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07.01.2019, Jamal Tuschick

Wash Westmorelands Verfilmung von Colettes Lehrjahren hinterlässt ein Gefühl der Leere.

Mehr Pikanterie

„Ich kann dich lesen wie die oberste Reihe eines Sehtests“, sagt Sidonie-Gabrielle Colette, genannt Gabrielle, zu ihrem ersten Mann, dem Journalisten und Literaturunternehmer Henry Gauthier-Villars aka Willy. Kaum zu glauben, dass man in der Belle Époque noch etwas anderes als Bücher, Beeren, den Kaffeesatz und die Zeitungen gelesen hat. Wash Westmorelands Colette erscheint gegenwärtig in einer historisierten Umgebung.

„Colette“, Spielfilm, Ungarn/USA/GB 2018. Regie: Wash Westmoreland. Mit Keira Knightley, Dominic West

Die Titelheldin nutzt als Herangewachsene den Radius des viel älteren Papiertigers Willys, um ihren burgundischen Ursprungsverhältnissen zu entkommen. Ab 1896 veröffentlicht sie unter Pseudonymen dem Geschlechtstrieb wie aus der Ferne schmeichelnde Prosa. Der Gatte verlangt Pikanterie zu Lasten der literarischen Qualität, und Colette liefert zunächst noch ergeben. Willy unterhält einen parfümierten Animationsbetrieb für die verstädterte Landbevölkerung, all die Zimmermädchen, Stiefelknechte, Fuhrleute, Waschweiber und Büroboten, die auch bei Guy de Maupassant, den Gebrüder Goncourt und Gustave Flaubert vorkommen. Es ist die Zeit der Dreyfus, die Affären ihres Mannes nimmt Colette (so wie Willy es ihr vorsagt) als Akzent des Männlichen hin. Sie entdeckt ihre Bisexualität, Willy findet in der gleichgeschlechtlichen Liebe kein Motiv für Eifersucht.  

Dominic West spielt den halbwegs übersättigten und ganz und gar verschwenderischen Connoisseur als passablen Widerling. Colette dient er als Seelenführer und Doktor Freud für die niedrigen Stände. In dieser Ehe begegnen sich begabte Aufsteiger. Keira Knightley zeigt Colette in den Provisorien einer mehrfachen Vorläuferin. Als Modellcharakter schillert sie in einem kongenialen Milieu. Willy ist ihr alles in allem gewachsen. Er bringt es fertig, dem Besuch eines Gerichtsvollziehers komische Seiten abzugewinnen. Schlechtes Theater vergleicht er mit einem Zahnarztbesuch.   

Colettes nachsichtiger Langmut dem Mann gegenüber wirkt nicht durchgängig überzeugend. Die ungewöhnliche, bereits von ihrer Mutter beschworene Stärke der Schriftstellerin („Niemand kann dir nehmen, was du bist. Du bist zu stark dafür“) verbirgt sich über weite Strecken. Westmoreland verschenkt die Chancen einer ungewöhnlichen Biografie.

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