MenuMENU

zurück zu Main Labor

06.01.2019, Jamal Tuschick

1979 marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein, eine brüderliche Beistandsmaßnahme, wenn man so wollte wie der Kreml. Nur Muhammad Taraki regierte nicht mehr lange. Die von ihm eingeladene Sowjetunion richtete in Afghanistan ein Marionettenkabinett ein. Sie führte den Krieg einer Besatzungsmacht gegen alle möglichen Gruppen im Widerstand. Die afghanische Armee rekrutierte von der Schulbank weg. Auf eine militärische Ausbildung wurde weitgehend verzichtet. „Sie gingen als Schüler und kamen als Leichen rasch zurück“, erzählt Mahbobullah Aber.

Seit neunzehn Jahren lebt Mahbobullah Aber in Deutschland. Seit neunzehn Jahren ist „ein Hallo“ des Wiedererkennens schon viel auf den Wegen, die sich jederzeit ergeben. Mahbobullah Abers Erlebnisse mit der Mehrheitsgesellschaft sind mehrheitlich Distanzerlebnisse.

„Ich habe mehr erwartet“, sagt er.

Selbst schuld, wird mancher denken. Schließlich sieht der Mann so aus, als läge ihm nichts an Integration. Das Gegenteil trifft zu. Mahbobullah Aber akzeptiert die Ordnung vor Ort und in dem Land seiner Aufnahme aus einem von klugen Überlegungen verstärkten Verständnis für die Mechanismen des Gesellschaftlichen. Er ist mit der Mehrheit d´accord, wenn er feststellt: „Ordnung muss sein“.

Mahbobullah Aber übertritt keine deutschen Gesetze, das gilt für ihn als Regel ohne Ausnahme: zur Wahrung des bürgerlichen Friedens. Sein Bart ist kein Verstoß, vielmehr eine religiöse Vorschrift, die zu tolerieren die Religionsfreiheit in Deutschland geradezu vorschreibt. Stattdessen ruft man ihm „Osama bin Laden“ hinterher und findet es witzig zu sagen: „Nicht, dass jetzt eine Bombe hochgeht.“

Mahbobullah Aber spricht von „Berührungsängsten“. Das ist eine weiche Formulierung. Sie zeigt den Kurs seiner grundsätzlichen Zurückhaltung an. Ich denke, Mahbobullah Aber könnte als höchst integrative Mittelpunktpersönlichkeit wirken, wenn man den weisen Menschen zur Kenntnis nehmen würde, anstatt sich auf die ethnische Differenz zu versteifen.

Mahbobullah Aber war drei, als die royale Herrschaft in Afghanistan endete. Er behauptet, sich an die Begleitmusik des Putsches mit tieffliegenden Jets und Detonationsgeräuschen erinnern zu können. Der König kurte gerade in Italien, das machte die Sache der Putschisten einfacher. Mohammad Daoud Khan rief die Republik aus. Er stützte sich auf eine kommunistische Partei und setzte auf die Sowjetunion als stärksten Verbündeten. Die Sowjets wollten es gescheiter anfangen als die Engländer in Afghanistan. Sie nahmen Einfluss auf das Parteienwesen, das aber auch nur modernere Formate für den Interessenbetrieb der Stämme und Ethnien hervorbrachte, den alten Wein in neuen Schläuchen. Die Paschtunen hatten ihre eigene kommunistische Partei. Eine Weile waren Maoisten am mächtigsten. Dann nicht mehr. „Mit Daoud Khan kam die Angst“, sagt Mahbobullah Aber.

Dem nachbarschaftlichen Gefüge gingen die Vertrauensverhältnisse aus. Die Zentralisierung der Wirtschaft, ihre staatliche Lenkung, erzeugte Mangel und schäbige Uniformität. Lebensmittel wurden zugeteilt, „plötzlich hatten alle die gleichen Schuhe an“. Mahbobullah Aber lernte Schlange stehen, bis zu drei Tagen von früh morgens bis irgendwann abends wegen einer Sache, die anders nicht zu kriegen war. Der Staat warb um seine jüngsten Angehörigen, er wollte sie paradieren sehen in roten Hemden. - Eine orientalische Variante der Jungen Pioniere und der kommunistischen Folklore. Die Familien wehrten sich mit dem Koran. Der Islam erteilte dem Kommunismus, als einer Abkehrdoktrin von traditionellen Werten, eine Absage nach der anderen, das freute die Amerikaner. Die Religion war erst einmal eine stille Widerstandsform, eine so einfach nicht zu kriminalisierende Formulierungshilfe. Das kennt man von vielen historischen Beispielen, bis hin zu den Christen in der DDR, nur beim Islam findet man das in der westlichen Betrachtung per se heikel. Die Manieren der Herrschenden ließen sich so kritisieren, ohne dass Gefängnis gleich das nächste gewesen wäre. Die Machthaber betrieben Orwell´sche Sprachverdrehung, Willkür nannten sie Gerechtigkeit und schrieben folglich Gerechtigkeit auf lauter Banner. Kabul war rot drapiert.

Mahbobullah Aber ging im Herzen von Kabul palastnah zur Schule. Die Schule war eine amerikanische Gründung.

1979 marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein, eine brüderliche Beistandsmaßnahme, wenn man so wollte wie der Kreml. Nur Muhammad Taraki regierte nicht mehr lange. Die von ihm eingeladene Sowjetunion richtete in Afghanistan ein Marionettenkabinett ein. Sie führte den Krieg einer Besatzungsmacht gegen alle möglichen Gruppen im Widerstand. Die afghanische Armee rekrutierte von der Schulbank weg. Auf eine militärische Ausbildung wurde weitgehend verzichtet.

„Sie gingen als Schüler und kamen als Leichen rasch zurück“, erzählt Mahbobullah Aber. Er entzog sich dem Wehrdienst nach Pakistan. Das Procedere dieser Verweigerung folgte einer oppositionellen Ordnung. Viele setzten sich ab und wanderten aus, Mahbobullah Aber machte die Talibtour von Peschawar nach Islamabad und retour. 1987 wurde er in ein Kampfgebiet eingeschleust, in der Provinz Logar, im Süden Afghanistans. Als Mudschahid kämpfte Mahbobullah Aber für Gotteslohn in einer Karl May-Landschaft. Dem Glück seiner Unversehrtheit bereitete eine Scud-Rakete ein Ende. In einem heimlichen Höhlenhospital nahmen arabische Ärzte ihm der rechte Arm ab. Sie behaupteten, er habe Glück gehabt. Man schaffte Mahbobullah Aber nach Peschawar in ein Kriegskrankenhaus des Roten Kreuzes.

Mahbobullah Aber erinnert sich an Szenen wie in einem Schlachthof. Fünf Operationen musste er über sich ergehen lassen. Immer noch schwer lädiert, nutzte er eine Gelegenheit, via Frankreich zu seiner Familie in Deutschland zu reisen. Seine Mutter und Geschwister hatten da vor ihm Asyl gefunden. Nun stellte er seinen Antrag. Erst kam er im südhessischen Schwalbach unter, dann in einem Limburger Flüchtlingsheim.

Bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen