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18.01.2019, Jamal Tuschick

Mobile Bodies – Local Bodies – Queer Bodies

Stay tight & tough – Ein Deutsche Asiat*innen/Make Noise-Mitschnitt

1.

Bei den Asian Diasporic Film Shorts fand ich mich selbst in den Charakteren wieder und staunte wie intensiv die Auswirkungen waren, asiatisch gelesene Menschen non-stereotypisiert auf einer großen Leinwand zu sehen, die zudem viele meiner Gedanken zu Entfremdung, Exotisierung und namenloser Erschöpfung artikulieren konnten.

2.

Wie diskutiert man Rassismus in einer Gesellschaft, die ihren Rassismus nicht erkennt? Hourya Bentouhami argumentiert, dass eine Gesellschaft als rassistisch identifiziert werden kann, die sich selbst nicht als rassistisch sieht. In einer willkürlich deklarierten post-rassistischen Zone gehört Rassismus nicht mehr zum Alltag, sondern der Vergangenheit. Deswegen müssen Minderheiten jedes Mal neu begründen, warum ihre Rassismuserfahrungen universal sind. Gleichzeitig wird die eigene Individualität durch Essentialismus aberkannt: „Es ist deine Community, die durch deinen Mund spricht.“

3.

Nach W.E.B. Du Bois‘ „The Souls of Black Folks“ sehen sich Minderheiten stets durch die Augen anderer. In den Würdigungen der Fremdzuschreibung als „Ausländer*in“ kommt es zu verschiedenen Abwägungen von Handlung & Habitus.

Was ist die weiße Norm und wie nah bin ich dran?

Charles Mills klärt in seinem Beitrag zu dem Sammelband Race and Epistemologies of Ignorance (herausgegeben von Shannon Sullivan und Nancy Tuana) den Begriff „benevolent white“/„white ignorance“. Die Aussage „Ich sehe dich nicht als schwarze Person“ ist mit einer „tiefen Kolonialisierung des Geistes“ verbunden, in der die Selbststigmatisierung erst durch die Anerkennung weißer Menschen aufgehoben werden kann. In der postkolonialen Ära erscheint der Kolonialismus überwunden und seine Folgen sind „Probleme“ allein der kolonialisierten Gesellschaften.  

4.  

In Maxine Hong Kingstons Roman The Woman Warrior (1976) https://en.wikipedia.org/wiki/The_Woman_Warrior erlebt die Heldin als Kind chinesischer US-Immigranten Schwierigkeiten mit der eigenen Identitätsentwicklung. Sie registriert die Unsichtbarkeit der chinesischen Community und die kulturellen Minderwertigkeitskomplexe gegenüber anderen Ethnizitäten.

Die ständig auftretende Frage nach dem Selbst sowie die Abneigung sich mit der von der Gesellschaft zugeschriebenen Identität identifizieren zu müssen, werden von Kingstons Protagonist*innen immer wieder aufgegriffen. Interessanterweise hat Kingston eine fantastische Erzählweise (oder genauer eine Erzählung im Stil des Magical Realism) gewählt: Die Geschichte wird mittels einer chinesischen Fabel erzählt, was oft als „Selbst-Orientalisierung“ kritisiert wurde (siehe Frank Chin). https://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Chin

Besonders im letzten Kapitel  „A Song for a Barbarian Reed Pipe“ offenbart sich die Verachtung für den eigenen „asiatischen Körper“, der von der westlichen Welt als zerbrechlich und unterlegen definiert wurde, und der eigenen Stummheit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Die Heldin mobbt eine Klassenkameradin, ebenfalls Kind chinesischer Einwanderer, und zwingt sie zum Reden. Sie sträubt sich allerdings davor zu sprechen:

  • „I’m going to make you talk, you sissy girl.“ […] I looked at her face so I could hate it close up. She wore bangs, and her cheeks were pink and white. She was baby soft. I thought that I could put my thumb on her nose and push it bonelessly in, indent her face. […] I  did not want to look at her face anymore; I hated fragility. I walked around her, looked her up and down the way the Mexican and Negro girls did when they fought, so tough.“ (209)
  • „Her neatness bothered me. I hated the way she folded the wax paper from her lunch; she did not wad her brown-paper bag and her school papers. I hated her clothes —  the blue pastel cardigan, the whote blouse with the collar that lay flat over the cardigan […] I hated pastels, I would always wear black.“ (210)
  • I hated her weak neck, the way it did not support her head but let it droop; her head would fall backwards […] I wanted a stout neck. I grew my hair long to hide it in case it was a flower-stem neck. […] I wanted tough skin, hard brown skin. I have callused my hands, I had scratched dirt to blacken the nails, which cut straight across to make stubby fingers.
  • „I could see her tiny white teeth, baby teeth. I wanted to grow big strong yellow teeth.“
  • „I don’t like you. I don’t like the weak little toots you make on your flute. Wheeze. Wheeze. I don’t like the way you don’t swing at the ball. I don’t like the way you’re the last one chosen. […] Come on. Get tough. Come on. Throw fists.“ (212)
  • „Do you wan’t to be like this, dumb (do you know what dumb means?), your whole life? Don’t you ever want to be a cheerleader? Or a pompom girl?“
  • „If you don’t talk, you can’t have a personality. You’ve got to let people know you have a personality and a brain.“

