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03.01.2019, Jamal Tuschick

„Wir“ ist das Negativ eines ganz kleingeschriebenen „ihr“ - Für „Muslim Girls“ sprach Sineb El Masrar mit neunzig Frauen aus sämtlichen Einwanderungsgenerationen, so kamen auch Muslim Mamas zu Wort.

Im Tal der zwangsverheirateten Tränen

Sineb El Masrar

„Wir sind netzaffin, modebewusst und konsumorientiert“.

Für „Muslim Girls“, erschienen bei Eichborn, sprach Sineb El Masrar einst mit neunzig Frauen aus sämtlichen Einwanderungsgenerationen, so kamen auch Muslim Mamas zu Wort. Die Autorin skizzierte biografische Verbindungen von MTV bis Mekka im selbstbewussten Plural. Man kreidete ihr das „Wir“ an, als Versuch etwas Heterogenes „künstlich“ zu homogenisieren. Wieder einmal stellte sich die Frage, wieso Leute aus der Mehrheitsgesellschaft immer so gut Bescheid wissen, wenn es um die anderen geht. Da erhoben sich Herrschaften bei einer Lesung, um ihre Enttäuschung gleich nach der Einleitung zu verkünden.

„Wir gehen jetzt, das ist uns nicht differenziert genug.“

Haut doch ab. Dieses „Wir“ ist das Negativ eines ganz kleingeschriebenen „ihr“. Ganz klar gibt es „Muslim Girls“ nur als Klischees in Kopfschubladen. Deutschland ergötzt sich an den Fatmas im Tal der zwangsverheirateten Tränen, so sagte es El Masrar. 

Mit Sekundenkleber für die Ewigkeit fixierte Vorurteile

„Gehst du auch mit Kopftuch unter die Dusche“, zitierte El Masrar ein allgemeines Kulturinteresse. Die Vorurteile seien mit Sekundenkleber für die Ewigkeit fixiert. Wie einst Feridun Zaimoglu warf man El Masrar den narrativen Charakter ihrer Mitteilungen vor – und ignorierte, dass Einbildungen, Vorstellungskräfte, Selbstermächtigungen - eben Narration und Resilienz auch schon Motoren der europäischen Bürgerlichkeit waren, als die Bürgerlichkeit sich aus der Klammer des Feudalismus zog.

„Wir haben die gleichen Erwartungen an die Gesellschaft wie alle anderen“, stellte El Masrar fest. Wir wollen nicht mehr mit der Haarbürste als Mikrofonersatz vor Spiegeln tanzen. Wir haben den Bildungszoll entrichtet und kennen auch schon länger die Endstation Praktikum. El Masrar lieferte von Anfang an keine Beschwichtigungsprosa, kein Bullerbü in der orientalischen Fassung. Die Autorin organisierte einfach nur Aufmerksamkeit für sich als Publizistin. Das war und bleibt ein ganz normaler Vorgang.

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