MenuMENU

zurück zu Main Labor

31.12.2018, Jamal Tuschick

Océane Labaki erzählt von der Liebe unter Musiker*innen. 1. Folge

Die Vakanz

Hamid liegt nackt auf dem Laken. Thaïs kommt aus der Dusche, sie hat sich kaum abgetrocknet und wringt elegisch ihr Haar. Während der Fernseher tonlos läuft und vor den Fenstern sich die Fahnen verdrehen, sagt sie, danke Liebster, dass ich dich so geil finden kann allein vom Anschauen.

Vorhin waren sie Verarmte füreinander wie manchmal schon. Zur Legende gehört eine elende Landwirtschaft in anatolischen Alpen. Thaïs und Hamid schuften auf Feldern, die wenig abwerfen. Thaïs ist ausgelaugt von sechs Geburten.

Hamid ahmt den Mann nach, der seine Frau von einem Onkel günstig gekauft hat.

In einer anderen Inszenierung sind Thaïs und Hamid kommunistische Bauern, der Spanische Bürgerkrieg ist für sie schlecht ausgegangen. Sie trinken Pastis in Paris und führen ein Lotterleben auf Montmartre (mit schlechtem Gewissen gegenüber der Weltrevolution).

Sie spielen arabisches Ehepaar. Es gefällt ihnen, in dem soften Fluidum eines türkischen Supermarkts ganz gewöhnlich zu erscheinen. Thaïs packt ein, Hamid zahlt großspurig, die Kassiererin ist in der Szene nahtlos zuhause. Sie errötet wegen eines zärtlichen Worts, dass Thaïs an ihren Mann richtet. So will sie auch einmal mit dem Gatten ihrer Zukunft verkehren, so frei.

*

Die Saaltüren sind geschlossen. Die Musiker warten hinter der Bühne. Ihre Anspannung ist mit Händen zu greifen. Es geht zu wie in einem konfessionell geführten Taubstummenheim. Thaïs steht so somnambul und bambi‘esk da wie in ihrer Jugendorchesterzeit.

Hamid vernimmt die Klingel, den Philharmonie-Alarm. Das Premierenfieber mangelt ihn, ein Höhepunkt der Spielzeit wurde dem Publikum versprochen.

Der Konzertmeister öffnet die Tür zur Bühne … eine vor der Zeit verbrauchte, fanatisch verzehrte Erscheinung, die Hamid an die ruinierten Bordsteinschwalben von Thessaloniki denken lässt.

Das Publikum begleitet den Aufmarsch der Musiker mit verhaltenem Applaus. Der Applaus verebbt, bevor Hamid seinen Platz erreicht.

Ja, Hamid wird heute das Triangel spielen. Richtig, das Triangel, nicht die Triangel. Mit einer Angel hat das Instrument nichts gemeinsam. Triangulum ist das richtige Stichwort.  Eine Stahlstange - dick wie ein kleiner Finger - wird zu einem gleichseitigen, an einer Seite offenen Dreieck gebogen. Das Triangel hängt an einer Saite, nicht etwa an einem Faden, der den Klang bloß dämpfen würde. Es ergibt den höchsten Ton im Orchester. Es ist das einfachste Instrument, jedoch nicht einfach zu spielen.  

Hamid liebt das Triangel nicht. Das Instrument ist allerdings seine einzige Chance im Orchester. Man besetzt ihn gelegentlich, Hamid füllt nur eine temporäre Leerstelle aus, eine Vakanz. Seine Einsätze verdankte Hamid Long Petit. Der Normanne verwendet sich für ihn mit verlässlichem Eifer. 

Hamid sitzt in der letzten Reihe. Sehnsüchtig sieht er den Streichern und Bläsern zu, die weit vorn, wenn nicht sogar aber der Frontlinie Stammplätze einnehmen. Er beneidet sie offensiv. Thaïs durfte schon als Solistin im Jugendorchester neben dem Dirigentenpult stehen.

Hamid ordnet seine Stahlstäbe. Sie sind alle bleistiftlang und divergieren im Durchmesser; einige Millimeter dick für das Fortissimo, stricknadelig für das extreme Pianissimo. Hamid setzt seine Brille auf, in Erwartung der Dirigententätigkeit.

Alle Musiker treffen letzte Vorbereitungen.

Bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen