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05.01.2019, Jamal Tuschick

Mahbobullah Aber war drei, als die royale Herrschaft in Afghanistan endete. Er behauptet, sich an die Begleitmusik des Putsches mit tieffliegenden Jets und Detonationsgeräuschen erinnern zu können. Der König kurte gerade in Italien, das machte die Sache der Putschisten einfacher. Mohammad Daoud Khan rief die Republik aus. Er stützte sich auf eine kommunistische Partei und setzte auf die Sowjetunion als stärksten Verbündeten. Die Sowjets wollten es gescheiter anfangen als die Engländer in Afghanistan. Sie nahmen Einfluss auf das Parteienwesen, das aber auch nur modernere Formate für den Interessenbetrieb der Stämme und Ethnien hervorbrachte, den alten Wein in neuen Schläuchen. Die Paschtunen hatten ihre eigene kommunistische Partei. Eine Weile waren Maoisten am mächtigsten. Dann nicht mehr. „Mit Daoud Khan kam die Angst“, sagt Mahbobullah Aber.

Politische Aufstandsbereitschaft

Schon der Name seines Geburtsorts erzählt eine Geschichte. Mahbobullah Aber wurde 1970 in Shashahied geboren. Der Name erinnert an einen königlichen Märtyrer. Mahbobullah Abers Vorfahren waren von Haus aus ursprüngliche Kabuler. Die Stadt erhielt ihren Namen nach einem Fluss und ihre Bedeutung von einem Pass mit Verbindungscharakter. Sie steht auf dem Sockel einer antiken Gründung. In Kabul stellen sunnitische Tadschiken die Bevölkerungsmehrheit. Ihre Organisationsform ist familiär und nicht tribalistisch. Mahbobullah Abers Familie wurde von diversen Reformansätzen der letzten hundert Jahren erreicht. In Afghanistan ergab sich jeder Fortschrittsgedanke aus den Zwängen zur Verwaltung eines Staates, der immer wieder von gegensätzlichen Stammesinteressen gesprengt zu werden drohte. Bekanntlich ist Afghanistan das Massengrab der Großmächte, seit den kolonialen Abenteuern des neunzehnten Jahrhunderts. Von außen und von innen wirkten Kräfte gegen eine autonome Einheitlichkeit, nach den Spielregeln der Nationalstaatlichkeit. Mahbobullah Abers Großvater dirigierte das Erziehungswesen in königlichem Auftrag. Seine Tochter, Mahbobullah Abers Mutter, gründete ein Gymnasium für Mädchen zuzeiten, als Frauen unverschleiert am Gesellschaftlichen beteiligt sein konnten. Auch der Vater gehörte zu den Auserwählten einer Bildungselite. Er starb früh, die Mutter ernährte die Familie, die nach Jahrzehnten in einer Art Verbannung nach Kabul zurückgekehrt war. Ja, es gab eine politische Aufstandsbereitschaft in dieser Familie, von jeher könnte man sagen, um dieser biografischen Erzählung willen. So was denkt man gern mal nicht mit, wenn man einen bärtigen Orientalen auf der Straße sieht, ich meine: soviel Kultur. Man sieht einen Abweichenden im Erscheinungsbild des Vertrauten und empfindet automatisch Abwehr. Dass da viel mehr sein könnte zur Bereicherung des eigenen Weltbegriffs und zur Erweiterung des Horizonts eben bis nach Afghanistan, bleibt außerhalb der Vorstellungen. Das ist bequemer so.

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