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06.01.2019, Jamal Tuschick

„Dreißig Jahre Neoliberalismus haben uns vergiftet“, behauptet Heike Leitschuh in ihrer Bestandsaufnahme „Ich zuerst. Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip“

Ungewohnte Heimat

Der Evolutionsbiologe Robert Trivers fand heraus, dass Verwandtenselektion nicht die einzige natürliche Kraft ist, die Altruismus begünstigt. Er wies nach, dass auch unter nichtverwandten Individuen altruistisches Verhalten vorkommt, selbstverständlich auf der Grundlage von Opportunitätskostenkalkulationen und noch mehr egoistischen Interventionen.

Das Krokodil zum Vogel: Wenn du meine Zähne putzt, dann ernähre ich dich mit dem Dreck in meinem Gebiss.

Gefälligkeiten müssen zurückgezahlt werden. Ergeben sich Störungen auf den Transferrouten, verändern sich die Profile der Nutznießer*innen-Gemeinschaften. Solch eine Störung meldet nun Heike Leitschuh. Folgt man der Autorin, dann dominiert das Primat der Ökonomie sämtliche Abteilungen des westlichen Lebens in Prozessen kollektiver Verrohung.

Heike Leitschuh, „Ich zuerst. Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip“, 256 Seiten. Verlag Westend. 19,-

Unsolidarisches Verhalten wächst in die Alltagskultur hinein.“

Die Autorin zitiert zustimmend Jörg Schindler: „Das Immunsystem der Gesellschaft funktioniert nicht mehr.“

Dem Mehr misstraut man besser, wo es dem Ozean eines besseren Früher entgegenströmt. Leitschuh schreibt: „Dreißig Jahre Neoliberalismus haben uns vergiftet.“ Dann wäre bis 1989 alles im Lack gewesen. Wer glaubt das denn? In meiner Kindheit verbanden nicht wenige den Verlust des Paradieses mit dem Untergang des Dritten Reichs. Sie sehnten sich nach egalitärer Gemeinschaft, straffer Führung und drakonischer Ordnung. Sie verurteilten den „Ichling“, eine Figur, die auch in Leitschuhs Suada auftaucht, um dem Schlechten Konturen zu geben.

(Vermeintliche) Selbstlosigkeit kann genauso eine evolutionäre Erfolgsstrategie sein wie selbstbezogenes Verhalten. Es sind schon Bücher über den Gemeinschaftssegen egoistischer Entscheidungen und über die Wirkungen eines zu geringen Selektionsdrucks geschrieben worden. Andere Autor*innen forderten den neuen Menschen, eingedenk der Gewissheit, dass mit dem aktiven Typus kein Kommunismus zu machen sei.

Leitschuh rahmt ihren Befund mit Allgemeinplätzen aus der Zeitung und privaten Feststellungen, etwa das im Zuge von Gleiserweiterungen die Joggingmeile der Autorin bald auf der Strecke bleiben wird.

„Mit der Bebauung ging ein großes Stück meines Freiraums, ja meiner gewohnten und geschätzten Heimat verloren.“

Was für ein Gefasel der Selbstbezogenheit.

Leitschuh vermisst Politiker mit einer „positiven Vision“. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, beschied einst Helmut Schmidt den Gesundbetern.

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