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03.01.2019, Jamal Tuschick

Océane Labaki erzählt von einer Liebe unter Musiker*innen.

Erotische Wallfahrten

Thaïs war ein linksradikaler Snob, eine Edelkommunistin mit einem Kühlschrank nur für ihre Kosmetik. Sie verlangte Anbetung und bot eine Intensität, unter der sich Verachtung verbarg. Die Levante, Mesopotamien, Babylon ... das fünftausend Jahre alte orientalische Wissen auf einem Grat zwischen Handel und Krieg bestimmte ihr Wesen. Ihre Erscheinung faszinierte die Berliner Anarcho-Hipster. 

„Ich allein in seinen Händen? – Gut, lassen sie mich nur. – Ich will doch sehn, wer mich zwingt, - wer der Mensch ist, der einen Menschen zwingen kann.“

Da steht sie. Das sagt sie: die stattlichste Emilia Galotti der Heinz Wurm Oberschule seit Menschengedenken. Emine Bilgin strotzt vor Energie. Vitalität lässt ihre Haare zu Berge stehen. Doch scheint Emine blind für ihre Wirkung, die Gefolgschaft erheischt. Wenige Mädchen haben mehr Freundinnen als Emine. Sie ist erschreckend beliebt und begabt. 

Wie schön, dass Hamid Zeit findet, seine Klarinettenschülerin heimzufahren. (Er hat sich die Theater-AG Probe angesehen.) Die Rückbank seines Tesla transportiert eine Hügelkette aus Einkaufsmüll.

Emines Vater ist Dönerfleischmogul.

Aus einem lyrischen Anflug

Babba ist fies, sein Fleisch ist mies/ aber die Villa zeigt Kies.

Karim Bilgins Stärken sind Ungeduld, Jähzorn und Kontrollwahn. Emine untergräbt ihren Vater mit Gehorsam (Stichwort Affirmationsexzess). Die angenehmste Tochter zu sein: das ist ihr Ehrgeiz. Den Ehrgeiz verbirgt sie vor deutschen Freundinnen, die nach einem anderen (nach Emines Begriffen falschen) Konzept Eltern angehen und sie reizen; so wie Löwen in der Manege gereizt werden, bis sie unwirsch ihre Stunts absolvieren.

*    

Hoffnung auf eine Verbesserung seiner Lage gibt es für den musikalischen Aushilfskellner Hamid nicht. Der Aufbau des Orchesters ist unverrückbar. Links vom Dirigenten sitzen die ersten und zweiten Geigen, rechts Celli, Bratschen und Kontrabässe. In der Mitte steht Thaïs an der Harfe wie an einem Ruder. Sie ist des Kapitäns Steuerfrau. Ihr gehorchen die Holz- und Blechmatrosen, denen die Galeerensklaven an diversem Schlagzeug untergeordnet sind. Auf der letzten Linie schwankt der Mann mit dem Triangel zwischen Gleich- und Unmut.

Hamid ist nicht mehr so heiß auf Thaïs wie letzte Woche noch. Mit ihr zusammen gibt es nichts anderes als die Bespielung von Premiumflächen; als bezöge man Frühstück, Mittagessen, Abendbrot und den Nachtsnack aus einer Sterneküche und bekäme nie eine Bratwurst im Brötchen mit aromatischem Ketchupsenfmatsch. Immer nur Worshipping und erotische Wallfahrten. Zudem sind Hamid die politischen Freund*innen seiner Geliebten nicht geheuer. (Hamid begreift das Leben als Tätigkeit. Er tendiert zur Selbstbeschränkung. Ihm ist indes klar, dass die natürliche Selektion keine vorausschauenden Haushaltspläne aufstellt.) 

Ein Caesar der Musik

Die Sinfonie ist zu Ende. Ein Augenblick der Totenstille. Als der Dirigent den ersten Diener macht, brandet der Beifall auf. Der Dirigent verneigt sich wieder und wieder. Er fordert das Orchester auf, sich zu erheben. Er gratuliert dem ersten Geiger und gesellt sich zu Thaïs, die den strahlenden Mittelpunkt bildet. Wie ein Paar nehmen die beiden Huldigungen entgegen. Den ganzen Abend wird man sie hofieren.

Hamid zieht sich um. Gewöhnlich verzieht er sich schnell, aber heute bleibt er in der zweifelhaften Obhut seiner Kollegen. Im Mantel steht er hinter der Bühne. Durch eine Tür drängen aus dem Foyer Premierengäste und Journalisten, auch Freunde und Verwandte der Musiker. Der Dirigent spricht in ein Mikrofon. Nebenbei trinkt er Bier vor laufenden Kameras. Eine Schönheit stellt Fragen. Sie kommt diesem Caesar der Musik mit ihrer himmlischen Herrlichkeit mächtig entgegen.

Die Musiker loben und beglückwünschen sich. Sie kesseln Thaïs ein, die sich für die Rolle der zweiten Sonne nicht zu schade ist. 

Hamid wählt den kürzesten Weg, entlang der Rückseiten von Neubauten auf dem ehemaligen Grenzstreifen. Die Dunkelheit nimmt den Fassaden ihre Höhe.

In einer weiten Kurve fährt die Bahn ein. Hamid weicht vor den Gleisen zurück. Die schrillen Ankunftsgeräusche erträgt er kaum. Dissonanzen quälen ihn.

*

„Ohne Holocaust kein Punk.“

Der musikalisch dreisprachige Akademieabsolvent Hamid serviert die Punktlandung von Steven Lee Beeber seinem Kumpel Zeisig. Hamid spielt Klarinette, Saxophon und Triangel, er hat den Altenpfleger (und Schlagzeuger in Thaïs‘ Gothic Jazz Band) von der Arbeit abgeholt, für Kumpel Zeisig ist mal wieder alles Ex. Ob Exitus oder Exkremente oder Ex_Xenia - der Abstand zwischen Tod und Kot und schmerzlich erinnertem Koitus schwindet in der Gewöhnung. Der Tag läuft unrund Zeisigs Feierabend entgegen; der Feierabend beginnt nicht vor Bier. Die Freunde besetzen so schnell wie möglich das Berliner Außenamt der Oberpfalz. Es firmiert im Herzen Neuköllns unter der Zufluchtsdevise Schankwirtschaft Laidak. Kumpel Zeisig und Hamid reden über die jüdische Farbe im Punk, sie reden über Lou Reed, die Ramones, die NS-Ästhetik, plötzlich poppten überall Hakenkreuze auf, während die israelische Szene von der deutschen Qualitätsformation „Dschingis Khan“ beeinflusst wurde. Man übernahm Begriffe und Zeichen und erkämpfte die Deutungshoheit über bedrohliche Symbole. Provokationen killten die Kodes der Nazis, während die Kulturindustrialisierung der Shoah das Gedächtnistheater zu einer Einrichtung des Absurden machte.

„Jüdisch zu sein bedeutet, von anderen definiert zu werden“ (Richard Hell, „You make me“).

 

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