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27.12.2018, Jamal Tuschick

Ellbogen – ein Roman von Fatma Aydemir über Identität, Freundinnenschaft und das Verstehen des Anderen in der Gesellschaft der Vielen.

Ein doppelter Lesetipp von Young Migrants-Autorin Nadire und Old Migrants-Autor Jamal

Nadire

Romane über Menschen mit türkischem Migrationshintergrund gibt es viele. Meistens geht es um Terrorismus oder um unterdrückte Frauen. Die Protagonistin Hazal in „Ellbogen“ ist nicht so ein „Opfer“. Fatma Aydemirs Debütroman „Ellbogen“ ist voll mit Mikroaggressionen, die verdeutlichen, dass der Migrationshintergrund allein, der so oft so vordergründig ist, keine Antwort auf die Frage “Wer bin ich?” liefert. Vielmehr sind es die Ellbogen (hier Zitat), die die Identität Hazals und ihrer Freundinnen ausmacht:

[…] Wegen der Ellbogen, die uns das Leben reingerammt hat, immer wieder, und immer noch. Überall nur Ellbogen von denen, die stärker sind als wir.

Fatma Aydemir: Ellbogen. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2017. 272 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro

Die Ellbogen, die sie bekommt, weil sie kein Junge ist, keine Deutsche ohne Migrationshintergrund und keine Akademikerin wie ihre Tante. Die alltägliche Aggressionen kulminieren und entladen sich am Stereotyp des Privilegierten: der deutsche Student auf der U6. Ellbogen ist eine Hommage an die Weddingerinnen und gibt mit authentischer Sprache die Gefühls- und Gedankenwelt jener wieder, die i.d.R. Lesen nicht zu ihren Hobbys zählen. An einigen Stellen, vor allem im zweiten Teil, ist das Tempo schnell, jedoch entspricht es dadurch auch Hazals impulsiven Denken und Fühlen. Alle, die lesen um sich in einem Buch wiederzuentdecken und verstanden zu fühlen, aber auch alle, die den Anderen verstehen möchten, werden Hazal kennenlernen wollen.

 

Jamal

Das Reinrausspiel der kulturellen Differenz

In “Ellbogen” zählt Fatma Aydemir harte Gangarten auf

Die Mutter lebt im Tablettenparadies, der Vater fährt Taxi in der Vergangenheit. Hazal wächst im Wedding in einem Dauerprovisorium namens Übergangslösung auf. Im Zweifelsfall ist sie bereit, einen Fluch seiner Schönheit wegen anzubringen. Ihre Widerständigkeit trägt die Uniform der Verlierer, die kurz alles hätten werden können auf einer Strecke zwischen Ärztin und Arzthelferin und lange die eigene Bedeutungslosigkeit aushalten müssen, weil Abitur nur was für Lappen ist.

Das erzählt Fatma Aydemir in ihrem ersten Roman. “Ellbogen” wurde von Feridun Zaimoglu nicht aus den üblichen Gründen über den grünen Klee gelobt. Als Zaimoglu anfing, das Furioso der Migration von der Straße zu holen, fehlten die FatmAs. Vermisst wurden Mentorinnen des Aufstands, die “den byzantisch-dekadenten Palazzoträumen der männlichen Kanaille“ ihre unerhörten Versionen entgegen schrieben. Die Gebiete weiblicher Selbstbehauptung überlieferte Zaimoglu als unlimitiertes Schlachtfeld. Er glaubte an die subversive Kraft des Boutiquenschicks. Und Aydemir? Hazal klaut einen Lippenstift, so geht die Geschichte los. Am Ende erlebt sie, gerade volljährig, den gescheiterten Putsch vom 15./16. Juli 2016 in der Türkei.

Aydemir lässt ihre Heldin auf dem Niveau andauernder Rage durchdrehen. Die Autorin etabliert neue Bilder der Migration. Sie dokumentiert Verhärtungen am gesellschaftlichen Rand und zugleich Zementierungen von Zuständen aus der Einwanderungssteinzeit. Hazal jobbt beim Onkel im Backwarenbusiness. Daheim serviert sie den Tee. In einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme lernt sie, Bewerbungen so abzufassen, das ein ernstzunehmendes Interesse dahinter zu stecken scheint. Erwartungen erschöpfen sich im Anschein. Hazal unterwirft sich dem alten Reinrausspiel der kulturellen Differenz. Sie steckt in Verehrungskomplikationen mit dem Facebookfreund Mehmet. Ihre Frustrationen bekämpft Hazal mit Breitsein und den Attitüden einer Kanaka-Putztruppenaktivistin gemeinsam mit Gül, Ebru - und der Bosnierin Elma, die unter Aufsicht eines türkischen Rockerloddels in einem Bordell an der Bar arbeitet.

An der Emanzipationsfront hält nur Tante Semra durch, eine ledig gebliebene Sozialarbeiterin. Ihre Freiheitsgewinne (und ihre Hilfsbereitschaft) bieten der Nichte weder Ansporn und Ausweg. Betrunken stösst Hazal den “Studentenkörper Thorsten” (klingt nach Ikeaegal) auf U-Bahngleise. Der Tat folgt die Flucht nach Istanbul, Hazal belagert Mehmet in Kadıköy. Der Angechattete lebt in der Totalität einer Sucht. Er ist ein minimalistischer Liebhaber. Hazal erfüllt aus eigenem Antrieb überkommene Rollenerwartungen. Sie gerät in Schönheitsstress. In einem Buchladen vermisst sie den Spiegel.

Sie verfolgt eine Spur ihrer kurdischen Herkunft und atmet den Dampf politischer Spannungen. Doch verfehlen sie alle Hoffnungen. Mit ihr geht der Kampf nicht weiter. Hazal fehlt etwas Eigenes. Sie kann nichts Gutes aufnehmen und weitertragen. Als Verirrte auf Lebenszeit zeichnet sie immer nur Figuren des Scheiterns. Das ist auch für den Leser schmerzhaft.

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