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08.01.2019, Jamal Tuschick

Neues aus der Reihe Kombattanten im Kulturkampf - Wie alles anfing.

Feridun Zaimoglu sagte: „Die Konfliktlinien verlaufen nicht zwischen den Kulturblöcken, sondern innerhalb der Kulturkreise.“

Nie sah Schiller das Meer, nie die geografischen Gegenstände seiner Stücke. Weit war sein Denken, eng die Existenz. Wenn du Dinge sehen musst, um sie zu begreifen, dann ist Schriftsteller der falsche Beruf für dich. Jiménez und ich erreichten Latour de Carol. Da hatten im Februar Neununddreißig geschlagene Republikaner französischen Boden erreicht. Anarchisten, Kommunisten, Brigadisten, die weggebrochene katalonische Front (26. Abteilung), alles in allem zwölftausend Mann auf der Flucht. Viele wurden aufgegriffen und interniert im langen Winter der Anarchie.  

In Latour de Carol lebte der greise Germanist und Subkulturforscher Otto Schilb. Der Legende nach lebte er da als emeritierter Eremit. Wir trafen ihn in einem roten Ziegelbau, bestimmt ursprünglich für einen Verwalter. Man ahnte eine große Anlage mit Herrenhaus, Ställen und Remisen als einer im 19. Jahrhundert vielleicht schon vergangenen Erscheinung.

Rot war die Farbe bürgerlichen Selbstbewusstseins. La ville rose nannte man Toulouse. Die Stadt war um ein rotes Rathaus herum entstanden.

Im Ruhestand war Schilb zu einer Leidenschaft seiner Jugend zurückgekehrt – zu Goethes erstem „Faust“-Wurf. Der gelang Goethe mit fünfundzwanzig, siebenunddreißig Jahre vor jener Fassung, mit der mein türkischer Urgroßvater ins Feld gezogen war –voller Bewunderung für alles Deutsche, angefangen bei der Ingenieurskunst und dem Eisenbahnbau.

In der frühen Faustfassung schimmern sagenhafte Vorlagen durch, die im protestantischen Widerstand gegen den Obskurantismus des 16. Jahrhunderts und in zeitgenössischer Nähe zu Luther entstanden waren – und sich von der Biografie jenes Johann Georg Faust ernährten, der alle Gründe des Himmels und der Erde mit Magie erforscht zu haben glaubte. Goethe stand unter dem Einfluss von Shakespeare, als er, dem „Sturm“ näher als der Klassik, die frühe Fassung schrieb. Darauf wurde hingewiesen, von Brecht erst, dann von Heiner Müller, der einem Shakespeare des 20. Jahrhunderts Horrorfilme zutraute, diese Formerzwingung wie im Blutrausch, und Faust so charakterisierte:

„Da ist ein Mann, der fühlt sich alt und will gern jung sein.“

Er zieht den Teufel zu Rate und was an dessen Rat schlecht ist, bekommt einem Mädchen schlecht. Von der Mutter zur Magd gemacht, kann das Mädchen die Schönheit gar nicht haben, die Faust in der eigenen Verblendung entdeckt. Dass man sich im Schmerz vollendet, nicht in der Liebe, steckt als Kern im Stück und wurde zurzeit von Jiménez bewiesen. Ich gab ihr immer noch den Vorzug, obwohl sich ein halbes Dutzend Frauen sehr um mich bemühte, und ich in Lara auch eine Frau hatte, die mir nicht weniger Freude als Kummer bereitete.

Schilb war die Wissenswurst im Schlafrock, er moussierte in Jiménez‘ Aufmerksamkeit. Es war immer das gleiche Spiel, meine Beiträge verzinsten solche Herrschaften niedrig.

Ich feilte wochenlang am Vortrag, fraß mich durch Bibliotheken, fraß Staub, der sich in Jahresringen in mir festsetzte, machte Liegestütze und Sit-ups, um dann so was zu ernten: „Das hat der doch irgendwo abgeschrieben.“  

„Du bist ein schwarzes Loch der Gelehrsamkeit“, behauptete meine Mutter. „Es stünde besser um dich, wäre weniger an dir dran.“

Schilb war mit achtzig noch eitel genug für eine Perücke und einen toupierten Bart. Die Frau im Haus stellte er als Zugeherin vor, die pünktlich Pillen reichte. Sie bediente uns drakonisch. Bot brutal Sandkuchen an. Der schmeckte nach seinem Namen.

Ich vermutete die Frau fest im Haus. Ich hielt sie für eine Marokkanerin, sie sah mich streitlustig an. Ich war in ihrem Territorium, bewaffnet mit Kulturtechnik.

Der alte Professor war Beute.

Vor einem Panoramafenster zeigte sich ein Junge. Scheu gemacht von den Fremden im Haus, verschwand er wie ein Bock im Unterholz. Das Unterholz wirkte wie ein Verhau. - Eine Grenze. Jenseits der Grenze griffen Scharen in die Erde. Ich war schon auf dem Zahnfleisch durch Frankreich gekrochen und hatte in Mülltonnen nach Essen gekramt. Wie schön war es gewesen, zu einem Melonenfeld zu kommen. Das Fruchtfleisch stillte Hunger und Durst. In der Überreiztheit einer Unterversorgung wurde schon Tabak zur Droge. Man halluzinierte sich durch die Zeit bis zum Ende der Sommerferien.

