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05.01.2019, Jamal Tuschick

Wenn sie mich „Jugosau“ nannten, habe ich das überhört - Der Schriftsteller, Journalist, Fotograf und Soziologe Sead Husic über sich, Traunstein, Bosnien und die Welt. Exklusiv im Mainlabor.

Die Biografie eines Gastarbeiterkindes

Sead Husic sagt: Meine Leute leben in Bosnien.

Ich bin oft angeeckt und in Streit geraten; auch an meinen Arbeitsplätzen. Deshalb hat sich meine wirtschaftliche Lage nie richtig entspannt. Meine Mutter sagt, du musst keinem in den Arsch kriechen. Falls die Stricke reißen, ernähren dich unsere Pflaumen. Wir haben eine Plantage in Bosnien, wir machen unseren Schnaps selbst. Ich habe dieses „Wir“ überhaupt nur im bosnischen Kontext, obwohl ich in Traunstein geboren bin und meine Sozialisation Deutsch war und ich mir viel zu lange alle Mühe gegeben habe, Deutscher zu sein.

Sead Husic hat gerade seinen ersten Roman veröffentlich - „Gegen die Träume“, Divan Verlag, 380 Seiten, 16.90 Euro.

Im Text heißt die Mutter Mersija. 1969 erreicht sie Traunstein; die schamvolle Armut ihrer Kindheit und Jugend im Gepäck. Sie macht erste Erfahrungen in der Kammerwelt zur Untermiete. Sie findet Arbeit in einer Gaststätte. Ihr Chef ist Herr der Lage. Herr Otto serviert Hausmannskost, Braten und Klöße in sämigen Soßen. Er weiß, worauf es ankommt. Er hat den Bogen raus. Mit lauter kleinen Berechnungen kommt er über die Runden.

Herr Otto ist ein Pantoffelsieger.

Mersija fühlt sich von ihm nicht vollkommen abgestoßen. Sie fasziniert das deutsche Glück. Die Kriegsgewinner putzen die Küchen der Verlierer.

Herr Otto verzichtet darauf, Mersija in ihrer Herkunftseigenartigkeit zur Kenntnis zu nehmen. Sie ist eine Jugoslawin, die den Vornamen ihres Arbeitgebers mit der höflichen Anrede verbindet. Ob in Unkenntnis von Gepflogenheiten?

Mersija lernt Nada kennen. Nada ist die Tochter eines serbischen Schweinebauern und aus einem anderen Holz geschnitten als die treuherzige Bosnierin, die sich in einem Mädchentraum bewahrt. Nada macht Nägel mit Köpfen. Strategisch betrügt sie ihren Mann Sava mit dem Hotelchef Bernd Busch. Nada weckt in Mersija den Wunsch, aktiver zu sein als bisher.

Man hat mich nicht gelassen. Das ist die simple Wahrheit. Der Rassismus sitzt tief. In den Einheiten meiner Kindheit und Jugend war er schamfrei. Meine Mutter heißt Fatima. Als sie in Deutschland anfing, die Stadien einer Gastarbeiterinnenexistenz zu durchlaufen und das ganze Programm der Herabsetzung zu absolvieren, fragte man sie, die wievielte Frau ihres Mannes sie sei. Die Leute hatten ein Bild von Muslimen, das wollten sie sich nicht kaputt machen lassen von der Wirklichkeit. Das ließ sich höchstens falsch ergänzen.

Der Islam meiner Eltern war säkular. Wir essen Schweinefleisch und trinken Schnaps.

Schockierend war, zu sehen und mehr zu fühlen als zu begreifen, dass die Urteile über uns vor den Erfahrungen mit uns gefällt und in Stein gemeißelt worden waren. Niemand kam dagegen an.

Ich habe die Biografie eines Gastarbeiterkindes. Zeitgeschichtlich bin ich dafür fast zu spät auf die Welt gekommen. Die Armut meiner Eltern wirkte im Verein mit der entschleunigten Umgebung meiner Kindheit in Oberbayern verzögernd. Der deutsche Referenzrahmen war nationalsozialistisch und ein Erbhof der CSU. Es gab die Angst vor Überfremdung und eine wüste Abwehr des Fremden, die ich heute archaisch finde, damals aber mit den aktuellsten Forderungen verband. Ich befand mich in lauter Double Bind-Konstellationen, die deshalb so effektiv wirkten, weil die rurale Mehrheitsgesellschaft sich selbst überhaupt nicht befragte. In ihrer Selbstwahrnehmung waren die deutschen Nachbarn keine Rassisten, sondern empathische Zeitgenossen, die es im Zuge der Gastarbeit mit zivilisatorischen Defiziten zu tun bekommen hatten. Der Balkan lag als Zuordnung auf einer Linie mit den „Hottentotten“ und der sogenannten „polnischen Wirtschaft“. Da war erst einmal alles schmutzig und unaufgeräumt. Die dominanten Ordnungsbegriffe verbanden sich mit einem sauberen Christentum.

Ich war der einzige Muslim in der Klasse, das brachte auch nach dem Sport unter der Dusche den Kollegen Spaß.

„Zeig mal deinen Pimmel. Du kannst ja gar nicht so lange wie wir.“

Diese mit Invektiven garnierte Ausgrenzung über äußere Faktoren wie Beschneidung lief so offensiv wie unbegriffen ab. Alle hätten vehement bestritten, dass ihr Verhalten mir gegenüber rassistisch war. Ich war zwar der Fremde, letztlich der Feind aus Titos Bergen, da kam irgendwie auch die deutsche Vorstellung vom Partisanen als irregulären und heimtückischen Kombattanten her, aber es gab keine erklärte Gegnerschaft. Dieses ständige Leugnen des Offensichtlichen kann einen in die Schizophrenie treiben. Ich erkläre mir die Abschottungsbedürfnisse und parallelgesellschaftlichen Mutationen auch so, dass Minderheiten sich Räumen schaffen müssen, in denen sich eine größere Klarheit herstellen lässt als in den Verschlingungen zwischen der Mehrheit und den Minderheiten.

Ich habe alles überhört, jedenfalls alle Beleidigungen. Diskussionen fanden nicht statt. Der Punkt war: was mich betraf, betraf sonst niemanden. Was mich angriff, griff sonst keinen an in meiner Klasse und Generation, solange ich in Traunstein lebte.

Bald mehr.

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