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16.01.2019, Jamal Tuschick

Nachwuchsstimmen

Warum muss ich mich labeln? Zwei Noise Voices – Diverse Ichs.

Oft werde ich mit der Frage konfrontiert, warum ich identitätspolitisch arbeite.

Alle FrauenLesbenTrans*Inter*Personen (FLTI*) sind von sexualisierter Gewalt betroffen. Gleichzeitig variiert jedoch die konkrete Erfahrung. Diskriminierung aufgrund von geschlechtlicher Zuschreibung, Sexualität, rassistischer Zuschreibung, Religion, Nicht-Behinderung und sozialer Stellung überlagern sich auch in diesem Bereich. Das zeigt sich beispielsweise bei behinderten Personen, denen häufig die Selbstbestimmung über ihre Sexualität abgesprochen wird. Im Falle sexualisierter Übergriffe ist es für sie daher besonders schwer, Gehör und Unterstützung zu finden. Sexismus und Rassismus treffen zusammen wenn beispielsweise (deutsch-) asiatische FLTI*Personen in übersexualisierter Weise dargestellt werden. Oft wird ihnen dabei eine besondere Unterwürfigkeit unterstellt. Das geht gar nicht! Feminismus muss antirassistisch sein!

Oft werde ich mit der Frage konfrontiert, warum ich identitätspolitisch arbeite. Ich frage mich dann, wie ich sonst arbeiten soll. Mir ist bewusst, dass sich wahrscheinlich wenige Menschen mit dem Begriff „Deutsche Asiat_innen“ identifizieren oder sogar mit People of Color. Allerdings ist genau die Unsichtbarkeit bestimmter Gruppen ein Problem, wo ein Diskurs nur durch die Sichtbarmachung von z.B. Deutschen Asiat_innen/ asiatischen Deutschen, asiatisch gelesene Menschen etc. etc. angetrieben werden kann. Ich habe den Begriff Deutsch-Asiaten gewählt, weil dieser, wie „Deutsch-Türken“, bereits in den deutschen Medien vorkommt. Ich finde es nicht notwendig neue Termina zu erfinden, mir ist es nicht wichtig als „Deutsche“ gesehen zu werden, sondern als ein Mensch, der nicht wegen seines Aussehens exotisiert und verfremdet wird. Wir leben nicht in einer post- rassistischen Gesellschaft. Stattdessen möchte ich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass kein Begriff einer ultimativen Beschreibung von komplexen Individuen gerecht werden kann.

Letztens wurde ich als „Kartoffel“ bezeichnet. 

Letztens unterhielt ich mich mit jemandem, der hier geboren und aufgewachsen ist. Ich bin woanders geboren und zum Teil hier aufgewachsen. Also erzählte ich ihm davon, dass ich mich weder zum einen noch zum anderen zugehörig fühle. Ich sagte ihm, dass sich meine Identität anfühlt, als sei sie unvollständig, ein diffuses Gefühl von mehreren Puzzleteilen, die nicht zueinander passen. Ein omnipräsentes Gefühl von Erklärungsnot, fehlender Selbstakzeptanz und ein bisschen Scham. Ich beteuerte ihm, dass ich nichts von nationalistischem Bewusstsein halte, aber dass ich gerne mehr Konsistenz in meiner Biographie hätte. Dass es nervt, als „exotisch“ zu gelten oder unter „unkonventionellen“ Lebensbedingungen aufgewachsen zu sein. Nicht, weil ich konservativ bin, sondern weil ich in einer konservativen Gesellschaft lebe, in der ich alles erklären muss, was von der Norm abweicht. Eine unbequeme Lebensrealität. Er antwortete: „Ich fühle mich auch nirgends zuhause. Ich könnte jedes Wochenende woanders hinreisen.“ Er sagte abschließend: „Am Freitag fahre ich beispielsweise wieder nach München zu meinen Eltern“. Schweigepause.

Letztens wurde ich als „Kartoffel“ bezeichnet. Ich sei doch „genauso Kartoffel, wie jede andere Person in Deutschland auch“. Weil ich mich hier doch so gut eingefunden habe. Weil ich die Sprache so gut spreche. Weil ich doch so viele Freunde hier habe. Damit hatte er Recht. Trotzdem sträubte es mich am Gedanken an die Kartoffel-Metaphorik. Nicht, weil ich den Begriff als übermäßige Beleidigung empfunden habe und auch nicht, weil ich meine Angepasstheit in einer Gesellschaft leugne. Es ist viel mehr die menschliche Angewohnheit, mich kategorisieren zu wollen, die mich stört. Wenn ich kein Ausländer bin, dann kann ich nur Kartoffeln sein. Ich will keine Lorbeeren dafür, dass ich den meisten nicht als andersartig auffalle. Dass ich nun als der ihre anerkannt werde, bringt mir einen Scheiß. Ich bin nicht Teil von ihnen. Ich bin weder noch.

 Letztens wurde ich gefragt, ob ich mich als „People of Color“ fühle. Ich sagte, „teils, teils“. Teils ja, denn ich habe diskriminierende Erfahrungen gemacht. Alltägliche und institutionelle Rassismen sind Teil meiner Lebensrealität. Ich kann mich also gut mit einem Konzept identifizieren, welches diese sichtbar machen will. Aber dass ich damit Nutznießerin einer lang umkämpften Bewegung bin, welche ursprünglich die schwarze Bevölkerung empowern wollte, macht mich stutzig. Der Begriff unterliegt einer Dichotomie von Weiß und Nicht-Weiß, in der ich mich nicht wirklich wiederfinden kann. Wenn man weder schwarz noch weiß ist, was ist man dann? Darf ich mich als PoC labeln? Will ich mich überhaupt labeln?- Zumindest die letzte Frage kann ich beantworten: Nein.

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