MenuMENU

zurück zu Main Labor

21.12.2018, Jamal Tuschick

Das Absterben einer Generation bedeutet, dass ihre zentralen Vorstellungen nicht weitergetragen werden. Neue Kohorten verschaffen sich neue Zugänge zu der bestehenden Kultur und geraten dabei in einen familiären Flow.

Seelenartefakte II.

Andrzej Munk in Auschwitz. 

„Die ehemaligen Mittel, gleichartige dauernde Wesen durch lange Geschlechter zu erzielen“, so sagt es Nietzsche in den Spiegel seiner Zeit, waren unveräußerlicher Grundbesitz und Verehrung der Älteren, die jung gewesen sein sollen als Götter und Heroen (als Ahnherrn der Menschheit). Kein genetisches Programm steuert beim Menschen diese Gleichschaltung. Die Mittel müssen „ersonnen“ werden. Das kulturelle Gedächtnis (Maurice Halbwachs) greift hier ein. Der Begriff schaufelt biologistische Erklärungen in die Tonne der Kultur. Wir erzielen Gleichartigkeit in der Überlieferung und da wo die Überlieferung witzig ist, spricht man vom „kommunikativen Gedächtnis“.

Darüber referiert u.a. Frank Voigt im Selma Stern Zentrum anlässlich der Präsentation des Bandes „Nachkriegsliteratur als öffentliche Erinnerung - Deutsche Vergangenheit im europäischen Kontext”, Hrsg. Von Peitsch, Helmut. In Zusammenarbeit mit Baehrens, Konstantin / Diedrich, Ira / Ernst, Christian / Kapp, Christoph / Panzner, Jacob / Schneider, Ulrike / Voigt, Frank, De Gruyter, 49.95 Euro.

Aus den häufigsten Begriffen einer über Jahre geführten Debatte (siehe Seelenartefakte I.) habe man die Kapitelüberschriften gebildet. Voigt widmet sich dem Kapitel „Gedächtnis und Generation“. Er erläutert, wie Halbwachs Gedächtnis von Tradition unterscheidet. Die symbolischen Formate von Vergessenem nennt Halbwachs Tradition. Sie funktionieren nicht mehr in einer alltäglichen Praxis. Wiederbelebungen scheitern in Grotesken und Travestien. Der Räuber Zeit holt sich seinen Teil. Wer daran festhält, fällt aus der Zeit.

*

Was ist Zeit? Ich erinnere mich gut an eine Überlegenheit, die ich als Kind gegenüber meinen Großeltern empfand, weil ich so viel länger als sie leben würde. Egal, wie groß ihre Spanne war, ich hatte von der Zukunft mehr und das fühlte sich so an wie ein Sieg. Seltsamerweise war das wichtig: so spät wie möglich geboren zu sein, um so weit wie möglich in die Zukunft blicken zu können wie mit einem Fernrohr; das andere Auge seemännisch gekniffen.

*

Neue Kohorten verschaffen sich neue Zugänge zu der bestehenden Kultur und geraten dabei in einen familiären Flow

Das Absterben einer Generation bedeutet, dass ihre zentralen (sie konstituierenden) Vorstellungen nicht weitergetragen werden. Die Generationen unterscheiden sich voneinander, so erklärt es Konstantin Baehrens nach Karl Mannheim in der Lagerung, dem Zusammenhang und der Einheit. Gemeinsame Erlebnisse stiften eine Verwandtschaft eng beieinanderstehender Geburtsjahrgänge.

In dieser Nähe formuliert sich die nächste Differenz. Deshalb erkennen Nachfolgende oft nicht, dass und wie ihre Themen vor ihnen in einem verdienstvollen Diskurs waren. Das Gespräch über die Vergangenheit kommt immer wieder ins Stocken, aus den genannten Gründen. Christian Ernst untersucht das Phänomen am Beispiel von Entwürfen zu einem Film über die „Weiße Rose“ von Erich Kuby und Franz Fühmann. Ernst stellt fest: Es gab eine durchgängige Erinnerung in beiden deutschen Staaten. Das berührt die „asymmetrisch verflochtene (deutsch-deutsche) Parallelgeschichte“, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das Gemeinsame unter dem Gewicht des Trennenden litt. Abgrenzung, Parallelität, Verflechtung – Michael Verhoevens Film „Die weiße Rose“ war das deutsche Kinoereignis des Jahres 1982 und galt als erste filmische Umsetzung dieser Widerstandsgeschichte. Der Film wurde in der DDR gezeigt. Die DDR-Geschichtsschreibung sah in dem Aktivismus um Sophie Scholl eine Fortsetzung des deutschen Idealismus, der dem Faschismus einen Weg gewiesen hatte. Das kommunikative Gedächtnis ignorierte, dass es bereits 1960 eine DEFA-Adaption des Stoffes von Gerd Focke gegeben hatte.

Verhoeven bebilderte die „Weiße Rose“ und schuf so den einschlägigen Erinnerungsmeilenstein. Für kommende Kohorten wird im kommunikativen Gedächtnis nicht viel mehr übrigbleiben.

Gehen Sie nun zu Seelenartefakte III. über. Da erkläre ich das Bildmotiv.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen