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30.12.2018, Jamal Tuschick

„Alle Guten waren tot“ - Gerasimos Bekas erzählt in seinem ersten Roman von einer seelischen Wurzelbehandlung.

Im Sarkophag der Gleichgültigkeit

Gerasimos Bekas

In der gerontopsychiatrischen Abteilung des Würzburger Silvaner-Spitals liegen die Vergessenen und schon zu Lebzeiten Mumifizierten; abgeschoben vor so langer Zeit in die Labyrinthe der Verwaltung letzter Verrichtungen, dass sich kaum je noch ein Verwandter auftreiben lässt. Festgeschnallt und zugeballert verdämmern sie in Sarkophagen der Gleichgültigkeit.  

Faustgroß sind die Liegewundstellen.

Aris Kommenos-Stein erschöpft sich in ausgedehnten Pausen und dies lieber in der Gesellschaft der ostdeutsch-befremdeten Claudia, die aus antikapitalistisch-nostalgischen Motiven F6 raucht, als unter Sibels Kuratel. Diese Kollegin hat mit ihm nach der Vorjahrsweihnachtsfeier Fifty Shades of Grey so nachgespielt, dass Aris sich entwürdigt fand.  

Der Held in Gerasimos Bekas‘ erstem Roman ist Grieche nach seinem Geburtsland, Deutscher nach seiner Sozialisation und außerdem das Produkt eines Projekts privathaftender deutsch-griechischer „Wiedergutmachung“. Ein versoffenes Lehrerehepaar adoptierte Aris einst aus weltanschaulichen Gründen und in Ausweitung eines Engagements für Straßenhunde. Schuldgefühle trieben Helmut und Gitte und trübten das Wesen des Adoptierten. Aris‘ Melancholie erzeugt Lebensmüdigkeit unter Greisen.  

Gerasimos Bekas, „Alle Guten waren tot“, Roman, Rowohlt, 251 Seiten, 20,-

Resolut bis zum Starrsinn erscheint hingegen Frau Xenaki. Die im Spital internierte Ex-Gastwirtin schickt Aris mit einem Koffer voller Geld nach Griechenland. Der Kurier kriecht unter die Fittiche eines modernen Münchhausen. Sakis stammt aus dem gleichen Dorf wie Aristoteles. So erklärt er seine Vorsprünge. Er fährt Taxi und spielt Rammstein-Jazz im Jackie-Onassis-Quintett. Wegen des europaweiten Rauchverbots gibt es auf Sakis‘ Spielplätzen (den Bars von Athen) keine Aschenbecher; wohl aber jede Menge Protestraucher, die den öffentlichen Raum einnebeln und mit Brandlöchern perforieren.

Eine narrative Sonde transportiert Kunde aus der Zeit der deutschen Besatzung im II. Weltkrieg. Sie bewegt sich auf die Handlungsgegenwart zu. Plötzlich entpuppt sich Sibel als rührend Liebende. Aber da ist auch Aphrodite, die Enkelin von Frau Xenaki.

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