MenuMENU

zurück zu Main Labor

12.01.2019, Jamal Tuschick

„Das Mädchen, das lesen konnte“ verschenkt die Chancen einer interessanten Konstellation an den Kitsch.

Seicht

 

 

Mitte des 19. Jahrhunderts ergibt sich in den provenzalischen Alpen ein sozialer Sonderfall. Im Zuge eines Staatsstreichs werden die Männer eines republikanischen Dorfes ermordet oder abgeführt. Während sich Präsident Louis Napoléon Bonaparte (1808 bis 1873) zum fanzösischen Kaiser aufschwingt und das Parlament entmachtet, verliert der Alltag der Zurückgelassenen seine überkommene Struktur. Das Dorf der alleinstehenden Frauen wird zu einem Labor und das Soziale zum Experiment.  

„Das Mädchen, das lesen konnte“, Spielfilm, Frankreich. Regie: Marine Francen. Mit Pauline Burlet, Alban Lenoir, Géraldine Paihas

So reizvoll die Versuchsanordnung erscheint, so missglückt ist Marine Francens Darstellung der Konstellation. Die Regisseurin liefert ein Schäferstück ab, das sich aus lauter Stillleben zusammensetzt. Sie historisiert.   

Der Film dramatisiert die Aufzeichnungen der Dorfschullehrerin Violette Ailhaud, die mit dem Abstand eines halben Jahrhunderts Ereignisse ihrer Jugend zusammenfasste.

Pauline Burlet spielt die Hauptrolle mit viel Liebreiz und zögerlicher Anmut.

Violette ist die einzige im Dorf, die lesen kann; ein paar Bücher sind der wertvollste Familienbesitz. Nach dem Verlust des Vaters schließt sie sich mit ihrer Mutter Marianne (Géraldine Pailhas) und dem jüngeren Bruder einem Frauenkollektiv an, das zwischen Webstuhl, Backstube, Aussaat und Ernte sich zu einer neuen Systematisierung der Landwirtschaft gezwungen sieht. Die Älteste wirkt als Äbtissin der im Grunde klösterlichen Schwesternschaft. Geschickt kappt sie Blüten der Missgunst.

Drei Generationen arrangieren sich - die Ehefrauen, die (ob ihrer Jugend) Ledigen und die Kinder. Alle ziehen am Strang der Notwendigkeiten, die das Überleben unter verschärften Bedingungen dikiert. Wo Raum zum Träumen bleibt, träumen die jungen Frauen von eigenen Familien. Wenigstens Kinder wollen sie, um ihrem Dasein eine Bedeutung zu geben. Das wird so rustikal erzählt. Die Frauen erscheinen munter und fähig; sie finden für ihre Lage Lösungen. Trotzdem suggeriert die Regie, sie seien halbiert. Sie halluzinieren den Wiedereintritt des Männlichen in ihre Sphäre und versprechen einander, sich jeden Mann zu teilen, der sich bei ihnen blicken lässt.

Eines Tages taucht der Hufschmieds Jean (Alban Lenoir) auf und zwar so, als sei er von einem Begehren gezeugt worden. Rasch überzeugt er die Frauen von seiner Tüchtigkeit. Eine Ernte wird mit ihm zum Rekordereignis. Violette versorgt ihn hausfraulich, die Verbindung ist schicksalhaft dimensioniert. Auch Jean kann lesen und hat sogar ein Buch von Voltaire zur Möblierung der Freiheitssehnsüchte. Der Geist der Aufklärung erreicht den Gipfel der Liebe in einem Akt der Verwandlung. Die keusche Violette zeigt sich kokett. Sie fühlt sich von ihren Rivalinnen herausgefordert und auf den Prüfstand gestellt. Die Schilderung verkitscht den Wettbewerb in einer faden Nachahmung des Elegischen.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen