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25.05.2018, Jamal Tuschick

Feridun Zaimoglu – Bruder, du bist meine Stimme

Plötzlich keimte Interesse. Plötzlich hieß es: „Du kennst doch diesen schreibenden Türken. Wie heißt der noch mal?“

In der nächsten Stufe: „Gib mal die Telefonnummer vom Zaimoglu.“

Man sprach den Namen zunächst undifferenziert aus. Auf einmal wussten aber deutsche Redakteure, was ein yumuşak ge ist. Das g in Zaimoglu ist weich und müsste korrekt so geschrieben werden: ğ.

Las Zaimoglu Deutschländern vor, ergaben sich sakrale Stimmungen. Man versicherte ihm: „Bruder, du bist meine Stimme.“

Es schien, als könne Zaimoglu Leute mit Worten ernähren.

„Du machst uns satt mit deinen Geschichten“, sagten sie. Nach den Lesungen drang man nicht mehr zu ihm vor. Landsmannschaftliche Begeisterung schloss ihn ein.

Er änderte Kurse. Nun sprach man über Immigration anders als zuvor. Zaimoglu meldete, dass die Nachkommen der Einwanderer weder aus einem Kanon der Ursprungsgesellschaften ihrer Eltern und Großeltern noch nach Maßstäben der Mehrheitsgesellschaft zu verstehen seien. In den „Kiezen der Metropolen“, so Zaimoglu, „mutieren sie zu Bruchkreaturen und Kanakbrocken“. Sie verletzten das Unauffälligkeitsdogma der Integrierten.

Der Aufstieg einer Beleidigung zur Ordenskategorie ging auf Zaimoglu zurück. Er verschaffte dem Schimpfwort Kanake eine Karriere. Kanakische Verhältnisse rückte er in die Nachbarschaft der Modernisierungsverlierer mit deutschen Eltern.

„Es geht nicht um ethnische Differenz, sondern um soziale Probleme“.

Zaimoglu führte aus: „Ethnie ist eine Ware in der Politik.“

Soziale Probleme würden „ethnisiert“.

Der Literaturbetrieb war in den Neunzigerjahren eine Angelegenheit für pendelnde Profis. Sie bespielten Nischen und empfahlen sich gegenseitig auf publizistischen Flohmärkten. Sie besprachen die Bücher, die sie oder ihre Freunde geschrieben hatten und kündigten sich als Veranstalter von Lesungen selbst an. Aus ihren Reihen kam Häme. Man mokierte sich über Zaimoglus Erscheinung. Stichwort „Fotzenbart“. Man sagte: „Du machst uns doch auch nur den Four-Letter-Ali“. Man reagierte auf einen Fremdkörper. Man reagierte rüde.

Es gab diesen Augenblick im Jahr Siebenundneunzig, da bäumten sich rebellische Autoren gegen Zaimoglu auf. Sie wollten keinen Radikalen links von sich am Trog. Sie behaupteten, ihn durchschaut zu haben.

In einer Welt des Sekundären erzielt man Gewinn mit Primärkenntnissen. Ich wusste, dass Zaimoglu sich auf Eldridge Cleaver bezog, dass von Cleaver die Attitüde kam. Cleaver hatte sich auf William Du Bois bezogen und ihn weitergedacht. „Soul on Ice“ war im Folsom Prison entstanden. Nun war Cleaver außer Kurs gesetzt, das heißt verfügbar. Ich fand das klug, Zaimoglu ging geschickt vor. Er erreichte die Gesellschaft jenseits der Zirkel. Er hechtete von Lesung zu Lesung. Er las vor zehn Leuten an einer Bushaltestelle auf dem Dobel und vor dreihundert in Wuppertal. Er sagte: „Die meisten ziehen die Karte ihrer Ethnie.“
Das fand er schade und verkehrt. Er spielte mit dem Begriff „Mutant“, „uns mutiert die Zukunft“. Anderen sagte er: „Ihr habt Angst vor unserem Sperma.“

Wir sind Deutsche. Das ist der Plan.

Der Pöbel tobte. Deutsch könnt ihr auf keinen Fall sein, schrie er.

Wir können doch besser Deutsch als ihr, entgegneten wir sachlich. Wir sind außerdem intelligenter und sehen besser aus. So ging das zwei hitzige Jahre hin und her. Eine Fraktion im Publikum stellte sich Außenstehenden als kompakte Gruppe dar. Sie trat in Flensburg nicht anders in Erscheinung als in Rosenheim. Das waren unruhige Leute. Zaimoglu wusste, dass die Energie, die ihn beschleunigte, auch vom bösen Ende floss.
„Na und“, sagte er. „Mögen die Ethnoprolls auch allesamt bloß Spielothekenganeffs sein, man hört sie doch, Hand aufs Herz, sprechen und handeln.“

Morgen mehr.

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