MenuMENU

zurück zu Main Labor

11.01.2019, Jamal Tuschick

Michel Houellebecq - Wer Kinder kriegt, hat recht – In „Unterwerfung“ aktualisiert der Islam das alte Getriebe des abendländischen Patriarchats.

Fellatio und Antisemitismus

Das Islam-Interieur im Roman erscheint fast museal, obwohl sein Lack in der Zukunft von 2022 absplittert. Keine neue Information steckt darin. Das macht die Geschichte, die Houellebecq erzählt, nicht klein. An einer Stelle imaginiert sich des Autors Alter ego, ein seelisch verwahrloster Philologieprofessor, in die Nähe seines einzigen Karrierevehikels Joris-Karl Huysman. François behauptet, sein Habilitationsgegenstand habe sich nach „einer Kochtopf-Frau“ gesehnt, die in gewissen Stunden „zur Dirne“ wird. Das erzählende Ich erwähnt, dass eine Sauce béarnaise komplizierter ist als diese Kombination von Eigenschaften. Die Nähe von Kochtopf und Kopftuch ist ein Lapsus, der Skandal des Romans besteht darin, einer einfachen Wahrheit nicht die Aussicht zu verstellen. Das Ende des sozialdemokratischen Laissez-faire braucht den Islam nicht als Niedergangsbegründung. Was zählt, ist Fertilität – sind die demografischen Parameter, die eine Gesellschaft nicht vor die Hunde der Kinderlosigkeit gehen lassen. Die Islamisierung der französischen Republik re-organisiert das auf einen Buchgott bauende Patriarchat als Garanten der Reproduktion. Der Islam modernisiert ein altes Getriebe. Das stellt die Islamdebatte von den Füßen auf den Kopf und verweist auf Rom zu Konstantins Zeiten. Eine entschlossene Minderheit pumpt Leben in einen anachronistischen Staat. Ihre Symbole avancieren zur Signatur der Herrschaft. Legionen ziehen mit dem Kreuz auf ihren Schildern in die Schlacht.

Wer Kinder kriegt, hat recht. François‘ Eltern, die Babyboomer meiner Generation, jazzten die Negation ihrer traditionellen Rollen hoch, im Einklang mit den antiautoritären Parolen und den Egoismus-Verherrlichungen einer Ära. François fürchtet, selbst in einem Bürgerkrieg bei seinen Eltern keine Aufnahme zu finden. Selbstverständlich leben die Eltern getrennt, selbstverständlich erneuert sich der Vater in der Beziehung zu einer Jüngeren.

Houellebecq zeigt Bruchstellen. Er konturiert die Chancen einer Volksgemeinschaft, die sich religiös definiert. Gesellschaften sind immer dann erfolgreich, wenn ihre dominanten Formeln sie nicht davon abhalten, aufzusaugen, was sich jenseits der Grenzen aufsaugen lässt. Im Roman greift eine der Staatsmacht nahe gekommene islamische Bruderschaft in Koalitionsverhandlungen nicht nach dem Finanzministerium, sondern krallt sich das Bildungswesen. Koedukation perdu.

Präsident Mohammed Ben Abbes islamisiert die Universitäten und degradiert die Frauen zu Funktionskörpern. Der akademische Abschluss wird zum Accessoire. Fortpflanzung steht höher im Kurs als Qualifikation.

François leistet keinen Widerstand. Er ist so politisch „wie ein Handtuch“.

Er ist zersetzt. Er setzt seine soziale Existenz mit Gebärden des Leibes gleich: Migräne, Zahnschmerzen, Hämorrhoiden. Er macht eine unappetitliche Rechnung auf. Hauptsache, der Schmerzpegel schlägt nicht ungebührlich aus.

Er schillert in den Nuancen der Farblosigkeit, während der Westen in Agonie fällt. François erkennt einen Zusammenhang zwischen Monotheismus und gesellschaftlicher Stabilität.

Er ist entkernt. Houellebecqs Ansage liegt auf der Hand: Das ist der durchschnittliche Europäer, den strengt schon an, sich die Butter vom Brot streichen zu lassen. Ihm gegenüber stehen die anderen, vom Mangel geformt, von keinem Verzicht überrascht, angekommen und aufgenommen in der Überpersönlichkeit einer Idee, die ihre Zukunftsfähigkeit aus ihrer Beständigkeit zieht. Der Islam wurde vom Kapitalismus beschleunigt, jetzt wirkt er selbst als Turbo.

Houellebecq verkoppelt Fellatio mit Antisemitismus, François hat den Verlust einer jüdischen Geliebten zu bedauern, Jahrzehnte jünger, abgegriffen, aber muss ich das sagen, aus dem Kontingent der „frischen Ware“, die seinen Arbeitsplatz flutete, bis Mohammed Ben Abbes den Elysée-Palast orientalisierte. Myriams Eltern gingen den Ereignissen voran nach Israel, wo jene Bedrohung bereits real ist, die sich im Verlauf der Geschichte auf der französischen Landkarte erst abzeichnet.

Der Alptraum Geschichte schiebt eine ruhige Kugel im Roman. Houellebecq spielt alles herunter, der Anpassungsdruck wechselt einfach nur die Erkennungsmelodie. In der Sauerstoffarmut seiner Bequemlichkeit könnte sich François direkt zur Ruhe setzen. Er sichert sich ab mit einer Analogie: Huysman ging ins Kloster: „Da hat man wenigstens ein Dach über den Kopf.“

François‘ geistiger Horizont erschöpft sich endlich in einer anekdotischen Funktion.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen