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04.01.2019, Jamal Tuschick

Reduktion und vorauseilende Anpassung sind Zauberwörter der Migration.

Die Einwanderungsgeschichte von Wahida Osmanzada

(c) Are You Syrious

Zu Zeiten des gesellschaftlichen Aufbruchs von Achtundsechzig war Kabul ein Sehnsuchtsort europäischer Glückssucher. Zwischen Ausstieg und Aufstieg prüften sie alle möglichen Varianten. Der Orient lockte mit Hanfrausch und dem Gemurmel der Gurus, man vermutete das Gute in einer Schwade. Doch verschwand die Aussicht auf eine Pension nicht ganz im Nebel der Bewusstseinserweiterungen. Das liegt so weit in gestriger Ferne, dass kaum einer mehr in seinen Erinnerungen über den Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan hinaus kommt. Diese Invasion war die letzte Konsequenz eines Denkens in Blöcken und entsprach der Monroe-Doktrin auf russisch. Die Supermächte hatten eben auch große Hinterhöfe. Ein Opfer der Verwerfungen, die sich in Satellitenstaaten daraus ergaben, war Wahida Osmanzada von Geburt an. Die Geschichte rollte über ihre Familie hinweg, sie machte die Leute zu Geiseln von Ideologien. Wer nicht Partei sein wollte, konnte nur geduckt existieren. Die Normalität ziviler Staatlichkeit, in deren fürsorglichen Fängen in Deutschland seit 1945 schon zig Generationen grau werden durften, war in dem Kabul der Kindheit von Wahida Osmanzada ausgeschlossen. Der gehobene Mittelstand, in den sie hineingeboren wurde, hatte eine humanistische Reformstruktur. Der Vater leitete eine Abteilung im Finanzamt, die Mutter unterrichtete Dari, die erste Amtssprache in  Afghanistan. Wahida Osmanzada besuchte ein französisches Gymnasium. Das klingt kaum nach Verschleierung und passt wenig zu den Klischees von einem notorisch rückständigen Orient. Im Verlauf der 1970iger Jahre verlor das bürgerliche Kabul jedoch jedwede politische Repräsentanz. Nach dem Königssturz von 1973 drifteten die afghanischen Regierungen auf die UDSSR zu und wurden deshalb von konservativen Gruppen im eigenen Land bekämpft. Wie später in Jugoslawien, war dies auch ein Bürgerkrieg der Dörfer gegen die Städte, eine Auseinandersetzung zwischen bewahrenden und verändernden Kräften. Nicht jede Moderne geht so schrecklich über die Bühne. In diesem Konflikt zersplitterten sämtliche Perspektiven des urbanen Mittelstandes. Kurz gesagt, es war kein ziviles Leben möglich. Weil man nicht in einer militarisierten Umgebung leben wollte, fand man sich auf der Flucht wieder.

Wahida Osmanzada reiste mit ihrer Mutter und den Geschwistern nach Tschechien, der Exodus war als Urlaub getarnt. Der Vater blieb zur Sicherung des Eigentums und zur Verblendung der Absichten erst einmal zurück. Mit Beamtenbestechung und Schlepperdiensten gelangte die Familie von Prag nach Dresden, tatsächlich in der Silvesternacht 1991. Die Flüchtlinge erlebten den ersten Tag des neuen Jahres auf dem Dresdner Hauptbahnhof. Sie kannten niemanden und verstanden nichts. Sie waren unerwünscht und illegal – und noch nicht einmal unauffällig. Sie waren außerdem erschöpft und hungrig – und viel mehr am Ende als vor jedem Anfang. Ich will, dass Sie diese Szene mit Ihrer Fantasie und Ihrer Erfahrung ausschöpfen, mit den übelsten Campingferien, den größten Pannen und härtesten Umzügen, die Ihnen im Gedächtnis geblieben sind.

Wahida Osmanzada ist fünfzehn Jahre alt und dazu aufgelegt, ihr Exil als Abenteuer zu erleben. Mit ihren Leuten schlägt sie sich durch, bis nach Mainz-Ingelheim, mit nicht viel mehr als der Information, dass dort ein Heim für Asylsuchende steht. Jetzt im Januar ist es kalt und alles ganz anders als daheim, wo sich der Vater Sorgen macht und die Legende vom Urlaub schon von Glaubwürdigkeitsverlusten bedroht wird.

Also, man hat von einem Heim gehört, von der Möglichkeit einer Aufnahme: irgendwo im Winterdeutschland. Eben war man noch wer, wenn auch nur Teil eines verworfenen Zukunftsmodells, nun vagabundiert man in Verachtung und Ablehnung. Die bildungsbeflissene Normalität von gestern und Kabul, sieht heute wie exotische Verwahrlosung aus: so anders eben in der Ortslosigkeit.

Entwurzelung ist eine Heimsuchung

Wie gesagt, man ist nicht willkommen, noch nicht einmal in einer Unterkunft für Asylbewerber. Die Hausverwaltung verquert sich, zu ungeregelt erscheint der Auftritt einer afghanischen Lehrerin mit den eigenen Kindern. Mit einem Mut, dem Not den Sockel verpasst hat, organisiert man sich zu einem Sitzstreik in der Kälte vor dem Heim. Sozusagen mit dem Rücken zum Rhein. Ein Zimmer mit vier Betten belohnt die Standhaftigkeit beim Sitzen aus Protest. Kaum ist dieser erbärmliche Anfang gemacht, wird aus der mitgebrachten Lebensordnung das wichtigste Element in der neuen Umgebung wie eine Lanze aufgepflanzt. Der bürgerliche Wille zur Qualifikation bestimmt das Programm. Während man bald hier und da und dort irgendwie unterkommt, ohne Status und Ansehen, so auf einem Schiff und so in einem Hotel, das seinen Namen nicht verdient, schafft  Wahida Osmanzada es beinah ohne Vorlauf in der neunten Klasse einer Realschule einzusteigen.