Schilb nannte die Marokkanerin Gretchen. Er wollte in Frankreich nicht nur sterben. Auch seine Asche sollte bleiben, wo es Schnee auf den Gipfeln und Savannenhitze in den Tälern gab.

Schilbs Vater war Generalkonsul in …* und Generalsekretär der …-Stiftung gewesen. Jurist, Musiker, Schriftsteller. Er führte ein von im Namen. Das hatte der Sohn gestrichen. Otto Schilb fand alles im Faust, einschließlich der „Orgien des Vergessens“ im Zuge der Zerstörung „unserer europäischen Erinnerungskultur.“

*Ich finde das Weitere nicht mehr in meinen Unterlagen.

Mit jedem akademischen Greis ging das Abendland unter. Da hielt sich einer warm mit einer Kanaka, die nicht halb so alt und bestimmt nicht freiwillig in ihrer Lage war. Er ließ sich die Windeln wechseln, ohne seine Überheblichkeit zu verlieren. Als Kulturhosenträger stand Schilb soweit über Gretchen, dass ihm seine Scheiße und Inkontinenz überhaupt nicht peinlich werden konnte.

Schilb hielt sich auf mit der „Barbarei eines gedächtnislosen Sozialgefüges“, vorauserkannt von Goethe. Er sammelte „negative Memorabilien“.

Ob wir zum Abendessen bleiben wollten?

Die Frage erzürnte Gretchen. Es verfärbte sich. Vermutlich hatte die Frau den Jungen am Fenster zu versorgen. Vermutlich war sie Alphafrau eines Überlebensvereins, von dem Schilb gar nichts wusste. Sie zauberte mit ihrem kleinen Lohn.   

Wir mussten uns unbedingt verabschieden, Jiménez machte keine Anstalten. Ich ging grußlos durch die Tür in den sich selbst überlassenen Garten. Skulpturen im Botero-Stil erinnerten an einen vergangenen Gestaltungswillen. Ich atmete auf, die Luft im Haus war wie ein Kissen gewesen, das einem ins Gesicht gedrückt wird.

Ich fuhr an Platanenspalieren vorbei zur Ariège, die ihrer Gegend den amtlichen Namen gab. Hier leben Leute, die Okzitanisch sprachen.  

Ich überquerte die Grenze hinter Perpignan und hielt erst in Walter Benjamins Endstation Portbou. In einem Tagtraum kannte ich die Strecke von vielen Fahren, so dass sie mir vertraut war wie die A7 zwischen Kassel und Frankfurt.

Ich aß Wildschwein, wo alle nach Fisch riefen, ignorierte die Geräusche meines Telefons und betrachtete, was da kreuchte und fleuchte mit Wohlgefallen.

Das Fleisch schmeckte nach Nüssen in einem Honigbutterbad.

Ich schrieb linkerhand: In den Ghettos des kulturellen Dissens‘ mit optischen Unterscheidungsmerkmalen zur Mehrheitsgesellschaft spielt die Musik laut. Verhaltener äußert sich ein Dissens ohne optische Differenz.

Ostdeutscher Gefühlsuntergrund: Wieder hatte ich ein Wort, das sich um die Welt schicken ließ

Er verlangt keine Deutung. In seiner Heimlichkeit erscheint er als eine die Welt ausschließende Angelegenheit der Minderheit. Die Minderheit setzt sich aus Ostdeutschen zusammen, die Neunundachtzig als Kulturbruch und die Vereinigung als feindliche Übernahme erlebten.

Sie begründen einen historischen Sonderfall. Entscheidende Erfahrungen dieser letzten in der DDR herangewachsenen Generation sind von Wiederholungen ausgeschlossen. Sie lassen sich nur als Fama tradieren. Die Adoleszenz dieser Gruppe wurde von der Wende gestört. Auf dem Dachboden dieser Störung etablierte sich ein ostdeutscher Gefühlsuntergrund. Jana Simon …

Der Koch witterte Nachtluft, er sah aus wie ein Sträfling in Pantoffeln. Er kam mit Sol y Sombra zu einem zufriedenen Gast, es stellte sich heraus, dass ihm das Lokal gehörte und er nach Jahren auf deutschen Baustellen sein Hobby zum Beruf gemacht hatte. Er redete lustvoll über landwirtschaftliche Wildhaltung.

Der Wirt stammte aus dem Süden, er kochte nach dem Geschmack seiner Altvorderen. Er bedauerte, nur Laufkundschaft zu haben; die Einheimischen gingen zu den Eingesessenen. Am Ende der Nacht tagte ich mit ihm in seiner Küche, er grillte Secreto, einen zwischen Schweinerücken und Rückenspeck versteckten Muskel. Das „versteckte Filet“ sollte unser Frühstück werden.

Der Wirt hatte sich auf den Pathosmärkten der Migration eingedeckt, er beschrieb seine Ankunft in Deutschland vor dreißig Jahren im Zaimoglu-Stil. Ein Kabuff mit Nasszelle, landsmannschaftliche Separationen bis zum handfesten Streit. Ein deutscher Vorarbeiter, für den alle Ausländer Ali hießen. Der Wunsch, als Spanier mehr Deutscher zu sein als der Türke in der Kolonne.

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