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05.01.2019, Jamal Tuschick

Noch eine Bemerkung zu Wilhelm Genazino.

Die ruhige Betrachtung unfähiger Menschen

Im Jahr von Tschernobyl war der erste Mai ein heißer Tag. Ich begann den Tag spät, nach einer Nachtschicht. Ich schlenderte zu einem Restaurant in der Sternstraße, ich lebte in Göttingen. Ein Kommilitone, der leise vor sich hin vergammelte, las auf der Restaurantterrasse, die meine Erinnerung zu einer großzügigen Anlage ausbaut. Er sah kaum auf, erkannte mich, ich glaube, wie im Nebel. Zum abwehrenden Gruß schob er sein Buch vor. Klar war, dass er von sich ablenken wollte. 

„Wenn man auf langweilige Sachen steht, haut das hin.“

Die Rede war von „Abschaffel“. Bald lieh der Gammler mir den Titel, darum bemüht, nicht vollkommen lethargisch zu wirken. Dabei war er eine Genazinofigur wie sie im Buch steht. Mit Büchern von Wilhelm Genazino, Jörg Schröder und Peter „Hamlet“ Kuper bereitete ich mich auf Frankfurt vor. Die Stadt erwartete mich mit einem Stipendium. In Frankfurt versäumte ich keine Gelegenheit, Genazino zu treffen. Am liebsten traf ich ihn auf der Berger Straße oder auf der Rohrbachstraße. Ich kannte die Schneiderin seiner Jacken. Die Jacken waren ein Gegenstand seiner Prosa.

Genazino lud mich in seine Wohnung ein, ich kam im Anzug und mit Krawatte. Den Anzug hatte ich zur Hochzeit einer Freundin gekauft. Sie hatte einen Amerikaner aus New York geheiratet, einen jüdischen New Yorker, genau wie eine andere Freundin, die schon lange in Ohio lebt.

Jüdische New Yorker lösten in den intelligentesten Frauen meiner Generation & Gegend Heiratswünsche aus.

Genazino lebte allein, die Wohnung war dunkel und kühl. Er war noch lange nicht der Georg Büchner-Preisträger, vielmehr ein Geheimstar für besser Informierte. Obwohl ich ihm meine Bewunderung zeigte, blieb das Verhältnis schattig wie die Wohnung. Endlich verließ Genazino Frankfurt zu meinem Erstaunen. Ich dachte, er würde sich in einer anderen Stadt auflösen und nichts zurücklassen als einen Schnürsenkel oder einen Knopf (aus einer Schachtel, die in einer Schublade des Nordends immer dunkler wurde, eben so lange wie ein antiker Mietvertrag es Genazinos Schneiderin erlaubte, in ihrem jeden Tag teurer werdenden Viertel zu bleiben). Ich tippte auf Harry Oberländer als Bewahrer der Reliquie.

Ich sah mich in einem Kreis von Einzelheitenkennern, die über den in Heidelberg verdunsteten Schriftsteller Auskünfte gaben.

Das alles lag weit abgeschlagen vom Feld der Gegenwart, als in einem anderen Jahr der Ukraine ein unbeständiger Sommertag mich einmal wieder zu Genazinos „Mittelmäßigem Heimweh“ greifen ließ. Dem Erzähler geht ein Ohr flöten, während er den Grad seiner Fremdheit in einer Gaststätte bestimmt, die mich an das Sportlereck im Prüfling erinnert. Der Wirt war gelernter Metzger und betrieb das Lokal an der Rendeler Straße als Herzensangelegenheit. Bamberger hieß er. Das Sportlereck stand auf dem höchsten Punkt eines Kneipendreiecks. Auf dem Schenkel der Saalburgstraße lag ferner Karl Mays Pilsstube neben aufgegebenen Pferdeställen. Noch lange nach dem Krieg regelte ein Schutzmann den Verkehr vor der Kneipentür. Fußballergebnisse standen da auf einer Tafel. Im Vorübergehen hielten sich Bornheimer auf dem Laufenden. In Genazinos „Ausschweifung“ ahnt man die Stimmung einer sich in ihren nordöstlichen Bezirken verlangsamenden Stadt. In „Heimweh“ verarbeitet Genazino seinen Gang vor die Tür der Stadt zuerst als nachlaufende Bewegung. Eine Frau zieht ihn fort, sein Erzähler fährt schwarz in den Schwarzwald.

„Ich betrachtete Reisende, die sich an den neuen Ticket-Automaten versuchen und dabei scheitern. In meiner Jugend brauchten die Menschen noch ihr ganzes Leben, um sich alt vorzukommen.“

Der Erzähler ist mit der Schwarzwälderin verheiratet. Man hat eine Tochter und sieht sich am Wochenende. Unter der Woche geht der Erzähler als Angestellter durch ein Genazino-Leben, das heißt, er bläst Nebensachen auf und studiert seine Ängste. Er beobachtet den eigenen Grundriss bei anderen.

Manchmal hilft das: „Die ruhige Betrachtung unfähiger Menschen bringt Versöhnung hervor.“

Seine Ehe scheint ein Übel neben weiteren Übeln bloß zu sein. Ständig wird er abgewiesen, seine Ratschläge werden so wenig beachtet wie der ganze Gatte. Zum Schwund gesellt sich ein kleiner Zeh, die Frau trennt sich (zu ihrem Nachteil).

Der Erzähler siegt als stiller Überwinder, ihm bieten sich Gelegenheiten. Einmal trumpft er mächtig auf. Eine Beförderung hebt ihn an, er gewinnt Gefallen an dem Verhältnis zu einer (nach bürgerlichen Begriffen) Unbehausten. In ihrer Gegenwart steigert sich seine Mittelmäßigkeit zum Glück. Mit diesem Glück endet das Buch. Wieder hat Genazino ein Wörterhaus gebaut, in dem ein versierter Angsthase gut leben kann. Das gefällt mir so sehr, dass ich gleich noch mal die „Ausschweifung“ lesen werde.

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