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22.12.2018, Jamal Tuschick

Andy Wolffs Dokumentation „Der Kapitän und sein Pirat“ verhandelt Spätfolgen des Kolonialismus.

Ödipale Beißwut

Nach hundertzweiundzwanzig Tagen als Geisel somalischer Piraten vermacht Kapitän Krzysztof Kotiuk sein letztes Hemd dem Chefgeiselnehmer vom Dienst Ahado. Der gebürtige Pole und eingebürgerte Deutsche schenkt dem Briganten außerdem ein Paar Schuhe, die in Mogadischu Prominenz erlangen werden. Da will heute noch keiner glauben, dass die „Schuhe des Kapitäns“ nicht aus der Prise stammen. Ahado liefert die beste Erklärung für das freundschaftliche Betragen seines Opfers:

„Er war wie eine Lampe, die allein hängt. Außer mir hat sich kein Mensch mit dem Kapitän beschäftigt.“

Deutschland 2013. Regie: Andy Wolff

Ahado entert mit seiner Gang die Hansa Stavanger am 4. April 2009, man besetzt ein hundertsiebzig Meter langes Containerschiff chinesischer Herkunft. Es fährt unter deutscher Flagge und transportiert einen Millionenwert in asiatischen Waren. Nach vier Monaten und zähen Verhandlung, die Reederei stellt sich vorübergehend tot, die Bundesregierung signalisiert Härte und schickt ein GSG-Kommando, das nicht zum Zug kommt, kriegt Ahado, was verlangt war: läppische 2,75 Millionen Dollar. Sein Anteil beträgt 30.000 Dollar. Sagt er.

In der Zwischenzeit zerbricht Kapitän Kotiuk. Die Dokumentation zeigt ihn in einer psychosomatischen Klinik, in seiner Wohnung, auf einem Spaziergang und beim Segeln. Wäre es nach Regisseur Andy Wolff gegangen, könnte man Kotiuk auch beim Wiedersehen mit Ahado in Mogadischu beobachten. Kotiuk fand ein Treffen mit dem Täter jedoch abwegig. Der Wolff jagt – in gewisser Weise ist Kotiuk noch einmal unter die Räuber gefallen. Falls er sich von dem Film eine Rehabilitierung versprochen haben sollte, muss er enttäuscht sein.

Der gekaperte Kapitän Krzysztof Kotiuk wird schnell geschnitten und schließlich gemieden von seiner Mannschaft. Der Autoritätsverlust in einer Krise bleibt als Belastung. Traumatisiert von einer Scheinhinrichtung und anderen Angstexzessen, erlebt man Kotiuk als Patient. Kaum zu glauben, dass er die Szenen zugelassen hat. Kotiuk kehrt vor der Kamera sein Innerstes hervor. Er offenbart sich im Zustand äußerster Zerrüttung.

Kotiuk ist älter als jeder. Piraten und Crew haben Jahrgänge gemeinsam. Das Lumpenproletariat aus der Dritten Welt läuft über, beteiligt sich an Plünderungen und belebt Piratenpartys. Kotiuk bleibt außen vor und verliert in seiner Segregation jede Bedeutung. Sein Abstieg findet öffentlich statt, die Sichtbarkeit provoziert ödipale Beißwut bei den aufgewerteten Underdogs.

Die dünne, deutsche Führungsschicht traut dem alten Mann im Konflikt keine durchgreifende Wirkung zu. Misstrauisch beobachten die paar Deutschen, wie Kotiuk an den Oberpiraten Ahado heranrückt. Diese Nähe nehmen sie als Verrat wahr. Wenigstens einer unterstellt Kotiuk, Ahado zu beraten. Der härteste Vorwurf: Kotiuk habe Ahado empfohlen, Geiseln an Land zu schaffen und mit ihrem „Verkauf“ an Islamisten in der blutigsten Preisklasse zu drohen.

Ahado entlastet Kotiuk. Die Verschleppung sei von seinen Bossen befohlen worden. Beiläufig bemerkt Ahado: „Auf Kotiuk hat keiner gehört.“

Der Film lässt offen, ob Kotiuk nicht doch Verhandlungsgeschick bewiesen hat Man wünscht sich das, ich sitze einmal wieder allein im Kino. Ohne jede Überlegung hatte ich die allgemeine Bewertung Kotiuks als „schwacher Kapitän“ übernommen. Das war mir gar nicht klar geworden. Da wird ein Mann von der Couch der Nation aus um seinen Ruf gebracht und ich lasse mir den Text einfach vorsagen.