Asiatische Mädchen/ Frauen sind introvertiert, unterwürfig und zerbrechlich. Sie sind nicht tough. Sie verachten ihre Klassenkameradin, die genau diese Stereotypen verkörpert. Stattdessen möchte die Protagonistin laut sein, große, gelbe Zähne haben, angsterregend sein. Ihre Klassenkameradin ist ein Manifest ihrer eigenen Stummheit und Hilflosigkeit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Sie hat Angst diesen Stereotypen gerecht zu werden und wünscht sich deswegen zu sein wie die „Weißen“, die „Schwarzen“, die „Mexikaner“; es ist eine Bekenntnis, dass sie sich in ihrem „Asiatischen Körper“ minderwertig fühlt. Die Fremdwahrnehmung und Eigenwahrnehmung sind im ständigen Konflikt. In der Konsequenz falscher oder nicht vorhandener Repräsentation der asiatischen (chinesischen, japanischen, vietnamesischen, indischen …) Kultur in der Gesellschaft entsteht eine Identitätsentwicklung, in der die Herkunftskultur zunächst weniger bedeutungsvoll/ wichtig empfunden wird als die Kultur der Mehrheitsgesellschaft.

5.

In Schwarze Haut, weiße Masken (1952) beschreibt Frantz Fanon das Gefühl der Unvollkommenheit des Ichs und die Abhängigkeit des schwarzen Individuums vom Kolonialisten. Das schwarze Individuum ist losgelöst von seiner „herkömmlichen Kultur“ und versucht die Kultur des Kolonialisten zu imitieren. Bei erfolgreicher Imitation (Beherrschung der Sprache, guter akademischer Werdegang, angesehene Arbeit) erlangt das schwarze Individuum einen gewissen Status in der Gesellschaft des Kolonialisten, diese trägt dazu bei, dass er/sie anerkannt wird. Das schwarze Individuum trägt nun eine weiße Maske.

Ähnliches lässt sich auch bei Integrationsfragen beobachten. Menschen mit Migrationshintergrund, die ein „erfolgreiches“ Leben führen, werden als Beispiele guter Integration gesehen. Die „weiße Maske“ wird den Immigranten aufgezwungen, Erfolg lässt sich nur an der Maske messen. Ein passendes Beispiel ist dieser Artikel von Philipp Nagels:

Wie sich diese Frau gegen Ausgrenzung und Alltagsrassismus durchsetzte

Das Ich-sein

Die Schüler und Schülerinnen der chinesischen Sonntagsschule in Prato schreiben sich mehrere kulturelle Identitäten zu, werden aber von ihren Eltern und weißen Italiener*innen nicht als solche gesehen. Die Protagonistin in Woman Warrior sträubt sich gegen ihren „asiatischen Körper“. Sophie Chung, als „asiatisches Subjekt“ wird erst nach erfolgreicher Überwindung rassistischer und patriarchaler Barrieren sichtbar und akzeptiert. Ideen über Identitäten sitzen im Fleisch. Sie sind nicht zu trennen und können deshalb nicht aufgegeben oder verleugnet werden.  Das Weißsein als unsichtbar herrschende Normalität setzt die Norm. Dieser Eurozentrismus beeinflusst Fragen über Integration, Zugehörigkeit und kulturelle Identität, in der die westliche Kultur dominiert. Es ist deswegen notwendig Glaubensgrundsätze zu hinterfragen (was ist eine „gute“ Erziehung? Was ist „Kultur“, was ist „primitiv?“) und Gelerntes zu rekapitulieren (Geschichtsunterricht: z.B. Kolumbus). Wer sind die Geister unserer Gesellschaft…?

Literatur 

Kingston, Maxine Hong (2015): Woman Warrior. Picador Classic.

Fanon, Frantz (1952): Schwarze Haut, weiße Masken. 

Lorey, Isabelle (1998): „Dekonstruierte Identitätspolitik. Zum Verhältnis von Theorie, Praxis und.“ In: Antje Hornscheid; Gabriele Jöhnert; Annette Schlichter (Hg.) Zum Verhältnis von Feminismus und Postmoderne. Westdeutscher Verlag.

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