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23.12.2018, Jamal Tuschick

Jörg Fauser wusste: „Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Party-Service anheuern.“

Jörg Fauser

Er ist „Außenseiter unter Außenseitern“ (Wiglaf Droste). In seinen Berliner Jahren liefert die Potsdamer Straße Fauser Rohstoff – Sensationen knapp über den Bodenwellen. Strich und Muff. Alles so schön ranzig. Wie zum Mit- und Abschreiben für einen Bordsteinliteraten bereit gestellt. Die Bordsteinschwalben nisten noch da, gestaffelt nach Jahrgängen, die Straße behält ihre polymorphe Schäbigkeit. Man kann der sozialen Evolution bei der Arbeit zugucken. Ihre Protagonisten gucken die Nutten an. „Milieu ist Heimat“, findet Fauser. 

Ein Film über den Schriftsteller Jörg Fauser mit Franz Dobler. Regisseur: Christoph Rüter. 

„Rohstoff“ heißt ein Fauser-Roman. „Das Leben ist der Rohstoff“, sagt der Schriftsteller. In der Metapher steckt Sucht als Erfahrung. Fauser ist vierzig, als „Rohstoff erscheint. Drei Jahre später stirbt er den Fußgängertod auf der Autobahn, ein Unfall kurz vor München-Bogenhausen. Er wird überfahren wie Rolf Dieter Brinkmann überfahren wurde, den Fauser im Untergrund-Periodikum „Gasoline 23“ einen abgehalfterten Establishment-Schreiber nannte. Obwohl er Brinkmann im Hass und im Ton trifft: „Dieser deutsche Brei, diese klebrige Soße, die sie mit ihrer Kulturproduktion servierten, und diese Soße schmeckte so schlecht, weil sie zubereitet war aus den Rückständen politischer Krankheiten, aus den überlebten Doktrinen des Jahrhunderts, und angereichert mit den politischen Modebegriffen der jeweiligen Saison.“ Das Feuilleton kann die Frage nicht mehr klären, ob Fauser vor dem Unfall im Puff war.

Daran erinnert Christoph Rüters Dokumentarfilm aus dem Jahr 2006. Man sieht den Schriftsteller am Grab von Gottfried Benn, Benjamin von Stuckrad-Barre berichtet, was er von Fauser gelernt hat: „Es gibt kein Reinheitsgebot in der Literatur.“

Franz Dobler, Droste, Stuckrad im ICE, die Dokumentation geht aus von einer Lesereise der Überlebenden, Dobler im Zug: „Wäre Fauser am Leben, würde sich kein Arsch für ihn interessieren.“

Fausers Erscheinung passt nicht in das Bild seiner Texte. Er wirkt wie ein Gymnasiast, der zu viel Chandler und Hammett gelesen hat. Der Berserker im Autor bleibt verborgen. Alle möglichen negativen Markierungen haften an, die Überlebenden stellen klar, dass sie sich Fausers enorme Produktivität nicht erklären können. Dobler hebt Fausers Lerneifer hervor, seine Bereitschaft, sich ständig zu entwickeln. Fauser mutierte vom Lyriker zum Allesschreiber. Das ist kein Kompliment, Allesschreiber verweist auf einen durchgeschossenen Zustand. Jürgen Ploog kommt im Film zu Wort, an anderer Stelle erzählte er gern, wie sehr ihm Fauser als Wurst erschienen sei. Ploog wirkt staatsmännisch an der Seite von Boss Burroughs. William S. B. sagt: „Das Leben ist cut-up.“ Für Fauser war diese Methode eine Episode in den Siebzigern, die Kamera streicht über die Frankfurter Skyline, Fausers Mutter führt ins Kinderzimmer. Sie war umwerfend schön in ihrer Jugend, Schauspielerin und dann beim Funk. Der Vater war Maler, der Sohn habe von ihr nur die Geduld, sagt die Mutter.

Fauser wehrt sich gegen das Gerede von der politischen Relevanz, die Literatur haben soll, gegen das Literatur-ist-tot-Geschwätz. Enzensberger, dem Rudel stets voraus, beschwört die Aporie der Avantgarde. Fauser präsentiert sich als Geschäftsmann.

Dobler darf ins Kinderzimmer, er sichtet frühe Manuskripte, er reist nach Istanbul, wo der Opiumesser Fauser in einem Hotel nahe der Blauen Moschee logierte.

Der Film montiert Ausschnitte, in einer Sendung nach Art von „Drei nach neun“ sagt Fauser mit umwerfender Offenheit: „Wie gefährlich Drogen sind, das wussten wir doch gar nicht.“

Carl Weissner erinnert daran, dass es für Charles Bukowski nur einen deutschen Schriftsteller gab: Jörg Fauser. Stuckrad liest aus „Rohstoff“ eine Westend-Szene in der Hochzeit der Hausbesetzungen. Fauser antizipiert den Lauf der Dinge vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer. Die jetzt am lautesten schreien, werden bald die reichsten Elche sein.

„Du darfst es dir nicht gemütlich machen“, verlangt Fauser von sich.

Der Eklat von Klagenfurt 1984 – Marcel Reich-Ranicki meint, Fauser habe beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb nichts verloren: „Er gehört hier nicht her.“ Das wäre ein Augenblick für die Faust gewesen. Fauser lässt ihn verstreichen, Achim Reichel singt ein Lied vom Jörg in der ZDF-Hitparade. Fauser beim tip-Berlin in der Reaktion, Dobler auf dem Potsdamer Platz. Kurz wird das „Schmale Handtuch“ angespielt, die Frankfurter Kaschemme lieferte Fausers „Bornheimer Finnin“ den Schauplatz – dir und mir Binding Bier, die Kultur der Wasserhäuschen mit ihren Steh- und Stützbier-Philosophen. Ein Schlappefligger darf sagen, was er denkt, das muss nicht immer gut sein.

Bourgeoise & Boheme – Durchbruch mit dem „Schneemann“ 1981, am Ende steht Bogenhausen, der Münchner Schick und ein Job als Redakteur bei Transatlantik, dem edelsten Journal einer Ära. Charles Schumann erwähnt, dass Fauser die Straße immer ohne Rücksicht auf Autos überquert hat, dann wieder Ensslin, Baader, der abgeführte Jan-Carl Raspe, Revolutionspathos: „Nur weil dein Buch nicht gedruckt wird, willst du die Revolution ausrufen.“

Den letzten Roman bringt Fauser nicht mehr zu Ende, seine Witwe meldet gemeinsame Freuden bei Box- und Stierkampfbesuchen.

Fauser stirbt mit 2.64 Promille am 17. Juli 1987, in der Nacht nach seinem dreiundvierzigsten Geburtstag. Bis dahin galt die Devise: „Ich bin ein erfahrener Trinker, ich komme immer wieder nach Hause.“

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