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03.01.2019, Jamal Tuschick

Basim Damaris ist ein Pseudonym. Dahinter verbirgt sich ein Jugendlicher, der im Mainlabor eine Geschichte der Differenz und der Vielfalt erzählt.

Ballettboy I.

Wenn jede Woche wie die Woche davor ist, und deine einzige Ablenkung von allen anderen nicht akzeptiert wird, bekommst du Selbstzweifel. Selbstzweifel zu kriegen, ist kein Problem, ihnen zu entkommen, ist weniger leicht.  Bis eben war ich erfolgreich in der Vermeidung. Jetzt glaube ich allerdings, dass Zweifel mich packen könnten. Man muss gar nicht viel für sich und für die anderen allein sein - oder besonders viel nachdenken, um ihnen nicht entgehen zu können. Wenn alle auf dich zukommen und behaupten, du seist hässlich oder, das was du machst, sei kindisch, und niemand dich unterstützt, dann ist es schwer, an sich zu glauben. Viel nachdenken ist gut, auch viel träumen. Sich zum Beispiel als jemand anderes zu träumen, tut manchmal sehr gut. Solange man nicht vergisst, wer man in der schnöden Wirklichkeit ist.

Wenn du als Mädchen träumst, du seist eine Primaballerina und als Junge, ich bin der Fußballkönig, ist die Welt in Ordnung. Wenn du als Mädchen die Fußballkönigin sein willst, finden dich Jungens oft sogar cool. Hat der Junge allerdings vor, Primaballerina zu werden, wird er, wenn er Glück hat, nur schräg angeschaut - oder es wird gekichert. Er kann auch als Opfer dastehen und schwer gehänselt werden.

Ich stehe zwischen gut und blöd. Es macht mir nichts aus, einen Ball ab zu kriegen oder getreten zu werden, aber wie ein Geier hinter einem Ball her zu flattern, fühlt sich für mich komisch an. Andere sagen so was vielleicht vom Ballett. Ich versuche niemandem zu verklickern, wie toll Ballett ist. Von mir aus muss keiner das ausprobieren. Ich fände aber gut, wenn man meine Vorliebe einfach nur akzeptieren würde.

Meistens ist es mit egal, was Leute denken, auch wenn sie es mit sagen, ist es mir egal, aber wenn jemand, der mit nah steht, ständig sagt, dass ich mich nur lächerlich mache, gewinnt das von Tag zu Tag mehr Einfluss auf mich.

Gegenwärtig schaffe ich es noch, meinen Traum durchzusetzen. Ich muss mir eine Arbeit suchen, da mein Vater die Ballettstunden nicht mehr bezahlen kann. Vielleicht will er auch nur, dass ich aufgebe.  

Morgens aufstehen, in die Schule gehen, lernen. Damit werde ich fertig, schließlich weiß ich, all das geht vorbei. Manchmal macht die Schule sogar Spaß. Ohne sie hätte ich viele Leute nicht kennengelernt - und wahrscheinlich hätte ich ohne sie auch nicht angefangen zu tanzen.

*

Wir müssen ein Praktikum machen. Die Chance will ich gleich nutzen, um mir einen Job zu suchen. Es ist nicht leicht, etwas zu finden, was ich relativ gern mache - und wo der Arbeitgeber kein Problem hat, falls ich eventuell nicht kann. 

*

Zwar muss ich früh aufstehen, aber ich habe einen neuen Weg. Heute kassiere ich nicht den üblichen Gruß hey, Ballettboy! auf dem Schulhof. In einem Café werde ich freundlich empfangen. Es ist wohl die Besitzerin, eine nette Hexe, die mich gleich in den Arm nimmt. Das ist mir lang nicht mehr passiert; sie überfällt mich regelrecht mit ihrer Freundlichkeit. Ich fühle mich wie in einem Traum.

Bald mehr.

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