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08.01.2019, Jamal Tuschick

In Martin Šulíks Film reisen zwei greise Söhne ins Herz der faschistischen Finsternis.

Moribund entfesselt - Eskapismus ohne Katharsis

Seit dem Tod seiner Frau bleibt Ali Ungár für sich. Der Dolmetscher im Ruhestand geht nicht mehr aus und sieht kaum noch seine mit der Betreuung von Flüchtlingskindern befasste Tochter. Sie ist zunächst die einzige Person, die ihn noch mit dem Leben verbindet. Der Achtzigjährige erträgt ihre Lebhaftigkeit nicht mehr. Die Verkopplung von greisem Überdruss und trivial-vitalen Überschüssen auf einem Nebenschauplatz gehört zu den besonders gelungenen Narrationen.

„Dolmetscher“/Slowakei, Tschechien, Österreich 2018 Regie: Martin Šulík. Mit Jiři Menzel, Peter Simonischek

Eines Tages fällt Ungár die Autobiografie des SS-Schergen Graubner in die Hände. Der Autor berichtet von Hinrichtungen im Rahmen einer Besatzungstätigkeit in der Slowakei und der Leser erkennt in einer Schilderung die Ermordungsszene seiner Eltern.
Ungár hat seine Familie im Holocaust verloren und die längste Zeit auf einem atheistisch-pseudokosmopolitischen Hochsitz die Verhältnisse überblickt. Jetzt, mit dem eigenen Tod vor Augen und in dem Bewusstsein der Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens, gewinnt seine jüdische Herkunftsgeschichte paradox Bedeutung. Mit der Hoffnung, Graubner gerade noch rechtzeitig gewaltsam zu den Toten befördern zu können, reist Ungár nach Wien. Er trifft aber nur den Sohn des Täters. Georg Graubner gibt an, den Vater vor Jahren begraben zu haben. Graubner Junior erscheint leichtsinnig, selbstsüchtig und -herrlich. Er hat eine Vergangenheit als Lehrer für Englisch und Französisch. Ein abgebrochener Alkoholentzug erlöste ihn von allen bürgerlichen Verengungen. Moribund entfesselt lässt Graubner nichts anbrennen. Er zwitschert bescheuert um seine Haushälterin herum, die sich die Avancen des Siebzigjährigen auf Honorarbasis gefallen lässt.
Er düpiert Ungár zu seinem Vergnügen und fällt mit widersprüchlichem Verhalten auf. Der Zuschauer versteht nicht, wo Graubners Interesse an der eigenen Familiengeschichte ankert; die Geschichte verliert kurz den Faden. Ungár fährt zurück. Graubner folgt ihm, versichert sich der Dienste des Dolmetschers für hundert Euro pro Tag und macht sich weiter lustig über das Opfer seines Vaters. Schamlos vergleicht er sich mit Ungár und liefert so ein anschauliches Beispiel für das von Michal Bodemann sogenannte Gedächtnistheater, auf dem eine Täter-Opfer-Umkehr vollzogen wird, ohne dass eine kritische Instanz den Vorgang erhellt. Die Exkulpation gelingt.
Graubner verkörpert die Besatzungsmacht in der Uniform des Kapitalisten, der im heruntergerockten Ostblock auftrumpft. Er kauft die Aufmerksamkeit junger Frauen und nimmt die Angebote in den Auslagen der Not selbstverständlich wahr. Die Reise ans Ende der väterlichen Nacht verläuft für den abgesoffenen Seigneur an den Erwartungen des Zuschauers vorbei. Es kommt zu keiner Katharsis. Stattdessen bebildert Regisseur Martin Šulík einen eskapistischen Dauerlauf. Graubners knallroter Mercedeskombi wird aufgebrochen, während Graubner und Ungár in einem Archiv Material aus der faschistischen Okkupationszeit sichten. Seltsam (aber nicht abwegig) wirkt Graubners temporäre Ernsthaftigkeit, wann immer Dokumente und Zeitzeugen ihn mit den Verbrechen seines Vaters konfrontieren.
Er trägt nichts zur Entlastung des Gefährten bei, dem er allerdings das Leben rettet. Jiři Menzel spielt einen geduldig zwischen Erbitterung und Resignation Zerrissenen. In der Gegenwart des Geschehens stellt Graubners finanzielle Überlegenheit in Verbindung mit präpotenten Anwandlungen eine Zumutung dar, der sich Ungár zunehmend wollüstiger aussetzt. Die Geschichte wiederholt sich unter anderen Vorzeichen dann doch nicht. Peter Simonischek spielt einen alten Lebemann, der ständig Fünfe gerade sein lassen will, jedoch in seiner Ungenauigkeit so festsitzt wie in einer Falle. Beide Männer erreichen selten äußerste Punkte existenziellen Begreifens, etwa in der Auseinandersetzung mit einem dementen Pflegefall, der sich plötzlich sehr gut an Kollaborationsgräuel slowakischer Gardisten erinnert.
„Die Deutschen wollten sich nicht selbst die Hände schmutzig machen.“
Aus den faschistischen Kollaborateuren wurden kommunistische Opportunisten, die Ungár zu einem weiteren Opfergang bewegten. Schließlich legte sich der Dolmetscher eine Pistole zu, um sich wenigstens nie mehr schlagen lassen zu müssen. Mit der Waffe reiste er nach Wien. Sie findet da eine letzte Verwendung.

 

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