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22.01.2019, Jamal Tuschick

Weiblich, sexy, rechtsextrem. - Überlegungen zum Umgang mit rechten Frauen* und ihren Märschen.

(c) Interventionalistische Linke

Unsere Antwort: Feminism Unlimited

Es ist schon ein alter Hut: Die Neue Rechte (1) erstarkt, Pegida gibt es immer noch, die Alternative für Deutschland (AfD) sitzt im Bundestag und die Identitäre Bewegung (IB) baut ihre Strukturen immer weiter aus.

Der Beitrag erschien zuerst hier.

In mitten dieser allgemeinen Rechtsverschiebung fällt die zunehmende Präsenz auf der Straße und im Netz starker Frauen* in den vorderen Reihen extrem rechter und islamfeindlicher Gruppierungen auf. (2) Genannt seien hier etwa Alice Weidel und Beatrix von Storch in der AfD, Marine Le Pen im Front National, Alina Wychera und Melanie Schmitz in der IB und bis 2016 Tatjana Festerling bei Pegida. Darüber hinaus wird bereits seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/16, verstärkt jedoch im Jahr 2018 das orientalistische Bild vom Schwarzen (3), muslimischen und/oder migrantischen Mann* aufgewärmt, der eine vermeintliche Gefahr darstelle für Frauen* in Deutschland und Europa.

Als Feminist*innen und Antifaschist*innen fragen wir uns angesichts dieser Gemengelage: Wie umgehen mit neurechten Frauen*? – Wie mit der rassistischen Vereinnahmung des Schlagwortes „Frauenrechte“? Hierzu wollen wir im Anschluss an eine Podiumsdiskussion zum Thema, die im Mai diesen Jahres stattfand sowie internen Diskussionsprozessen einige Thesen formulieren, die möglicherweise auch für andere F_Antifaschist*innen von Interesse sein können. Wir möchten diese nicht als abgeschlossene Urteile, Ergebnisse oder Ansichten, sondern eher als Anstoß für weitere, breitere Diskussionen verstanden wissen. Darüber hinaus laden wir alle Interessierten ein, sich einzubringen, eigene Positionen zu formulieren und diese mit uns zu teilen.

Kein Sexismus gegen rechts: Lasst uns rechte Frauen* als Akteurinnen* ernstnehmen!

Frauen* erfüllen schon lange wichtige Aufgaben in (extrem) rechten Gruppierungen. Als engagierte Mütter knüpfen sie Anschlüsse an Kindergärten, Schulen und Sportvereine; in eigenen Gruppierungen vertreten sie die “Perspektive des weiblichen Teils der Volksgemeinschaft”; in (vereinzelten) politischen Ämtern rechtsextremer Parteien vertreten sie die gleichen völkisch-rassistischen Ansichten wir ihre männlichen Kameraden. Diese und weitere Aktivitäten (extrem) rechter Frauen* blieben in der Gesamtgesellschaft und unter Antifaschist*innen lange unbesprochen. Grund dafür ist der gesellschaftlich tief verankerte Sexismus, der auch linke Kreise durchzieht.

Gleichzeitig machen Prozesse der Modernisierung und feministische Errungenschaften auch vor der (extremen) Rechten nicht Halt. Insbesondere in der sog. Neuen Rechten fordern Aktivistinnen* immer stärker einen Platz in den vorderen Reihen ein. Während einige dabei am Idealbild der (extrem) rechten Frau* als Mutter festhalten und dieses öffentlichkeitswirksam in Szene setzen, spielen (extrem) rechte Geschlechterbilder für andere Aktivistinnen* kaum eine Rolle – ihnen geht es um die Schließung der Grenzen, um die Ausweisung migrantisierter Personen oder um die Renationalisierung der deutschen Wirtschaftspolitik.

„Weiblich, sexy, rechtsextrem“?! Lasst uns über rechte Frauen* berichten wie über rechte Männer* auch!

Die Gruppierungen, in denen diese Frauen* aktiv sind, profitieren wiederum von der zunehmenden Sichtbarkeit der weiblichen Aktivistinnen*. Präsente Frauen* lassen die Gruppierungen moderner, fortschrittlicher und friedlicher wirken, als sie es de facto sind. Für männliche Interessierte, die nach wie vor die Hauptzielgruppe der (extremen) Rechten darstellen, können weibliche Aktivistinnen* auch ein Ansporn sein, in eine Gruppierung einzutreten.
Um eben dieser Selbstinszenierung (extrem) rechter Gruppierungen entgegenzuwirken ist es notwendig, über (extrem) rechte Aktivistinnen* genauso zu sprechen, wie auch über männliche Aktivisten* berichtet wird. Wer könnte sich etwa eine Dokumentation über männliche Neonazis vorstellen mit dem Titel: “Männlich, sexy, rechtsextrem”? (4) oder einen Artikel mit der Schlagzeile: “Extremist, Geliebter, Täter – Ralf Wohlleben im Porträt”? (5)

Anmerkungen:

(1) Als sogenannte “Neue Rechte” bezeichnet sich eine Strömung des Rechtsextremismus, die Ende der 1960er Jahre entstanden ist. Im Angesicht einer damals wachsenden Neuen Linken sowie des parlamentarischen Scheiterns der NPD vollzogen ihre Anhänger*innen eine strategische Wende. So setzen Neurechte eher auf die Publikzistik als auf Parteipolitik. Sie vermeiden zumeist klare NS-Bezüge, kämpfen z.T. um eine Anerkennung als “Konservative” und haben ihre Rhetorik modernisiert. Auf diese Weise versuchen sie, völkisches Gedankengut wieder salonfähig zu machen, um so von der “kulturellen” zur “politischen Hegemonie” zu gelangen.

 

(2) Mit dem Gender-Sternchen wollen wir darauf hinweisen, dass wir Geschlecht nicht als biologische Tatsache, sondern als gesellschaftliches Konstrukt verstehen. Wenn wir über konservative und rechtsextreme Kreise sprechen, unterscheiden wir zwischen deren Ideologie (in der es nur biologistisch begründete Geschlechter gibt) und ihrer Praxis (ja, es gibt rechte queere Personen).

 

(3) Die Begriffe “Schwarz” und “weiß” bezeichnen nach unserem Verständnis Kategorien, in die Menschen gesellschaftlich eingeordet werden. Sie beschreiben damit ein Machtverhältnis, in dem Schwarzen Menschen rassistisch diskriminiert werden wodurch weiße Menschen gewisse Privilegien besitzen. Den Begriff “Schwarz” haben sich viele so bezeichnete Menschen in langen Kämpfen angeeignet und empowernd besetzt – daher schreiben wir ihn groß. Der Begriff “weiß” hingegen wird durch die kleine und kursive Schreibweise als gesellschaftliche Konstruktion markiert.

 

(4) Der WDR betitelte am 5. Oktober 2015 eine Dokumentation mit: “Die Story – Weiblich, sexy, rechtsextrem”.

 

(5) Am 9. Dezember 2015 titelte das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF): “Extremistin, Geliebte, Täterin: Zschäpe im Porträt”.

Wird morgen fortgesetzt

 

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