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01.01.2019, Jamal Tuschick

Océane Labaki erzählt von einer Liebe unter Musiker*innen.

Philharmonische Einflüsterungen

Sie tanzten im Club der Aktivist*innen und betrachteten sich als Kompliz*innen im Kampf gegen Rechts.

Der splitternde Lack auf der verzogenen Tür und der Glimmer kurz vor Abbruch des Tages gehören für Thaïs zusammen. Ihr schwebt ein Augenblick auf Stufen voll gestauter Hitze vor. Dann sitzen wir da, du borgst eine Hand von mir und faltest sie ein. Die nächste Szene inszeniert Salvatore. Besorgt überragt der Wirt die Musiker aus der Zweiunddreißig. Nette Leute, so krabbelig für sich. Thaïs und Hamid saugen sich an und fressen sich auf. Sie stehen zueinander in ständigem Körperkontakt. Sie leben in einem Regressionsrausch.

Das Wohlwollen des Italieners ist melodisch. Ein Schlager, den man sonst ignorieren würde, passt gerade. Es gibt Wirsing und Bratwurst in Salvatores neapolitanischer Küche so wie süchtig machende Kombinationen von Meeresfrüchten und Pilzen. Mare e Monti.

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Sie verrücken Ständer, verschieben Notenblätter, richten sich ein in ihrer Dienstkluft. Sie richten die Stöße ihrer Fräcke, die Fliegen vor den Krägen, die Stulpen. Die Streicher stimmen Geigen und Violen, Bratschen und Celli. Sie drehen an den Wirbeln und spannen die Bögen, sie streichen die Saiten und zupfen daran. Die Bläser prüfen Posaunen und Hörner, Trompeten, Klarinetten und Flöten, Oboen und Fagotts. Sie befeuchten die Holzblätter mit der Zunge, animieren Klappen und Löcher. Sie erzeugen alle zusammen die schönste Kakophonie.

Der Gastdirigent erscheint nicht originell in seinem genialischen Gebaren. Als wolle der Panther eine Schlange freien, so sieht das bei ihm aus; so überzogen. Ein Funke springt trotzdem sofort, das Orchester fühlt sich verzaubert. Die gewölbte Decke mit den Segeln, die verschachtelten Tribünen, die schwebenden Treppen und Brücken, die versetzten Wände und Balustraden reflektieren die Töne. Der Raum schwingt wie der Bauch eines Kontrabasses.

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Eine Szene wie in einem Krimi von Melville. Konturen verlieren sich in aufsteigendem Nebel und schimmern unvollständig in Laternenlichtkegeln. Gleich werden die Schemen in einem Platanentunnel verschwunden sein.

*

Massoud (Dr. phil. M. F. J. Y. Mansour) steht vor der Garderobe und gibt Hut und Mantel ab. Die Gegenstände hat ein Herbst der Gleichgültigkeit rau angefasst. Die Klingel zitiert Säumige auf ihre Plätze. Massoud kennt sich in der Philharmonie so gut aus, dass er auch unter Zeitdruck zurechtkommt. Der Bau ist labyrinthisch angelegt, Orientierung folglich keine Kleinigkeit. Massoud stürmt Treppen, er legt sich ein Programm in größter Eile zu. Als Letzter lässt er sich von der Schließerin mürbe anschauen. Er sieht aus wie der afghanische Nationalheld Ahmad Schah Massoud, also wie ein Filmstar auf Weltrettungsmission. Massoud registriert eine bedenklich leichtgewichtige Person und denkt sie sich schüchtern und zaghaft. Er hätte sie gern so.

Massoud behelligt die zwölfte Reihe im ungezwungenen Durchmarsch. Ihm gehört eine Karte für das mittlere Parkett. Zu seiner Erleichterung machen sich vor ihm keine Sitzriesen breit. Rechts neben ihm sitzt ein Versager seines Alters, links eine niedlich gerümpfte Nase; arrogant gewiss nur aus Angst vor Behelligung. Massoud fühlt sich von der bourgeoisen Aura seiner Nachbarin angenehm angesprochen. Die Atmosphäre im bis zum letzten Platz besetzten Saal nimmt ihn wie eh und je gefangen. Noch werden die Instrumente gestimmt. Die Spannung steigt. Dann kehrt Ruhe ein, zuerst auf der Bühne. Das Publikum stellt das Blättern und Hüsteln ein. Es fährt ab in die Dunkelheit.

Die Bühne erstrahlt. Der Dirigent hebt die Arme. Von einem Augenblick zum nächsten erfüllt das Allegro den Saal.

Massoud mustert die Musiker. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt der Harfenistin Thaïs, dem Schlagzeuger Long Petit und dem lächerlich gutaussehenden Ersatzspieler an der Triangel (Hamid).

Massoud kennt die Sinfonie auswendig. Vor zwanzig Jahren kam er mit der richtigen Antwort eines alten Mannes (auf die Frage, was fürwahr Deutsch sei) nach Berlin und erwarb umgehend ein Abonnement. Alles andere stand bereit zu seiner Verfügung. Massoud vertiefte sich in das Konzertgeschehen mit der Erwartung, nach der Vertiefung sämtliche Hürden in der fremden Gesellschaft fehlerfrei nehmen zu können. Als Erbe babylonischen Wissens vertraute er den philharmonischen Einflüsterungen.

Ihm war gesagt worden, dass die Kunst älter sei als der Krieg.

Massoud verliert sich im Anblick sausender Bögen und erwacht im Sog von Thaïs‘ theatralischem Spiel. Die Geliebte seines Neffen steht ganz oben auf einer Liste von Frauen, die zu verführen Massoud zu seinen Aufgaben rechnet. Er hat dafür gesorgt, dass Long Petit seinen Einfluss zugunsten Hamid geltend machte. Massoud hält den Neffen für einen Kümmerer und seine Ergebenheit Thaïs gegenüber für unwürdig. Die Mansours begreifen sich als Nachkommen der Kinda, die im 6. Jahrhundert die Kraft zu einem eigenen Königreich fanden und mächtige Linien in die Gegenwart ziehen konnten.

Thaïs hat keine Idee vom Klan-Komment, dem Hamid unterworfen ist. Er zeigt sich ihr als aufgeklärter Zeitgenosse. Den reaktionären Sockel seiner Existenz hat sie noch nie gesehen.

Thaïs stammt aus einer christlich-säkularen, gemäßigt konservativen, französisch-libanesischen Familie. Sie ist auf eine romantische Weise stolz auf ihre arabische Herkunft, ohne darin eine Verpflichtung zu erkennen. Sie würde jetzt noch nicht glauben, dass ein Ruf seiner Leute Hamid dazu veranlassen könnte, sie aufzugeben, um in einer arrangierten Ehe zu tun, was von ihm erwartet wird. Der Schmusebär guckt immer so lieb.

Bald mehr.

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