Letztlich verstärkt Wolffs Film eine negative Wahrnehmung. Er präsentiert einen Gescheiterten in seinem unbeholfenen Alltag.

Man sieht Wale – und Piraten in ihren getunten Fischerbooten aufs Meer hinaus preschen. Man ahnt die Relation zwischen so einer Barke und dem Atlantik. Die Kamera simuliert die Perspektive des Piloten. Die Wellen sind Wände vor ihm. Er fährt steil. Die deutsche Marine bricht einen Befreiungsversuch ab. Ahado suggeriert, die Piraten hätten einen vom Deck einer Fregatte aufgestiegenen Hubschrauber getroffen. Das erzählt er mit viel Aufmerksamkeit für nautische Details. Zu besonderer Beunruhigung habe der Angriff weder bei ihm noch bei seinen Gefolgsmännern geführt.

Ahados Einlassungen wurden in Dschibuti inszeniert, Mogadischu war als Drehort zu gefährlich. Verbindungs- und Kameramann war der Deutsch-Somali Yusuf Guul. Ihm gestattete man, unter Piraten zu drehen. Die jungen Männer spielen in der Wüste mit ihren Waffen. Sie starren aufs Meer. Die Piratenbilder melden Leere.

Ahaho führt die Kampfzeit in Mogadischu Anfang der 1990er an, um zu erklären, wie unspannend diese Containerschiffsache war. Granatwerferfeuer sei für ihn so interessant wie platzende Kaugummiblasen. In seiner Vorstellungswelt steht die Stunde seines Todes fest und wenn sie denn kommt, gibt es kein menschliches Mittel sie auch nur eine Minute zu verschieben. Seine Selbstsicherheit scheint überirdisch.

Die Dokumentation zeigt eine militarisierte Gesellschaft, die Frauen sind in Somalia so verschleiert wie verstummt. Die dauerbreiten Männer unterhalten liebevolle Beziehungen zu ihren Kalaschnikows. Auch Ahado lebt im ewigen Kat-Tran. Seine Stellung in der Piratenhierarchie entspricht einem Posten im mittleren Management. Er macht kein Hehl daraus, dass über ihn verfügt wird, so wie er über Leute verfügt. Seine Autorität steht außer Frage. Man sieht sie. 

 

Der „Spiegel“ titelte: „Gib dem Gangster dein letztes Hemd.“ Es trägt den Namen des Kapitäns. Der gebürtige Pole und eingebürgerte Deutsche Krzysztof Kotiuk vermacht das Hemd nach hundertzweiundzwanzig Tagen als Geisel somalischer Piraten dem Chefgeiselnehmer vom Dienst Ahado. Er schenkt ihm außerdem ein Paar Schuhe, die in Mogadischu Prominenz erlangt haben. Da will immer noch keiner glauben, dass die „Schuhe des Kapitäns“ nicht aus der Prise stammen. Ahado liefert die beste Erklärung für das freundschaftliche Betragen seines Opfers: „Er war wie eine Lampe, die allein hängt. Außer mir hat sich kein Mensch mit dem Kapitän beschäftigt.“

Deutschland 2013. Regie: Andy Wolff

Ahado entert mit seiner Gang die Hansa Stavanger am 4. April 2009, man besetzt ein hundertsiebzig Meter langes Containerschiff chinesischer Herkunft. Es fährt unter deutscher Flagge und transportiert einen Millionenwert in asiatischen Waren. Nach vier Monaten und zähen Verhandlung, die Reederei stellt sich vorübergehend tot, die Bundesregierung signalisiert Härte und schickt ein GSG-Kommando, das nicht zum Zug kommt, kriegt Ahado, was verlangt war: läppische 2,75 Millionen Dollar. Sein Anteil beträgt 30.000 Dollar. Sagt er.

In der Zwischenzeit zerbricht Kapitän Kotiuk. Die Dokumentation zeigt ihn in einer psychosomatischen Klinik, in seiner Wohnung, auf einem Spaziergang und beim Segeln. Wäre es nach Regisseur Andy Wolff gegangen, könnte man Kotiuk auch beim Wiedersehen mit Ahado in Mogadischu beobachten. Kotiuk fand ein Treffen mit dem Täter jedoch abwegig. Der Wolff jagt – in gewisser Weise ist Kotiuk noch einmal unter die Räuber gefallen. Falls er sich von dem Film eine Rehabilitierung versprochen haben sollte, muss er enttäuscht sein.