„Das hatte ich doch alles schon gehabt, bloß auf Dari“, erinnert sich sich. Wir begegnen uns in der Bibliothek der Offenen Schule Kassel-Waldau. Hier habe ich vor über vierzig Jahren Bücher ausgeliehen. Ich liebe die Überschaubarkeit meines Lebens, ich empfinde Regelmäßigkeit als Segen. Ich glaube, Wahida Osmanzada fühlt nicht anders, Entwurzelung ist eine Heimsuchung. Ich nehme eine Person wahr, die den Eindruck zu vermeiden versucht, über den Dingen zu schweben. Diese Realschule in Mainz war zweifellos unterirdisch im Betriebssystem der Probandin. Nein, das wird Wahida Osmanzada nie zugeben, wie sehr es sie gekränkt hat, nicht gesehen zu werden als Studentin in spe … zurückgestuft worden zu sein auf das untere Mittelmaß der Mehrheitsgesellschaft. Jeden Versuch, ihr etwas bittere Wahrheit zu entlocken, lächelt sie weg. Ja, Wahida Osmanzada musste lernen, sich zu verbergen.

 

Sie will ihre Intelligenz den Deutschen nicht zumuten als einen weiteren Stein des Anstoßes. Reduktion und vorauseilende Anpassung sind Zauberwörter der Migration. Und deshalb war alles „herrlich und abenteuerlich“ und furchtbar interessant … in den Notunterkünften … ohne Aufenthaltsgenehmigung und nur zur Duldung anwesend.

Wahida Osmanzada macht eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Assistentin im Institut für Toxikologie der Universität Mainz. Das Institut ist von ihr angetan wie ein Mann, man will sie übernehmen. Aber ohne Aufenthaltsgenehmigung gibt es auch keine Arbeitserlaubnis. Da könnte ja jeder kommen und richtig gut sein, so als taffe MTA. Anträge werden gestellt, vertagt und abschlägig beschieden, bis ein toxikologischer Großmeister dem Polizeipräsidenten von Mainz auf die Füße steigt und die Aufenthaltsgenehmigung auf dem kürzesten Amtsweg gleichsam nachgereicht wird. Wahida Osmanzada ist jetzt im Job - und in Mainz lässt es sich leben. Doch nagt der Ehrgeiz, da war doch noch was. Auf der Abendschule verschafft sich die Eingewanderte die Hochschulzugangsberechtigung, mit dem Ziel Medizin zu studieren. Das passiert nicht. Statt dessen wird geheiratet, die Kinder kommen in Kassel zur Welt, die Familie siedelt sich in der Wohnstadt Waldau an. Der Gatte unterrichtet Dari in der Grundschule, der Nachwuchs soll die Kultur der ersten Heimat nicht für sich ausgeschlossen finden. So deutsch können die Kinder gar nicht werden in Deutschland, dass ihre ethnische Herkunft nur noch einen Bedeutungswurmfortsatz haben müsste. Nein, sie werden Afghanen bleiben, Afghanen der zweiten Generation in Waldau. Sie werden sich mit den anderen ethnischen Minderheiten vor Ort über ihre Differenzerfahrungen unterhalten und in ihrer Zugehörigkeit zu den Verhältnissen in einer hessischen Ecke der Welt wohl nie etwas Endgültiges zu den Erfahrungsakten legen können. Ein halbes Jahrhundert Migration in Deutschland lässt keinen anderen Schluss zu.

Wahida Osmanzada lächelt auch diese Einsicht beiseite, mit der Härte einer Pionierin. Es gibt keinen Weg zurück, somit liegt die Zukunft hier. Die junge Mutter erzählt von Geburtstagen, zu denen ihre Kinder nicht eingeladen werden, den Freundschaften in der Schule als verstohlene Einrede. Sie nutzt jede offene Situation, um den Zurückweisungen am Rande der Lebenswege ihrer Familie einen Riegel vorzuschieben. Dazu bietet sich der Turn- und Sportverein Waldau an, zum Beispiel.

„Wir wollen keine Subkultur bilden“, erklärt Wahida Osmanzada. Seit einem Jahr trägt sie Kopftuch, eine Pilgerreise nach Mekka hat sie dazu bewogen, „mehr für meinen Religion tun zu wollen. Ich möchte zeigen, dass Islam nicht Krieg bedeutet.“

So redet man mit Kindern. - So sieht Wahida Osmanzada ihre Welt. Sie versteht sich „als Botschafterin, Vorreiterin, Vermittlerin“. Sie leitet das Müttercafé im Bürgerhaus, sie engagiert sich im Stadtteil und arbeitet halbtags auch noch in ihrem Beruf. Ihre letzten Worte erinnern immerhin an Dutch Schultz, wie er einst leibte: „Ich wohne hier, man kann mich nicht abschaffen. Ich zeige Präsenz.“

 

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