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23.12.2018, Jamal Tuschick

Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 konferierten im Berliner Reichskanzlerpalais Delegierte von dreizehn Staaten, die einer Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck gefolgt waren. Sie legten „die Kriterien für die völkerrechtliche Anerkennung von Kolonialbesitz fest – the go-ahead to the extensive colonization of the continent – the arbitrary partition of Africa in absence of the Africans“.

Afrikanisches Kino - „Emitaï“ – Es sind die Frauen im Film, die für Furore sorgen und das revolutionäre Potential generieren.

Ousmane Sembène (1923 – 2007) war der B. Traven Westafrikas und „ein Vater des afrikanischen Kinos“. Mit fünfzehn trat er in die französische Armee ein, er nahm sich die Welt als Maurer und Hafenarbeiter vor. Seine Erfahrungen wurden Literatur, doch erreichte er mit Büchern nur die dünne Schicht der Gebildeten seiner Heimat – dem Senegal. Sembène wollte breit wirken, für ihn war Kunst ein Mittel der politischen Aktion. Sie sollte zu den Massen sprechen. Deshalb verlegte sich Sembène auf Filme im Stil volkstümlicher Schauspiele.  

Emitaï, Senegal 1971, Regie: Ousmane Sembène

Ich sehe „Emitaï“ „un film franco-sénégalais, écrit et réalisé par Sembène, sorti en 1971“ in einem Kreuzberger Kino. Sembène geht von einem historisch verbürgten Vorfall aus. 1942 werden die jungen Männer eines Dorfes ausgehoben. Die Zwangsrekrutierten sollen in Frankreich unter Pétain in einem Krieg kämpfen, „der nicht unserer ist“. In einer Kaserne erklärt man ihnen, dass sie „Freiwillige“ sind. Inzwischen bestellen die zurückgebliebenen Frauen ihre Felder. Sembènes Bildsprache ist malerisch, sie verfolgt didaktische Ziele. Das Dorf bewahrt die ursprüngliche, tendenziell demokratische Kultur, die indes keine Anerkennung findet in den Registern der französischen Fremdherrschaft. „Wo Frankreich herrscht, ist Frankreich“, wird Diop später erläutern. In der kolonialen Perspektive kommt die Kultur des Senegal überhaupt nicht vor. Die Existenz dieser Kultur wird geleugnet. Dagegen stemmt sich „Emitaï“. Der Film verherrlicht das Dorf und entlarvt die Selbstherrlichkeit der Herrschenden in der Manier des sozialistischen Realismus. Ein Jahr nach der Aushebung schickt die Kolonialverwaltung eine kleine Streitmacht in das Dorf, um sich der landwirtschaftlichen Mühe Lohn zu bemächtigen. Es geht um Reis, den die Frauen kultivieren. Der Reis ist heilig, inzwischen regiert de Gaulle. Er mag ein besserer Franzose sein als Pétain, als oberster Kolonialherr hat er die gleiche Ausbeutungsbereitschaft wie sein Vorgänger. Die Feststellung dieser Kontinuität gibt dem Film eine zentrale Aussage.

Die Dorfältesten hadern mit zaudernden Göttern, bei einer Erhebung gegen die Besatzungstruppe verliert eine Persönlichkeit ihr Leben. Die Darstellungen einer animistischen, von Patriarchen kontrollierten Religion entbehrt nicht der Komik. Es sind die Frauen im Film, die für Furore sorgen und das revolutionäre Potential generieren.

„Emitaï“ sollte auch von einem nicht alphabetisieren Publikum verstanden werden, das unterjochte den Kunstwillen. Sämtliche Zuordnungen sind konkret, „Emitaï“ ist keine pan-senegalesische Predigt. Gezeigt wird ein Dorf der Diola an der atlantischen Küste der Casamance. „Hinter uns ist nur noch das Meer.“ Hier führte Aline Sitoe Diatta in den Vierzigerjahren eine Rebellion der Diola an. Reisanbau ist eine Domäne dieser Ethnie. Obwohl sich der Monotheismus durchgesetzt hat, existiert Totem und Tabu in lokalen Ausprägungen, die internationale Karrieren bis in die Karibik absolviert haben.

Ibou Diop weist darauf hin, dass „man den Aufstand der Aline Sitoe Diatta in keinem Buch“ beschrieben findet. Er erklärt die kolonialen Strategien einer systematischen Entwertung aller indigenen Aspekte im Spektrum von Afrique-Occidentale française. „Emitaï“ zeigt mit Beweisführungsabsichten eine Dorfdemokratie, von der kein Franzose etwas wissen wollte. Die Plünderung der Bevölkerung ging als Steuern durch die Legitimation. Egal, wer regierte, Frankreich brauchte den Reis.

Als man de Gaulle auf die senegalesische Unabhängigkeit ansprach, entgegnete der General: „Vous voulez l’indépendance, prenez-la.” („Sie wollen die Unabhängigkeit. Sie sollen sie haben.“)

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