Der gekaperte Kapitän Krzysztof Kotiuk wird schnell geschnitten und schließlich gemieden von seiner Mannschaft. Der Autoritätsverlust in einer Krise bleibt als Belastung. Traumatisiert von einer Scheinhinrichtung und anderen Angstexzessen, erlebt man Kotiuk als Patient. Kaum zu glauben, dass er die Szenen zugelassen hat. Kotiuk kehrt vor der Kamera sein Innerstes hervor. Er offenbart sich im Zustand äußerster Zerrüttung.

Kotiuk ist älter als jeder. Piraten und Crew haben Jahrgänge gemeinsam. Das Lumpenproletariat aus der Dritten Welt läuft über, beteiligt sich an Plünderungen und belebt Piratenpartys. Kotiuk bleibt außen vor und verliert in seiner Segregation jede Bedeutung. Sein Abstieg findet öffentlich statt, die Sichtbarkeit provoziert ödipale Beißwut bei den aufgewerteten Underdogs.

Die dünne, deutsche Führungsschicht traut dem alten Mann im Konflikt keine durchgreifende Wirkung zu. Misstrauisch beobachten die paar Deutschen, wie Kotiuk an den Oberpiraten Ahado heranrückt. Diese Nähe nehmen sie als Verrat wahr. Wenigstens einer unterstellt Kotiuk, Ahado zu beraten. Der härteste Vorwurf: Kotiuk habe Ahado empfohlen, Geiseln an Land zu schaffen und mit ihrem „Verkauf“ an Islamisten in der blutigsten Preisklasse zu drohen.

Ahado entlastet Kotiuk. Die Verschleppung sei von seinen Bossen befohlen worden. Beiläufig bemerkt Ahado: „Auf Kotiuk hat keiner gehört.“

Der Film lässt offen, ob Kotiuk nicht doch Verhandlungsgeschick bewiesen hat Man wünscht sich das, ich sitze einmal wieder allein im Kino. Ohne jede Überlegung hatte ich die allgemeine Bewertung Kotiuks als „schwacher Kapitän“ übernommen. Das war mir gar nicht klar geworden. Da wird ein Mann von der Couch der Nation aus um seinen Ruf gebracht und ich lasse mir den Text einfach vorsagen.

Letztlich verstärkt Wolffs Film eine negative Wahrnehmung. Er präsentiert einen Gescheiterten in seinem unbeholfenen Alltag.

Man sieht Wale – und Piraten in ihren getunten Fischerbooten aufs Meer hinaus preschen. Man ahnt die Relation zwischen so einer Barke und dem Atlantik. Die Kamera simuliert die Perspektive des Piloten. Die Wellen sind Wände vor ihm. Er fährt steil. Die deutsche Marine bricht einen Befreiungsversuch ab. Ahado suggeriert, die Piraten hätten einen vom Deck einer Fregatte aufgestiegenen Hubschrauber getroffen. Das erzählt er mit viel Aufmerksamkeit für nautische Details. Zu besonderer Beunruhigung habe der Angriff weder bei ihm noch bei seinen Gefolgsmännern geführt.

Ahados Einlassungen wurden in Dschibuti inszeniert, Mogadischu war als Drehort zu gefährlich. Verbindungs- und Kameramann war der Deutsch-Somali Yusuf Guul. Ihm gestattete man, unter Piraten zu drehen. Die jungen Männer spielen in der Wüste mit ihren Waffen. Sie starren aufs Meer. Die Piratenbilder melden Leere.

Ahaho führt die Kampfzeit in Mogadischu Anfang der 1990er an, um zu erklären, wie unspannend diese Containerschiffsache war. Granatwerferfeuer sei für ihn so interessant wie platzende Kaugummiblasen. In seiner Vorstellungswelt steht die Stunde seines Todes fest und wenn sie denn kommt, gibt es kein menschliches Mittel sie auch nur eine Minute zu verschieben. Seine Selbstsicherheit scheint überirdisch.

Die Dokumentation zeigt eine militarisierte Gesellschaft, die Frauen sind in Somalia so verschleiert wie verstummt. Die dauerbreiten Männer unterhalten liebevolle Beziehungen zu ihren Kalaschnikows. Auch Ahado lebt im ewigen Kat-Tran. Seine Stellung in der Piratenhierarchie entspricht einem Posten im mittleren Management. Er macht kein Hehl daraus, dass über ihn verfügt wird, so wie er über Leute verfügt. Seine Autorität steht außer Frage. Man sieht sie.

 

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