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08.01.2019, Jamal Tuschick

Das Design der beruflichen Mütterlichkeit folgt einer Strategie zur Durchsetzung aufwertender Teilhabeforderungen. „Rechtsextreme Frauen – Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik”.

Fürsorgefaschismus

Die Erziehungswissenschaftlerinnen Heike Radvan (rechts) und Esther Lehnert in der Berliner Zweigstelle der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Rechtsextremismus ist nicht nur Männersache. Einer sexistischen und antifeministischen Grundierung des in der Mitte angekommenen rechten Rands zum Trotz, sind einschlägige Module für Frauen attraktiv. Die „Unsichtbarkeit” der Radikalen im öffentlichen Raum der demokratischen Debatte, wo man sie vor allem als Mitläuferinnen in Hörigkeitsverhältnissen zu identitären Alphamännern vermutet, ist ein Thema, dem sich die Erziehungswissenschaftlerinnen Prof. Dr. Esther Lehnert und Prof. Dr. Heike Radvan in ihrem Handbuch „Rechtsextreme Frauen – Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik” widmen. Ihr Credo lautet: Soziale Arbeit ist immer politisch. Sie fragen: Wie kommt es, dass rechtsextreme Frauen in diesem Bereich übersehen werden? - Obwohl sie gezielt pädagogische Berufe ergreifen. Den Wächter*inneninstanzen unserer offenen Gesellschaft werfen Lehnert und Radvan vor, genderreflektierenden Gesichtspunkten zu wenig Beachtung zu schenken und so verharmlosenden Fehlwahrnehmungen Vorschub zu leisten. Immer noch werden Frauen als eher „unpolitisch und friedliebend” geschildert: in den Verlängerungen von Entmündigungskonzepten. Radvan stellte fest:

„Man neigt dazu, die Gewaltbereitschaft, den Rassismus, Sexismus und die Unterwanderungslust von Frauen zu unterschätzen.”

Lange ging man (auch in der akzeptierenden Jugendarbeit, die dem NSU in Jena einen Rahmen lieferte) davon aus, dass die Mädchen (Frauen) wegen der Jungen (Männer) in extremistische Zusammenhänge einchecken. Lehnert und Radvan halten diese Einschätzung für fatal.

„Frauen teilen die Ideologie.”

Die Autorinnen liefern einen historischen Abriss ihres Themas. Soziale Arbeit dient Frauen von jeher als Emanzipationsvehikel und hat diese Funktion noch immer nicht eingebüßt. Fürsorgerin war ein früher Frauenberuf, eine seltene Möglichkeit weiblicher Erwerbstätigkeit. Darum wurde gekämpft auch mit Instrumentalisierungen. Das gipfelte in Passionen für restriktive Lösungen zum Nachteil „asozialer Mädchen und Frauen”. Freiheitsberaubung durch Heimeinweisung war/ist ein Aspekt staatlicher Wohlfahrt. Das Design der beruflichen Mütterlichkeit folgt einer Strategie zur Durchsetzung aufwertender Teilhabeforderungen.

„Der Hebel war, zu sagen, das ist unsere Domäne, da müssen wir qualifiziert werden. Da haben Frauen einen natürlichen Vorsprung.”

Einen Vorsprung, der ihre Konsultation nötig macht. Auf dieser Schiene ließen sich im Dritten Reich Ausgrenzungs- und Ausmerzungsentwürfe mit organisierter Fürsorge harmonisieren. So können sich heute rechte Mütter strategisch in die Elternarbeit einschalten und Erzieher*innen hart prüfen. Ein vor Harmlosigkeit strotzendes Beispiel. - An Kitawänden hängen Bilder, die (zur Mehrheitsgesellschaft) ethnisch differente neben autochthon-deutschen Kindern zeigen. Eine Mutter meint beiläufig, dass die Bilder als Spiegel der Realität „unserer” Kinder versagen. Als radikale Intervention mit einer Othering-Krawallnuance ist die Äußerung kaum zu identifizieren. Wer will schon nicht „wir“ sein. Erzieher*innen fürchten, mit demokratischen, den Menschenrechtsstandards gerecht werdenden Positionen anzuecken und durchzufallen in Auseinandersetzungen mit rechtsradikalen Elternkadern, die maskiert argumentieren.

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