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25.12.2018, Jamal Tuschick

Ein Beitrag von Christa Ritter

In den Kommunen der Selbsterfinder

Ich weiß, viele von euch wollen oder können es nicht sehen: Dass wir uns, also alle Menschen unserer deutschen wie internationalen Gesellschaften, an dem 68er Virus infiziert haben. Unbewusst werden wir von ihm gelenkt: der Vision einer virtuelleren Welt. Weniger Krieg, mehr Freundliches. Ich könnte dazu auch sagen: Wir teilen uns immer mehr mit, die Medien erweitern sich, das Internet kommt dazu. Wir reisen und machen die Fenster auf. Kleinfamilien ade. Flüchtlinge könnten dazu gehören. Alle suchen das Glück?

Shitstorms, Gehässigkeiten, Gewalt in Familien? Gibt’s doch auch. Wir sind auf unserem Weg in die Zwiespältigkeit geraten. Gestern, morgen. Sicherheit, Revolte. Kriegerisches, Liebevolles. Ja klar. Es gibt inzwischen auch die Rechten, Menschen, die zwar zurückwollen aber vielleicht ebenso vorwärts, irgendwohin, wo sich die Linken noch nicht hindenken. In diesen Übergangszeiten, wo das Alte so bedrohlich wegbricht und das Neue noch so fremd ist, scheint niemand einen Kompass zu haben. Was war denn 68? Wie sah diese Vision einer liebevolleren Welt aus?

Gestern habe ich meine Spuren zurück aufgenommen. Ich rief eine alte Freundin an, von damals, als ich zwischen 25 und 35 Jahre alt war und in Düsseldorf wohnte. Das war schön, weil Karin und ich plötzlich diesen Raum aufmachten. Als wir verliebt alle und jeden, als wir so viel ausprobierten, jung und natürlich außen. Werbeagentur, Fotostudio, Fischerboot in der Ägäis, tödlicher Autounfall, erster Joint, außer Körper. Verliebt, nicht verlobt, immer wieder verheiratet oder wie bei mir: nie verheiratet. Abtreibung, Fehlgeburt, Reisen über Stock und Stein.

Was Karin und mich dann gestern vor allem bewegte: Dieses Nichtaufgeben, dass jeder einen ganz persönlichen Weg eingeschlagen hat, sich gestaltet, weiter und weiter. Rückschläge dazwischen, Entmutigungen. So ist es eben, wenn man sich aufmacht, sagte Karin, und ich gab ihr recht und freute mich, die Widerstände tauchen auf, da musst du durch, und dann taucht die nächste Klippe auf und trägt dich und du zweifelst und das Private wird doch immer politischer, greift längst ins Öffentliche. Mal Phasen der Depression, Verstörendes, doch etwas ganz Eigenes, etwas tief im Herzen, das nimmt langsam zu, mühsam auch.

Ich freue mich über diesen Telefonaustausch. Diese ersten aufgeregten Erfahrungen aus meiner jungen Zeit mit heutiger Brille nochmal durchzugehen, sie endlich anzunehmen. Meinen Weg dadurch etwas deutlicher zu befestigen. Am Wegrand die Gefährten, die Freunde, die wir alle neurotisch wurden, irgendwann narzisstisch oder schon immer autistisch. Schüchtern und posttraumatisch, verrückt oder nicht therapierbar. Wenn du aus der bleiernen Enge aussteigst, Dystopisches anzettelst, so sieht‘s halt aus, entfaltet sich ein Regenbogen. Traumhaft schön und beängstigend! Denn die Höllen, die ganz eigenen, gehören dazu. Karin möchte die digitale Farbenpracht, die ich als Arche Noah begreife, glatt übersehen. Sie sagt: Ich lese nicht mal Mails, das tut Andy, auch für mich. Ich lache: Immerhin habe ich dich dort gegoogelt.

Alle suchen das Glück, das Private wird politisch? War das die Frage? Und die Antwort? Kommune! Kommune der Einzelnen, der Selbsterfinder. Als große Gemeinschaft. Community. Wir sind alle Eins.

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