, dann bequemt sich das Elend und betritt selbst die Bühne. Willkommen in der Armut. Isabel könnte etwas noch Schlimmes passiert sein, ihre ausschweifende Ablehnung spricht dafür.

„Ich muss mich verausgaben. Beim Schreiben muss ich schwitzen.“ Feridun Zaimoğlu

Sie kommt sich abhanden und geht auch den anderen verloren. Gestern war sie noch Schauspielerin und Model, jetzt hat sie nur noch einen Vertrag mit dem Ehepaar, das Isabel in ihren Sex einbaut. Auch das ist nur eine Nebenrolle.

Zaimoğlu sprach gelegentlich über die prekäre Berliner Boheme mit ihren „vom Bürgerlichen abgefallenen Assistenzfiguren“. Die Kastanienallee beschrieb er als „Zombiezone“.  

„Sich der Wirklichkeit aussetzen, das macht alt“, sagte Zaimoğlu. Seine Isabel begibt sich unter Trebegängerinnen. Helga erscheint auf der Bildfläche, „eine Flaschenpflückerin“ in „löchrigen Gärtnergaloschen. Sie sagt: „Bin hier geboren und gar nicht weggekommen.“

Helga wiegt nicht mehr als ein dicker Männerbauch. Früher hat sie für zwei Kartoffeln „Fußnägel geknipst“. Sie sei mit jedem gegangen, erzählt sie Isabel. Zaimoğlu erinnert an „arische Mädchen“, wie sie „mit Siegern und Schiebern anbändelten“ im Jetzt der unmittelbaren Nachkriegszeit. Der Untermensch von eben war nun Sir. Erst sagte man Sir, dann Henry, dann Darling und schon war man in Übersee verheiratet. Das ist Helga nicht widerfahren. Sie klappert wohltätige Adressen ab, es wird schon nicht mehr ewig dauern bis zur Himmelfahrt.

Isabel „schwört der Heiterkeit ab“. Der Autor begleitet sie zu einer Armenspeisung mit Pastor. Sie lernt das Alphabet der Abweichungen. Ihre Mutter ist eine Hagestolze, imstande die Tochter zu überleben. Eine andere Mutter im Roman hat ihre Tochter schon überlebt. Sie zieht in die Wohnung der Toten. Die Welt ist aus den Fugen, wenn die Töchter vor den Müttern sterben.

*

Wieder so ein zweiter Hinterhof mit urbanem Gardemaß. Ich freue mich auf die Präsentation von „Nachkriegsliteratur als öffentliche Erinnerung - Deutsche Vergangenheit im europäischen Kontext” im Selma Stern Zentrum. Ich zitiere den Waschzettel: Dem Band, dessen Beiträge teils auf drei internationale Workshops, teils auf ein Forschungskolloquium in Potsdam zurückgehen, liegt der Anspruch zugrunde, dass sich durch die beziehungsgeschichtliche Betrachtung öffentlicher Erinnerung für sicher geglaubte Befunde erinnerungskultureller Forschung als einseitig erweisen und rekontextualisiert werden müssen. Dies setzt jedoch voraus, Diskurse über die NS-Vergangenheit ausgehend vom Material und den zeitgenössischen Bedingungen seiner Veröffentlichung zu analysieren, nicht als nationale über ‚Identität‘, sondern unter Einbeziehung des europäischen Kontexts. Die Problematisierung der dominanten kulturwissenschaftlichen Konzepte Gedächtnis und Generation, durch die Kommentierung eines bisher nicht übersetzten Textes von Maurice Halbwachs und eine Analyse der Rezeptionsgeschichte von Karl Mannheims „Das Problem der Generationen", bildet den Rahmen für Fallstudien literarischer ‚Vergangenheitsbewältigung‘, für Untersuchungen literarischer und medialer Strategien zur Legitimierung von Diskursen als ‚authentisch‘ und der asymmetrischen Verflechtung in der Abgrenzung öffentlicher Erinnerung an den Nationalsozialismus in Ost und West. Der Band will weitere Forschung anregen.

„Nachkriegsliteratur als öffentliche Erinnerung Deutsche Vergangenheit im europäischen Kontext”, Hrsg. v. Peitsch, Helmut. In Zusammenarbeit mit Baehrens, Konstantin / Diedrich, Ira / Ernst, Christian / Kapp, Christoph / Panzner, Jacob / Schneider, Ulrike / Voigt, Frank, De Gruyter, 49.95 Euro

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